Freitag, 14. August 2020
Ein paar hundert Kilometer entfernt hat ein kleines Wesen gestern Abend das Licht der Welt erblickt. Dass ich jetzt Großtante bin, will ich nur nebenbei erwähnen, denn dieses Menschlein hat sicher eigene Pläne, ohne mich. An diesem Tag wird verkündet, dass Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate Frieden geschlossen haben.

Ich bin hauptsächlich Beobachterin all dieser Dinge, dadurch treten gewisse Teile der Persönlichkeit, die fordernden und wollenden, in den Hintergrund. In diesem Moment empfinde ich eine Art Entspannung, trotz des steten Gefühls, Teil einer Jugendbewegung zu sein in einer unerhörten Epoche zu leben.




Mittwoch, 29. Juli 2020
Es wird immer (w)irrer. Weiterhin bewege ich mich in Erzählungen über diese Welt. In der einen wird alles wieder so wie früher, und so wie es aussieht, ist es fein und richtig. In einer anderen Welt werden wir von einem unsichtbaren Feind bedroht und mit einer Waffe ausgerüstet, die so unausgereift ist, dass spätestens nach Erhalt wir alle sterben. In wieder einer anderen Geschichte ist die Schlacht bereits geschlagen, die Zeitenwende (nebst Weltfrieden) schon da, wir müssten nur genau hinschauen. Nachrichten, die ich für wahr gehalten habe, werden im nächsten Video schonungslos zerlegt, allerdings mit der Rhetorik der Gegenseite, die auf mich genauso plausibel wirkt. Da ist DT der Gute, der Weltenretter, da wird die Wiederauferstehung eines Präsidentensohnes immer wahrscheinlicher, da gibt es QOhrenzupfen und Nasereiben als heimliche Botschaften an die befreundeten Verschwörer. Und Astrologen, die Geburtshoroskope von Entscheidungsträgern referieren, Fremde, die zu Freunden werden, indem man des Nachts ihren hypnotischen Stimmen lauscht. Es gibt Dialekte, denen man nicht lauschen möchte, gut- bzw. schlechtgestaltete Logos und Webseiten, über die man sich jeweils wundert, während Nicht-Betroffene sich theatralisch als Betroffene outen, Mahner dringend zu Diesem und Jenem aufrufen, sich wieder und wieder widersprechend. (Wie die erhobenen Zeigefinger aller Beteiligten sich ähneln, ist bemerkenswert!)

Und mittendrin ich. Eine, die gern (und mit einer gewissen Neugier und Begeisterung) zuhört, aber feststellen muss, dass ihre Unterscheidungsfähigkeit mit der Zeit gelitten hat. Ich hatte einen YT-Account eingerichtet, um Kanäle zu abonnieren und wenigstens auf diese Weise Meinungsgleichheiten zu demonstrieren. Bisher habe ich weniger als zehn Videos geliked und nur eines kommentiert. (Es bleiben vielleicht zweidrei Sachen, die ich noch für grundsätzlich halte.)

Das Getöse im Außen erinnnert mich an den Film "A Beautiful Mind". Dort leistet im Weltkrieg ein Spion über Monate und Jahre akribisch hochwichtige Aufklärungsarbeit – und dann die Momente, in denen die Zuschauer das Geschehen begreifen als die krankheitsbedingte Verwirrtheit des Wissenschaftlers – das ist umwerfend!




Dienstag, 30. Juni 2020
Ein schönes Wort, das ich seit seinem Aufkommen in meinem Geistgefäß herumschwenke. Ich mag die zwei rs und die beiden as, die erstere halten und das Senkrechte und Kursive von N, i und v.

