Mittwoch, 29. April 2020
Nach einem harmonischen Wochenende, das wir lesend im Bett verbringen (der Bildhauer die Autobiografie des Regisseurs und ich durch Verschwörungstheorien und Maskennähanleitungen blätternd, jeweils lachend oder weinend) wollen wir etwas Kunstbedarf kaufen, denn die Kreativität sitzt uns im Reiseschuh. Boesner hat die Grundfläche ordnungsgemäß verkleinert und dazu Teile mit Bändern abgesperrt. So drängt man sich in engen Wegen, wie gut, dass wir nun auch die Masken tragen. An der mit einer Plastikscheibe gesicherten Kasse nenne ich wie üblich meinen Namen, um dem System eine persönlich adressierte Rechnung zu entlocken, diesen versteht der nette junge Mann beim dritten Mal auch nicht, ich ziehe die Maske runter, damit er meine Lippen lesen kann.

Vorm Bioladen, dem einzigen Geschäft, das ich sonst noch betrete, treffe ich die Exsängerin. Sie ist Lehrerin an einer Schule für Gehörgeschädigte. Dort wird (per se) nicht per Gebärde kommuniziert, sondern das Lippenlesen geübt und praktiziert. Natürlich hat im Unterricht dort niemand Masken auf. Sie erzählt von ihrem kleinen Sohn, der alte Sendungen mit der Maus irritiert mit die halten ja gar keinen Abstand kommentiert.

Die Gärtnerin hatte Geburtstag und lud in den Garten zu Getränk und Leckereien. Zu siebt sind wir; im Garten nebenan wird ebenfalls mit erhöhter Personenzahl gebechert. Die Stimmung ist grummelig-entspannt, wir alle sind irgendwie Kreative ohne besondere Geldsorgen bzw. mit neu eingereichter und bestätigter Grundsicherung, lassen es uns hier mit minimalen Mitteln gut gehen, d. h. wir sind einfach und lassen uns von der Sonne bescheinen.

Es will (noch) nicht regnen, aber diese zarten, bereits anderswo abgeregneten Wölkchen ziehen hoch oben und lassen Himmelsblau durchscheinen. G. hat ein regenarmes Zeitfenster zwischen zwei und drei ausgemacht und dann wollen wir uns am Kaffeebüdchen zum Arbeitsgespräch bzw. Coronakritik einfinden. Er kommt aus dem Finanzbereich und hat zur gegenwärtigen Zeitqualität sein ganz eigenes Narrativ. (Dass dieses Wort einmal in meinem aktiven Wortschatz platzfindet, hätte auch ich nicht für möglich gehalten.)




Mittwoch, 4. März 2020
Das Muttelchen begrüßt mich mich einem einzahnigen Lächeln. Wo hast du denn deine Zähne gelassen, frage ich belustigt. Und sie, die seit Monaten keinen zusammenhängenden Satz mehr von sich gegeben hat, kontert mit sehe ich hässlich aus? Keinesfalls, streichel ich ihr Gesicht und küsse sie, so schöne Haare und so helle Augen hast du! Später beobachte ich sie, wie sie sich mit einer für sie so typischen Bewegung am Hinterkopf rumnestelt, das Haar zu richten.

Es fällt mir immer schwerer sie zu besuchen, aber heute bin ich froh, mich endlich auf den Weg gemacht zu haben. Es hatte viel geregnet und ein Wegstück der Fluss-Auen Richtung Heim laufe ich mit den Gummistiefeln durch knöchelhohes Wasser. Der Stunde, die ich mit dem Mütterlein verbringe, stehen eineinhalb Stunden Spaziergang durch matschiges Bibergebiet gegenüber, und obwohl ich diesen Weg schon tausendmal gegangen bin, finde ich immer wieder Neues – eine Lichtstimmung, abgestorbenes Gehölz oder vom Biber Umgenagtes, Pflanzen im frischen Grün, dazwischen blüht schon etwas und ich lausche den besonderen Geräuschen des Hochwassers, in dem Zweige gluckernde Wirbel hervorrufen, eine der Krähen schießt mit einem rauhen Laut nah an meinem Kopf vorbei und ich rufe ihr Rüpel hinterher. Der Bildhauer will sie sich mit Leckerein gewogen machen, und da ich bei den Fütterungen oft dabei bin, erkennen sie mich vielleicht auch, mit meiner orangeroten Jacke bin ich kaum zu übersehen.

