Dienstag, 12. November 2013
Schlaflos. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Hat Adorno gesagt. Ich kenne Adorno nicht. Als wäre ich überhaupt in einem falschen Leben, als liefe ich dem richtigen davon oder versteckte mich. Alles ist klein. Die Menschen, mit denen ich zu tun habe, sind klein. Ihnen fehlen die großen Visionen. Ebenso verzettele ich mich mit ihnen und halte mich krampfhaft an einen Tagesablauf, um nicht. Um nicht was. Um nichts. Es geht um das Nichts. Die Auslöschung. Gestern Nacht war mir sonnenklar, dass das Ego, die Persönlichkeit (so wie sie im Vedanta beschrieben wird, nicht in der westlichen Psychologie, dies hier ist nämlich ein philosophisches Dings), endgültig ausgedient hat. Der Krieg, der immer nur ein innerer ist, wie die gita uns lehrt, ist beinahe vorbei. Es gibt nichts mehr zu erreichen, Ruhm interessiert nicht mehr, Geld sowieso nicht und die (körperliche) Liebe hat allen Geschmack verloren. Dies ist überhaupt das Sonderbarste, dass sie, die mich Jahrzehnte atemlos gehalten hat, verblasst, dass das Verlangen schwindet, als wäre sie bloß ein Schnitzel, ja, genau, ein Stück Fleisch auf dem Teller, den ich verständnislos betrachte.

Da geht noch was.

Ein bisschen noch ist da. Ein bisschen Welt nagt noch, da sind die Schreibenden, die Jammernden, die Unwissenden, die Kranken und Sterbenden; als könnte ein kleiner goldener Satz aus meinem Kästlein sie aus dem Schlummer wecken und sofort heil machen. Wozu. Dabei schreibe ich doch nur für mich. Um mich zu erinnern. Um den Weitblick zu bekommen über das grüne Land. Mein grünes Land, um dessen Willen ich aufgebrochen bin. Darüber schrieb ich schon mal. Es sollte der Bericht (m)einer Reise sein, allein, auf einem Frachter über die sinntgeflutete Erde einer möglichen Zukunft. Ich bin nie über das erste Kapitel gekommen, denn es war nicht viel mehr zu tun, als von Ferne auf die vorbeiziehenden Häfen zu schauen.

Atman. Ich hatte einmal einen äußerst aufwühlenden Traum, den mir ein guter Yogifreund auslegte. Er legte mir immer alle wichtigen Träume aus und hatte gewöhnlich Recht. Dieser Traum würde mir bedeuten, dass ich in diesem Leben Atman realisieren würde. Ich würde mein Ziel erreichen, das einzige, das ich je hatte, das wozu ich aufgebrochen war.

Mir ist bewusst, dass für dieses große Ziel alle anderen (kleinen) aufzugeben sind. Aber wie es sich anfühlen würde, dieses Aufgeben, wusste ich nicht. Ich dachte, ich könnte mich willentlich dazu zwingen, ich müsste allem entsagen, aber jetzt sehe ich, das Aufgeben geschieht einfach. So einfach, dass es gar nicht auffällt. Es ist wie dieses berühmte torlose Tor, durch das man gehen muss und wenn man es durchschritten hat, ist es fort (weil es nichts mehr bedeutet).

Ich bin froh, dass das Keyboard beleuchtet ist. Ich sitze im sonst dunklen, kalten Zimmer mit dem neuen selbstgestrickten Kapuzenpullover und einer Wärmflasche auf den zum Schneidersitz gekreuzten Beinen, es ist Südwind, die Züge sind laut wie im Sommer. Eine wundersame Nacht und gleich werde ich schlafen können.