Genauso fühle ich mich gehalten von Narrativen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich bin alle gleichzeitig – die furchtlose Spaziergängerin, deren Atem stets frei fließt, ich bin die Einkäuferin, die aus Rücksicht hinter ihrer Maske japst; ich bin die angebliche Verschwörungstheoretikerin, die Leugnerin und gleichzeitig, in einem Akt des Zwiedenkens, finde ich das zersetzende Handeln der Regierung plausibel; ich pendele zwischen Wut und Angst, während schon erlösende Versprechen locken; ich lebe in einer Dystopie, die 1984 gleicht, in einer schrecklich gleichgeschalteten Matrix, die Demokratie und jegliches magische Selbstverständnis untergräbt, – und über allem die Sterne, die eine wunderbare Zeitenwende voraussagen, nur Geduld.
1984 – Lizenzausgabe des Diana Verlages, Baden-Baden 1950, Einbandentwurf: Kurt Hilscher
1984 – Lizenzausgabe des Diana Verlages, Baden-Baden 1950, Einbandentwurf: Kurt Hilscher

1984 als Taschenbuchausgabe von 1950 hatte ich vor vielen Jahren, Jahrzehnten, aus dem Bücherregal meines Vaters entwendet – und nicht mehr wiedergefunden. Vorgestern trat ich erneut suchend vor meine Büchersammlung und mein Blick traf sofort den dunkelroten Leinen-Buchrücken mit den schwarz gedruckten Ziffern. Ich hatte es als junge Frau von 16 oder 17 Jahren gelesen, vielleicht noch einmal in meinen Dreißigern, den Film ein- oder zweimal gesehen. In meiner Erinnerung kommt der Film nicht an die Schrecklichkeit des Buches heran. Wie sehr es mich geprägt hat, erkenne ich beim nochmaligen Lesen der letzten Tage. Der fürchterliche Höhepunkt der Erzählung ist die Festnahme Winstons und die über Monate währenden Folterungen und Gehirnwäsche. Die schließlich in Zimmer 101 stattfindenden Umschulungen, während der die wahnhaften Vorstellungen der Partei wieder und wieder von O'Brian eintrichternd diskutiert werden, ermöglichen erst noch Winstons kritischen Protest, der zuletzt endgültig vernichtet wird durch Androhung des (für Winston) Allerschrecklichsten.

Als wäre das nicht genug, klingen die Ausführungen O'Brians plausibel. "Wir kontrollieren die Materie, weil wir den Geist kontrollieren. Die Wirklichkait spielt sich im Kopf ab. Sie werden Schritt um Schritt lernen, Winston. Es gibt nichts, was wir nicht machen könnten. Unsichtbarkeit, Levitation – alles. Ich könnte mich von diesem Boden erheben, wenn ich es wollte. Ich will es nicht, weil die Partei es nicht will. Sie müssen sich von diesen dem neunzehnten Jahrhundert angehörenden Vorstellungen hinsichtlich der Naturgesetze freimachen. Die Naturgesetze machen wir."

Ähnliches wird auch von gewissen spirituellen Meistern behauptet. Was das betrifft, stecke ich genauso in einem yogischen Narrativ fest. Mich erschreckt die Stärke der Kraft der Behauptung. Ihr nachgebend würde ich alles glauben! Die Frage ist, was können wir glauben? Welches Narrativ ist das richtige, das wahre? Wo finde ich wahre Wahrheit? Was kann ich wirklich zweifelsfrei wissen? – Ich bleibe dran; in der Zwischenzeit hören Sie die aktuellen Nachrichten. (Nicht vergessen: Ozeanien liegt mit Ostasien im Krieg.)




Mittwoch, 17. Juni 2020
Und immer den Blick nach Südost gerichtet, wo zur Zeit die Gewitter herkommen. Die Sucht nach Aufregung ist beinahe stärker als der Wunsch nach Ruhe und Stille. Die Nachbarin unter mir ist der Überzeugung, ich sei nicht still genug und beklagt nächtliches Türenklappern, das angeblich aus meiner Wohnung kommt. Ich nehme an, niemand in diesem Haus schließt sorgsamer die Türen, niemand geht sanfter abgerollt über Holzböden als ich. Vielleicht ist es ihr ein Dorn im Auge, dass ich so viel mit dem Bildhauer kichere, wenn er bei mir übernachtet. Vielleicht möchte sie auch gern wieder einmal getötet werden, wie im vorletzten Jahr, als sie einige von uns Nachbarn darum anflehte. Ein Schock, jemanden bei seiner Psychose zu erleben. Für Wochen war sie in der Psychatrie, ihre Mutter sagt, sie sei seitdem nicht mehr dieselbe.