Auf dem Schreibtisch wartet der Fragebogen der Therapeutin, den auszufüllen mir einiges abverlangt. Nicht, dass ich um Worte verlegen bin, aber die Frage nach meinen größten Misserfolgen kann ich nicht beantworten. Misserfolg bedeutet doch, dass man sich ein Ziel gesetzt hat, das man nicht erreichen konnte, aus welchen Gründen auch immer, und darüber in Gram verfällt? Hatte oder habe ich Ziele, die sich nicht verwirklichen lassen? Beruflich? Privat? Mittlerweile kenne ich meine Fähigkeiten allzugut und strebe nichts an, was mich langfristig überfordert. Die (Kunst-)Objekte, an denen ich zur Zeit arbeite, und denen ich das Jahr widmen möchte, reizen mich sehr, aber überfordern mich nicht. Dennoch überraschen sie mich stets mit den Wendungen, die sich ergeben, wenn ich Materialien oder Techniken neu zusammenbringe, anordne, wieder verwerfe – nie weiß ich im Voraus, was daraus wird. Mit der neuen (alten) Nähmaschine umzugehen, bedeutet zum Beispiel, dass eine Naht nicht so wird, nicht so akkurat wie vorgesehen und dann binde ich das Missratene als charmantes Ergebnis mit ein; so macht man das wohl.




Freitag, 21. Februar 2020
Die Gespräche mit der Therapeutin sind fruchtbar. Ich kann aufräumen mit falsch interpretierter Esoterik und befinde mich, hoffentlich nicht zu rückläufig, wieder zwischen Animus und Anima – Konzepten, von denen ich schon vor 40 Jahren gelesen habe. Meine Träume dazu stellen sich mit Regelmäßigkeit ein und sind voller freudiger Symbole. Ich begegne dort tatsächlich meinem Animus, der alles das ist, was ich bin. Wieder fällt einiges zusammen, stimmt plötzlich, kann heilen und es bleibt der Reichtum im eigenen Innern zur freien Verfügung.

Kann ich sagen, die 15 Jahre des Studiums der altindischen Schriften hätten nichts gebracht? Mir scheint da jedenfalls eine Lücke zu klaffen – man übt so vor sich hin (z. B. Selbststudium, Mantrameditation, Atemkontrolle) und der Abstand zum echten Genuss des Vorgefundenen, Eigenen (doch bloß Maya) wird immer größer. Jedenfalls bei mir.

Jetzt bin ich auf dem Weg zu einer distanzierten und dennoch liebevollen Beziehung zum Mütterlein, innerhalb derer ich die Zeiten unserer Begegnungen selbst bestimme und darauf achte, nicht dauernd über meine Kraft zu gehen, sondern mich um meine Sachen zu kümmern. Mit meinem Vater (ich sehe tote Menschen) habe ich ein Einverständnis gefunden und seinen freundlichen Blick zu spüren, hat mich für vieles entschädigt. Jetzt schreibe ich noch ein paar Briefe an verschiedene Menschen (die nicht abgeschickt werden sollen, aber mit denen wir arbeiten können).

Auf dem Weg zur freien Kunst sind meine Einnnahmen noch weiter geschrumpft und damit mein Erspartes noch eine Weile hält, habe ich mir einen Anspruch auf Wohngeld erarbeitet, 191 EUR bekomme ich nun, damit kann ich die Therapie finanzieren und halbwegs entspannt den Bewegungen auf meinem Konto zusehen. Es steht ein schönes Buchprojekt bevor, das ich gestalten kann, wahrscheinlich wird es nach dem Sommer beginnen, wenn Fotos und Interviews fertig sind. Die eigene künstlerische Arbeit gedeiht, der Bildhauer hat mir eine Nähmaschine geschenkt, was für eine Freude, jetzt muss ich nicht alles per Hand arbeiten und kann mich auf die feinere Ausgestaltung der schnell vorgenähten Formen konzentrieren.