Die allgemeinen Vorgaben haben also auch schon das Zuhause erreicht. Die Bewegungen, Be- und Anmerkungen, die Hinweise im Stammcafé, wer darf rein, wer wartet draußen, wie viele dürfen rein, wenn drinnen zwei sitzen, z. B. die Leserin und ich in Erwartung eines entspannten Frühstücksgespräches, und hier noch der Anwesenheitszettel, aber die Wasserkaraffe gibt es nicht mehr, dafür Gemurmel hinter Masken mit zweimal Nachfragen. Nervt.

Weiterhin viel Netzgelese und Offstreamgeschaue. Dabei philosophische Perlen gefunden, die nach all dem Stumpfsinn den Intellekt erregen und eine neu entstehende Aufmerksamkeit für gesellschaftspolitische Themen füttern – vielleicht ist es aber auch nicht hilfreich, zu tief dort einzutauchen und in dunklen Ecken menschlichen Fehlens zu stöbern. Die dadurch ausgelösten Ängste im eigenen Innern ertragen lernen, kommt mir wertvoll vor und schrecklich zugleich.

In den Therapiegesprächen geraten allerhand kindliche Wünsche ans Licht. Ich mag dieses mutige Mädchen (das ich war) von acht oder neun Jahren, das mit all seinen edlen Werten, mit seiner Wut und Kraft zu mir in die Zukunft schaut. Die Beantwortung der Frage, ob es von mir, der Erwachsenen, ebenso enttäuscht sein könnte, wie von den meisten Erwachsenen damals, muss auf morgen warten.




Mittwoch, 13. Mai 2020
Salatfisten... entschuldigung, ich hatte mich verlesen. -- Zu viel Input. Zu viel Überschriften, zu viel Stimmen, die vor sich hinquaken und Meinung haben. Ich wollte ja bloß was wissen, sehen, erfahren und werde das C-Thema nun verlassen, in Ruhe lassen, und sacken (lassen). Die Dinge werden sich entwickeln, verändern, so wie alles ständiger Bewegung unterworfen ist in einer vergänglichen Welt. Ich habe Vertrauen. (Das hört sich ein wenig so an wie in 1984; falls ich mich recht erinnere, lautet die letzte Zeile er liebte den Großen Bruder.)




Mittwoch, 29. April 2020
Nach einem harmonischen Wochenende, das wir lesend im Bett verbringen (der Bildhauer die Autobiografie des Regisseurs und ich durch Verschwörungstheorien und Maskennähanleitungen blätternd, jeweils lachend oder weinend) wollen wir etwas Kunstbedarf kaufen, denn die Kreativität sitzt uns im Reiseschuh. Boesner hat die Grundfläche ordnungsgemäß verkleinert und dazu Teile mit Bändern abgesperrt. So drängt man sich in engen Wegen, wie gut, dass wir nun auch die Masken tragen. An der mit einer Plastikscheibe gesicherten Kasse nenne ich wie üblich meinen Namen, um dem System eine persönlich adressierte Rechnung zu entlocken, diesen versteht der nette junge Mann beim dritten Mal auch nicht, ich ziehe die Maske runter, damit er meine Lippen lesen kann.

Vorm Bioladen, dem einzigen Geschäft, das ich sonst noch betrete, treffe ich die Exsängerin. Sie ist Lehrerin an einer Schule für Gehörgeschädigte. Dort wird (per se) nicht per Gebärde kommuniziert, sondern das Lippenlesen geübt und praktiziert. Natürlich hat im Unterricht dort niemand Masken auf. Sie erzählt von ihrem kleinen Sohn, der alte Sendungen mit der Maus irritiert mit die halten ja gar keinen Abstand kommentiert.

Die Gärtnerin hatte Geburtstag und lud in den Garten zu Getränk und Leckereien. Zu siebt sind wir; im Garten nebenan wird ebenfalls mit erhöhter Personenzahl gebechert. Die Stimmung ist grummelig-entspannt, wir alle sind irgendwie Kreative ohne besondere Geldsorgen bzw. mit neu eingereichter und bestätigter Grundsicherung, lassen es uns hier mit minimalen Mitteln gut gehen, d. h. wir sind einfach und lassen uns von der Sonne bescheinen.

Es will (noch) nicht regnen, aber diese zarten, bereits anderswo abgeregneten Wölkchen ziehen hoch oben und lassen Himmelsblau durchscheinen. G. hat ein regenarmes Zeitfenster zwischen zwei und drei ausgemacht und dann wollen wir uns am Kaffeebüdchen zum Arbeitsgespräch bzw. Coronakritik einfinden. Er kommt aus dem Finanzbereich und hat zur gegenwärtigen Zeitqualität sein ganz eigenes Narrativ. (Dass dieses Wort einmal in meinem aktiven Wortschatz platzfindet, hätte auch ich nicht für möglich gehalten.)




Freitag, 24. April 2020
Zwischen Euphorie und ängstlichen Vorstellungen hin- und herpendelnd; allerdings hatten die Ängste überwogen. Nach der Osterpause wieder zum Gespräch. Mit dem Rad durch die Stadt und den Wald. Mir scheint, der Verkehr hat seit dem letzten Mal sehr zugenommen, ich sehe Jogger auf der Hauptstraße ihre Lungen überlasten. Mein Kalender zeigt eine zu frühe Uhrzeit, eine Stunde ist zu überbrücken. Im dortigen Bioladen werde ich von einem maskierten (ob ich nächste Woche auch so aussehe?), wie mir scheint boxkampferprobten (so sehe ich dann wohl doch nicht aus) Verkäufer angeraunzt, ich solle doch hinter die Linie treten (diesen Satz muss ich hoffentlich niemals zu irgendwem sagen). Um das Franzbrötchen zu bezahlen, muss ich doch über die Linie treten, ein Irrsinn. Wie mir scheint. Es scheint alles nur, es ist es nicht richtig.

Die Therapeutin lässt mich ausweinen, Angst und Mut- und Ziellosigkeit zugeben und eine große allgemeine Erschöpftheit. Überhaupt aber scheint das reine Aussprechen, liebevolle Ansprechen, Ansehen dieser lastenden Gefühle bereits das Heilmittel zu sein. Wir machen eine meditative Übung mit Licht, ich liege dabei auf einer hübschen, wertvoll wirkenden Decke, die sanftes Umfangensein fühlbar machen soll. Später am Tag gehe ich leicht und unbeschwert zum Einkaufen, scherze mit Verkäuferinnen und alles erscheint, tatsächlich, in einem anderen Licht.

Ich hatte zu viele Sachen geschaut, ich war neugierig und wollte (mal wieder) die Wahrheit herausfinden. Wie ist es denn nun um diesen Planeten bestellt? Alles zu Ende? Müssen wir jetzt alle sterben? Ich fand Geschichten und Meinungen, die mir gefielen und welche, die ich nicht teilen konnte. Ich fand Schönes, Zukunftsweisendes, Tröstendes. Und ich fand Schauderliches, Abgrundböses. Die Frage, ob das Böse wahr (bzw. eine eigene Realität hat als Opposition oder nur in das Wahre eingehängt) ist, wird kontrovers diskutiert, von Philosophen, Gläubigen und Atheisten, von Yogis, Buddhisten, von dir und mir. Die Therapeutin schlug vor, dass es die eine Wahrheit nicht gäbe, vielmehr säße jeder in seiner eigenen Blase. Als Arbeitshypothese für den Tag ok, aber letztlich scheint mir eine absolute Wahrheit wahrscheinlicher.

Der Bildhauer und ich waren an der Weser, vorbei an einem Ort, den Th. Zigarettenpause genannt hat. Die Erinnerungen mischen sich sich mit den jetzigen Eindrücken (der Bildhauer raucht allerdings nicht, hat aber Kaffee und Käsekuchen dabei), das ist irgendwie sehr schön. Meist waren Th. und ich gern bei ebensolchem Sonnenwetter mit dem Krad unterwegs; vis-à-vis AKW steht das Fährhaus, vor 20 oder mehr Jahren war es ein geducktes Fachwerkgebäude mit einem fast einsamen Biergarten unter alten Bäumen, dazu Wurst- oder Käsebrot mit Gürkchen und einem schönen Bier. Jetzt wird dort ein weiteres, bestimmt doppelt so großes Haus danebengestellt, der Parkplatz wirkt wie ein eigenes Ereignis und reicht für die Vielen, die da kommen sollen; früher stellte man das Auto irgendwo an die Straße. Der Bildhauer mag nicht bleiben und auch ich finde den Ort nicht mehr reizvoll. Zurück nochmal kurz in die Erinnerung an ein stürmisches, blitzreiches Gewitter vor Jahrzehnten, das ich mit Th. auf einer Bank unterm Dachvorsprung des kleinen Nebengebäudes verbracht hatte, ich zitternd, wir frierend vor Nässe, wenn jetzt das AKW hochgeht, sind wir alle geliefert.