Ach. Es wird. Es blüht.




Montag, 2. Dezember 2019
Ich konnte es nicht lassen, trug mich das Wochenende mit dem Gedanken, mich auf einen 450 EUR-Job zu bewerben. Warum nicht ein paar Stunden die Woche werkeln, damit das Gesparte noch länger bewahrt bleibt. Wie wenig ich aber breit bin für Zwecke zu arbeiten, die nicht meine sind, wurde mir klar, als ich website und fb-Profil der Firma studierte und auch das persönliche des Arbeitgebers. Er interessiert sich für Sachen, denen ich nichts abgewinnen kann, die sogar Abneigung in mir erzeugen, Autos, Fußball etc., und so nahm ich bildlich-emotional vorweg, in unguten Zusammenhängen zu sitzen, Bandenwerbung für die lokale Fußballmannschaft druckfertig zu machen und und mich zu wundern, warum ich das überhaupt tue. Eine launige Bewerbung habe ich immerhin entworfen, aber ich muss feststellen, dass meine Motive, mich auf einen mich downgradenden Job zu bewerben, seltsam sind. Wie schon im vorletzten Monat hatte die ehemalige Bürokollegin wieder Arbeitsmöglichkeiten erwähnt und eine Strebsamkeit ausgelöst, genährt aus Sorge und Zukunftsängsten – die doch gar nicht zu mir gehören. Ich teile tatsächlich ihre Ängste nicht, unter denen sie sich regelmäßig verzettelt, in der Vergangenheit stärker, jetzt aus Vernunfts- und Kräftegründen sehr kontrolliert, wobei sie sich immer noch von spontanen soft- und hardware-Käufen verleiten lässt. Ist schon geil so ein iPad mit Stift, wie beides smooth zusammengeht, wäre ich Illustratorin wie sie, besäße ich sowas selbstverständlich auch.

Nach wie vor finde ich es schwierig, unbeirrt meinen Weg zu gehen. Natürlich will auch ich gesehen, erkannt und wertgeschätzt werden. (Das würde ich, versichert mir der Bildhauer.)

Mein Privatstudium, so nenne ich das jetzt mit Selbstbewusstsein, führt mich hinein in Zukunftsbilder, aber auch wieder zurück in meine eigene Kultur-Geschichte. Lese, wie alle paar Jahre, Doris Lessings Shikasta von 1979, ein großartig weitsichtiges Werk, das eine komplette Weltgeschichte umreißt und trotz schmerzvoller Aufarbeitung menschlichen Fehlens eine positive Aussicht entwickelt, die mich in wehmütige Stimmungen versetzt. Ob wir nun wirklich in solch einer Übergangszeit sind – es wird eigentlich immer offensichtlicher, dass das Zeug nicht mehr hält – oder ob es noch über meinen Tod hinaus mit dieser Art von Gesellschaft irgendwie weiter rumpelt, ist nicht zu sagen. In meinen frühesten Träumen und weiter durch all die Jahre tauchen Szenarien totaler Verwüstung auf. Sind es Familienerinnerungen an die Weltkriege des letzten Jahrhunderts oder Erinnerungen an die Zukunft, an eine Zukunft, die zu erleben ich auf die Welt kam?




Donnerstag, 10. Oktober 2019
  • die junge wuschelhaarige Künstlerin, eine neue Bekanntschaft, erfreut mit Unverstelltheit
  • mein aktuelles Objekt Eins von beiden, textile art mit seiner Unzahl an Deutungsebenen
  • die neuen, frechen Illustrationen von K. (der ehemaligen Raumteilerin)
  • der Bildhauer, mir ans Herz gewachsen
  • Ausstellungsmöglichkeiten für Ideen imaginieren/realisieren -> next year
  • nicht mehr ungefragt Ratschläge geben, nötigenfalls auch auf Meinung kundtun verzichten
  • Meinung haben nur nach gründlicher Recherche
  • nicht mehr einmischen (= Selbstschutz)
  • den Wunsch/Drang, etwas erreichen zu wollen/müssen, bei seiner Entstehung direkt beim Schopfe packen
  • Liste des zu Erreichenden kontemplieren, ggf. komplett demaskieren
  • Konflikte aushalten und loslassen, keine Energie in Erklärungen und Lösungsversuche investieren
  • bestimmte Gegebenheiten als unfruchtbar erkennen und nicht weiter verfolgen, wie ja das Loslassen überhaupt von allergrößter Wichtigkeit ist
  • (weniger saufen mit Dudi)
  • das wird wie ein allgemeiner Rückzug aussehen, ist aber (haha) Kunst




Samstag, 1. Juni 2019
  • Erdbeeren mit Sahne zum zweiten Frühstück
  • Draußen schwimmen
  • Gespräche mit der Lieblingsdesignerin
  • Handwerkerfilme mit dem Bildhauer schauen.
  • Thai-Massagen, sehr aua und äußerst wohltuend
  • Die Nachbarin legt im Hof einen Kräutergarten an.
  • Entscheidungen zum kunsttätigen Handeln, erleichternd
  • Gute Arbeiten am Schreibtisch, nebst klingender Münze
  • Die neuen Barfußschuhe
  • Pünktlich erledigte Steuererklärungen für mich und die Greisin
  • Mit dem Cousin das Mütterlein besucht – Du bist ja nun auch groß geworden, ruft sie ihm zu.
  • Unnötige Sorgen wegpuffern – anhand dieser Liste.
Außerdem: Das im vorigen Bild gewegweiste weggewiesene Hemeln an der Weser beherbergt eine kleine Kirche mit anmutig gestalteten Altarfiguren.




Mittwoch, 17. April 2019
Nach jenen Tagen der Aufruhr kehrt nun wieder eine Ruhe und Gelassenheit zurück – ich glaubte sie schon wieder für immer verloren. Die Ablenkungen mannigfaltig und mit vermeintlicher Wahrheit überfrachtet. Dann wieder Träume, die mich zurücktragen, der eine von der laserstrahlscharfen Gedankenkraft, die das Leid, das mit der Zerstreuung einhergeht, sofort lindert. Ich weiß es ja, aber


Die textile Arbeit, die ich für die Ausstellung im Garten, einem anderen diesmal, anfertige, wächst und macht mir Freude, der Entwurf am Bildschirm mit seinen kantigen Pixeln wirkt als 20-wollfarbige Umsetzung anders, natürlich tut er das, aber diese Wirkung im Entstehen zu erleben, Diagonale für Diagonale, verbindet mich mit anderen Zeiten, Vergangenheit und Zukunft gleich mit, mit Traditionen, die ich nur aus der Geschichte kennen kann. Ich hatte mich mit den Pixeln vertan, um die Hälfte, und nun werde ich mit Borten und Rändern vergrößern, was das Design um ein Vielfaches verbessert, ich geb’s zu.

In der Konzeption werde ich das Bauhaus bemühen müssen, und orientalische Teppichweberinnen genauso wie christliche Ikonenmalerei. Natürlich alles halb ironisch, man könnte mit noch ganz anderen Stichwörtern um sich werfen, Algorithmus z. B. würde auch passen, oder Weltschmerz und half the world away, so wollte ich schon immer mal was nennen, das aus meiner ganz eigenen Tradition kommt und an die Prinzessin erinnert, die genauso wo weit entfernt war und dann überhaupt das gesamte verdammte Verpixeltsein der großen unendlichen Welterscheinung, der maya, und ach ja (hier hört man ein fernes Seufzen) – auf 120 x 150 cm verdichtet.