Ich kenne das Bergland hier auswendig, aber anscheinend gibt es neu gebaute Straßen und unsere Karte ist gerade knapp oberhalb zu Ende; als ich verunsichtert das uralte Navi anschalte, führt es uns an einen Feldrand. Wir suchen den richtigen (den wahren) Weg, derweil das Navi durchdreht, weil wir seiner Meinung nach mitten übers Gelände fahren. An der Pass-Straße, die ich nicht wiederfinde, liegt eine Wiese, an der man hochsteigen muss, von dort hat man einen weiten Blick in alle Richtungen. Das nächste Mal, tröste ich uns.




Donnerstag, 16. April 2020
Ostersonntag reiche ich ein paar Aufmerksamkeiten fürs Mütterlein zum Fenster hinein. Es scheint allen soweit gutzugehen, den Bewohnern, dem Kollegium, das guten Mutes sei, wie man mir versichert. Auf dem Weg zurück fahre ich an der Gemeindekirche vorbei, deren Pastorin auch regelmäßig Andachten im Heim hält. Draußen auf dem gepflasterten und mit einer Buchenhecke umrahmten Hof hat sich eine Gruppe Menschen versammelt, Gesang ist zu hören. Mir ist so sehr nach Geselligkeit, dass ich nicht zögere, mein Rad zu stoppen, es an der Hecke anzulehnen und mich den ca. 30 Betenden und Singenden anzuschließen. Pastorin A., weiß gekleidet, liest die Ostergeschichte, eine vierköpfige Kapelle spielt das Kyrieeleison, wir beten das Vaterunser, lächeln uns zu und nach all diesen Tagen geht endlich mein Herz auf – die Freude in dieser kleinen, subversiven Gesellschaft ist so sehr zu spüren. Wir bekommen Segen und Osterglocken mit und eine Grußkarte, die ich daheim am Küchenaltar platziere.

Wie die Natur im Frühling aufgeht, empfinde ich dieses Jahr besonders überwältigend. Trotz der bangen Gedanken, die von hier nach da schwingen, vermag ich den Wald und all die versteckten Orte, die der Bildhauer und ich kennen und aufsuchen, doch zu genießen. Nach einer tränenreichen Aussprache haben wir uns versichert, den Gemeinsamkeiten zu folgen und nicht dem, was uns trennen könnte. Wir sammeln Brennesseln, Gundelrebe und Lungenkraut im Wald, sehen einen Hasen vor uns aufspringen, in der Ferne eine Gruppe von acht, neun Rehen – die hatte ich vor einzwei Wochen schon beobachten und fotografieren können. Auch in der Nähe der Stadt gibt es Wege, die wir neu finden, einen Trampelpfad direkt am Bach, durch urwaldiges Gelände, heimelig, vorsichtig. Plötzlich springt mich etwas großes Dunkles an, leise ohne Stimme, es ist wohl kaum der Biber, der derart um mich herum fliegt, dass ich mich drehe und wende und doch läuft er meinem Blick fort. Dann sehe ich den Hund, ferner, den ich im Wald allein sicherlich für einen Wolf (endlich!) gehalten hätte, schmal, mit langen Beinen und braungrauem Fell.