Sonntag, 7. Oktober 2018


Die lokale Presse berichtet leider unfachlich und äußerst langweilig über die Ausstellung im Garten. Trotzdem bin ich beglückt darüber, dass ich mitgemacht habe und mein Objekt nun öffentlich zu sehen ist. Das schönste Lob bekam ich von einer 83-jährigen Dame, die Jahrzehnte in Schottland als Kunstwissenschaftlerin und Archäologin tätig war, und die, mich umarmend, meine Arbeit freudig zur Kenntnis nahm – jene Figur, die ich darzustellen versucht habe, war ihr sehr vertraut. Vielen anderen ist sie nicht geläufig, und vielleicht ist es auch zu viel verlangt, sich die wenigen erklärenden Zeilen meines Konzeptes durchzulesen, um zu einem Verständnis zu kommen.

Es war ein hitziger Sommer voller kunsttheoretischer Diskussionen, neben der Blätterhäkelei, selbst mein Bildhauer stellte alles in Frage, Farbe, Form, Aussage – obwohl: das Konzept ließ er gelten. Auch die Freundschaft mit Ch. und die Auseinandersetzung mit seiner Kunst, die mich an einer Stelle meines Herzens, an der verwüsteten, sehr berührt, brachten mir unschätzbare Einsichten. Warum arbeiten wir, wieso möchten wir etwas zeigen, dessen Fertigung doch bereits das Ergebnis (die Kunst) ist, nicht das Zurschaustellen. Was macht die Arbeit wertvoll für mich (allein). Muss sie wertvoll für andere sein, oder möchten die vermeintlich Kunstinteressierten doch bloß wein- und sekttrinkend dabei sein und gesehen werden? Schaut man Fotos von Vernissagen an, sieht man die Honoratioren der Stadt/des Landes/des Flusses und nur manchmal einen Zipfel der Kunst dahinter.
Man muss schon genau hinsehen

Das alles soll mich nicht betrüben. Aus einem Reisebericht über den Hümmling um 1800, zitiert im Museumsführer des Museumsdorfes Cloppenburg: Die Wolle ist nicht sehr fein, aber lang und sehr brauchbar. Sie hat nun hinwiederum die Einwohner zum Spinnen und Stricken gereizt. Alle Hände, fast ohne Ausnahme, sind damit beschäftigt. Die Weiber jedoch mehr mit ersterem, die Männer und Kinder mit letzterem. Bauer und Bäuerin, Knecht und Magd, die Kinder vom fünften Jahr an – alles spinnt und strickt bis zum Grabe. So wie die Acker- und Hausarbeit einen freien Ausblick gewährt, gleich wird nach der Spindel, nach der Nadel gegriffen …“

Aus dieser Tradition erwächst meine Schaffensfreude. Notfalls stricke ich Socken für meine Freunde.




Dienstag, 26. Juni 2018
In Hörweite gibt es eine Amsel, die die ersten vier Töne von Whole Lotta Love singt, rhytmisch astrein, den fünften variiert sie – mal zieht sie ihn in die Länge, mal kommt er tirilierend, dann wieder so schräg, als hätte sie sich in der Skala vertan. Oft sitzt sie wohl auf dem Schornstein und dann höre ich ihre Melodie, durch Kamin und Badezimmer noch verstärkt, in allen Räumen und freue mich, und wundere mich immer wieder, auf welche Weise so kleine Vogelkörper derart durchdringende Stimmen erzeugen.

Anderes Schönes entfaltet sich ebenso. Der Bildhauer und ich nehmen jetzt definitiv an einer Ausstellung teil, die im Herbst im berühmten Garten der Stadt ausgetragen wird. Ein Studienfreund des Bildhauers bildet mit einer imaginären Geschichtsalternative, die sich nach 1945 zugetragen haben könnte, die Erzählung, innerhalb derer wir unsere Objekte ansiedeln. Plötzlich bekommen die Flugskizzen des Bildhauers eine stimmige Heimat und auch meine 1:4-Objekte erfahren eine Sinnhaftigkeit, als hätte ich seit einem halben Jahr allein darauf hingearbeitet. Meine Wohnung ist voll von Knäueln und Bündeln verschiedener Garne und Schnüre, die meine gesamte Vorstellungskraft wecken, wie Farben und Texturen zusammenkommen, wie Kleidung und Knöpfe, Haare und Mützen die Persönlichkeiten meiner Objekte bilden.

Es ist eine Zeit großer Gestaltungskraft – ich hätte nicht gedacht, dass das möglich sei. Erhellend auch die ausdauernden Gespräche darüber, was Kunst sei, wer Künstler, und was gute schlechte interessante Kunst ausmacht. Wir wollen eine Geschichte erzählen und bieten eine Art Raum, der unsere Objekte enthält, die außerhalb dieses Geschehens eine gänzlich andere Berechtigung haben. Auf diese Weise müssen sie nicht einzeln erklärt werden, sondern bestimmen sich von selbst durch die sie umgebende Erzählung.

Über alldem liegt die große Trauer über die Mutter und ihren langsamen Abschied aus dieser Welt. Ich folge ihr nicht mehr – das zu versuchen, hat mich Kraft gekostet. Wie sich sich im Innern fühlt und was sie denkt, in welchen Welten sie sich aufhält, bleibt mir verschlossen. Sie wirkt ruhig, und sie spricht nicht mehr viel. Sie sucht nach Worten und gibt schnell auf, ich stelle es mir vor als eine Art Aufleuchten des Wunsches etwas Bestimmtes zu sagen, aber das Leuchten verschwindet, bevor die Idee reif ist, und bald auch der Wunsch und dann ist wieder Ruhe. Es ist wichtig, darüber nicht in Verzeiflung zu versinken. Jede Unsicherheit meinerseits bedeutet der Mutter, dass etwas nicht in Ordnung sei, außer Kontrolle geraten. Mit dem, was ich von den spirituellen Traditionen gelernt habe, versuche ich wenigstens für mich, Ordnung, Verständnis, Güte und was weiß ich noch zu gewinnen.

Das geht ganz gut.




Dienstag, 29. Mai 2018
Manchmal gönne ich mir einen Besuch bei dem Mütterchen, bei dem ich keine besondere Rolle spiele. Weder die der tröstenden oder zurechtweisenden, noch die der traurigen Tochter oder der nach einem aufmunternden Gespräch suchenden. Dann gehe ich zur Gartengruppe ins Heim. Eine der Betreuerinnen, Mama nennt sie Lehrerin, hat im hinteren Teil des Grundstücks einen Garten angelegt, mit kleinen Wegen und einer Sitzgruppe inmitten von bereits üppig wachsenden und blühenden Pflanzen, in Erdreich und Hochbeeten, in Töpfen und Kästen. Auch gibt es einen kleinen Brunnen, der niedlich plätschert, sobald die Sonne scheint, denn er läuft auf Solar. Sogar das Mütterchen weißt das mit dem Solar.

Die sechseckigen Hochbeete sind praktisch. Man kann mit dem Rollstuhl ranfahren, sitzend die Arbeit verrichten und sich mit den Ellenbogen auf dem Rand abstützen. Ich bleibe im Hintergrund und beobachte, wie Mama mit kleinen Bewegungen der Anleitung folgt, die Erde aufzulockern und frische glattzuharken. Sie hält die Handharke fest, die Linke streicht ebenfalls über die Krumen, sie wirkt dabei konzentriert und lebendiger als sonst.

Ich sehe ihre Schultern und ihre weißen, dichten Haare, die sie recht lang und ungebändigt trägt, – und ein Gefühl von Geborgenheit kommt über mich: Da ist meine Mutter, die im Garten herumgräbt und ich bin wieder ihre Tochter, die sie sorglos beobachten darf, nachher geht sie bestimmt ins Haus und kommt mit einer Limonade oder einem Kräutertee zurück, und dann sitzen wir rum und schauen auf das Geschaffene.

Nachdem die Erde bereit ist, sät die Lehrerin Möhren, Radieschen, Pflücksalat und Gurken aus. Gestern, nach fünf Tagen, sieht man schon die ersten Sprießlinge.