Gestern hatte das Mütterlein den 89. Geburtstag. Ihre alte Freundin W., selbst gerade 87 geworden, ruft mich an, richtet Grüße aus und berichtet von Kindern und Enkeln, die sich um sie kümmern. Mit einem Strauß zarter Blumen in lila und rosa und hellgrünem Beiwerk stehe ich wieder am Heimfenster. Zufällig ist die Leiterin, Frau M. in der Nähe, begrüßt mich und bietet an, das Mütterlein zu mir zu bringen. Mein Herz schwingt – dass ich das Mütterlein heute sehen kann! Es dauert eine Weile, es ist sicherlich noch im Mittagsschlaf. Eine andere Kollegin (die mittlerweile das Fenster bewachen muss, weil Angehörige verbotenerweise dort einsteigen), berichtet aus dem Alltag; einige Bewohner aus dem betreuten Wohnen ignorierten die Kontaktsperren und würden sich auch sonst sperrig geben, aber viele Alte aus den Pflegebereichen würden die Situation nur wenig anders als vorher empfinden, weil die Begegnungen sich von der Gruppen- nun auf die Einzelbetreuung verlagert, was ja schöner ist und naja, die Demenzkranken bemerken gar nichts besonderes. Drei Bewohner liegen im Sterben, werden gottseidank nicht ins Krankenhaus gebracht, sondern bekommen liebevolle Sterbebegleitung von Ärzten und Seelsorgern. Die Angehörigen dürfen (mit Maske) am Sterbebett weilen – ich bin so erleichtert, das zu hören.*

Da geht der Fahrstuhl auf und mein Mütterlein wird zu mir gerollt. Sie hat rosa Schlafbäckchen und schaut mich, die ich ihr schon zurufe und winke und lächle, erwartungsvoll fragend an, wer bist du? sagt sie. Ich erkläre mich und sie beginnt zurückzulächeln. Frau M. liest ihr meine Geburtstagskarte vor, die von Gefühlen trieft, und das Mütterlein, meinen Blumenstrauß ans Herz drückend, weint ein bisschen und ich auch. Sie wirkt proper und zufrieden, spricht ein paar Sätze, lauscht offensichtlich dem Gespräch, nickt zu Fragen, schaut mal zu mir, mal an mir vorbei zum Straßengeschehen, wir riechen an den Blumen und ich finde sie berührend süß. Nach einer Weile verabschieden wir uns, werfen Handküsschen und mit, wiedereinmal, freudig bebendem Herzen fahre ich über den Deich nach Hause.

* Nachtrag: Ich bin natürlich nicht darüber froh, dass drei Menschen im Sterben liegen. Ich bin froh darüber, dass mein Mütterlein sicher sein kann, dass seine Vorstellungen von einem würdigen Sterben Erfüllung finden.




Freitag, 10. April 2020
Die Zahlen lichten sich, es wird jetzt endlich begonnen, richtig zu forschen. Es gibt einen Eilantrag beim Bundesverf*gericht. Aufregend zu beobachten, wie die Kräfte hin- und herzerren, und in ebendieser (Beobachter-)Rolle zu bleiben ist gesünder. Ich habe es leider nicht geschafft, mich von der Berichterstattung fernzuhalten, lese weiterhin alle zur Verfügung stehenden Quellen, oder sagen wir recht viele, denn einige sind auch mir zu krass und machen Panik einer ganz anderen Sorte.

Da dem Bildhauer wegen fehlender Rechnerausstattung (wegen fehlender Notwendigkeit, sie zu nutzen) nur die TV-Meinung ins Haus kommt, gibt es da leider Unstimmigkeiten zwischen uns. Die sind noch keine Krise, aber die Argumentationen beschäftigen mich sehr. Es ist das erste Mal in den fast sechs Jahren, die wir uns nun kennen, dass wir uns nicht einig sind. Dorthin, wo ich nach Wahrheit, nach Ursache und Wirkung forsche, mag er mir nicht folgen. Und ich muss leider feststellen, dass ich seine Ängste nicht ernst nehmen kann. Da wir weder zu Gesundheitsrisikogruppen zählen, noch zu denen, deren finanzielle Existenz gefährdet ist, können wir zufrieden sein. (Gerade diese Zufriedenheit finde ich aber trügerisch, aus Gründen.)

Jedenfalls kann ich (positv) berichten, dass das Kaffee-Büdchen ein paar Häuser weiter wieder geöffnet hat, dass das Fahrrad schnurrt, dass ich noch zweieinhalb Rollen Klopapier besitze und dass mir das Mütterlein eine Postkarte geschrieben hat – niemals zuvor habe ich Post (mit Briefmarke) von ihr bekommen! Sie ist selbst gemacht, steht in einer fremden Handschrift geschrieben, ebenso meine Adresse und das liebe Ostergrüße von Frau Krabbe. Jene hat aber mit ihren Zickzackkrakeln unterschrieben, ich erkenne es genau. Die Vorderzeite ist von ihr aquarelliert und mit einem großen roten Osterhasen bestempelt. Meine Güte, das ist so süß! Des weiteren erreicht uns die Nachricht, wir könnten mit unseren Angehörigen skypen und auch Ostergaben durchs Fenster neben dem Eingang reichen. Das werde ich morgen machen.

Ich halte nun die Autobiografie des berühmten, mit Lob und Häme bedachten Filmemachers in meinen Händen und während der ersten zwei Seiten, die ich überflug, habe ich mindestens fünfmal gelacht und ebenso oft geschmunzelt. Ich werde diesen christlichen Trauertag also lesend (und lachend) verbringen und melde mich ab mit einem *




Samstag, 4. April 2020
Die Obstbäume des Elternhausgartens leuchten gelborange in der Mittagssonne, überwältigend üppig. Ich will die Szene unbedingt fotografieren und meinem Vater, wo immer er sei, einen wertvoll gerahmten Abzug schenken. Beim Aufwachen noch drängt mich das Vorhaben und nur langsam wird mir klar, dass es die Bäume nicht mehr gibt. Die Käufer des Hauses hatten schon vorletztes Jahr alles aus- und umgegraben, sogar die Bilder von g**gle Earth zeigen die aufgerissene Erde.

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Das alte Macbook von 2011 ist jetzt endgültig hinüber, beim Starten zeigt es erst einen grünlichen Apfel und danach schön ultramarinblaue Streifen. Im Spätsommer letzten Jahres hatte der Fachmann noch die allerletzte Möglichkeit des Platinenbackens unternommen und höchstens noch ein Jahr Laufzeit vorausgesagt. Jetzt benötige ich für das neue Airbook einen anderen 27-Zoll-Bildschirm, der vorige funktioniert nicht mit den neuen Anschlüssen. Ein Irrsinn, jetzt zu investieren? Mal sehen, ich möchte weiterhin gut ausgestattet sein, obschon ich fast gar kein Grafik-Design mehr mache. Auch sind mir nun die Ad*be-Programme nicht mehr zugänglich, die will/kann ich nicht mieten, habe aber die Affinity-Serie erworben, mit der ich schon seit einzwei Jahren arbeite.

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Auf allen Kanälen werden die kritischen Stimmen zum Seuchenhandling deutlicher. Die Petition, die die Erforschung und Sichtbarmachung der realen Zahlen fordert, scheint mir am seriösesten formuliert, hört sich auch für den hartnäckigsten mainstreamer nicht nach Verschwörung an, und hat in kürzester Zeit das Quorum erreicht.

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Ich lese wieder Franny & Zooey. Die Sprache beglückt mich so, dass ich fast weinen muss, dazu belebt sich eine traurige Erinnerung an die große Stadt im fernen Osten, in der ich ein halbes Jahr lebte. Die Prinzessin und ich hatten uns mit den Katzen der Nachbarschaft angefreundet, speziell die Familie um Mum-Cat, wie wir sie nannten, lag uns am Herzen, die nicht nur von uns, sondern auch von Leuten vom anderen Ende der Insel regelmäßig gefüttert wurde. Ich war wieder daheim im Frühjahr und SARS brach aus. Man hatte giftige Köder in der Stadt verteilt, um tierische Übertragungswege des Virus zu stoppen und nach ein paar Tagen fand die Prinzessin Mum-Cat tot im Rinnstein.

*

Dudi berichtet von ihren Katzen, die nach dem Umzug und einem langen inhäusigen Winter ans Haus gewöhnt worden waren. Sie dürfen nun in den Garten und schauen sich fröhlich um beim gemeinsamen Mensch-und-Tier-Spaziergang durch die Umgebung, der ihnen zeigt, wo sie sich befinden. Während wir telefonieren, ertönt das Gemaunze von Fritz, der sich stets in unsere Gespräche mischt; ich bin überzeugt, er findet die Töne der (anderen) Sprache reizend, die sein Frauchen (nur) mit mir spricht.

(Ich erspare Ihnen hier ein weiteres Sternchen.)