Mittwoch, 17. Mai 2017
Als ich in ihr Zimmer komme, sitzt die Mutter still und traurig vor sich hin, ich setze mich nah dazu. Sie beginnt zu weinen, als sie mir erzählt, dass beim Frühstück ein sehr berührender Text über das Muttersein vorgelesen wurde. Von wem? Sie kann sich nicht erinnern, aber, und außerdem, sie sei ja gar kein Mütterlein. Na, du bist doch meine Mutter, rufe ich, und versichere ihr, dass das Schöne des Textes auch für sie gelte. Aus ihren hellen Augen quellen weiterhin dicke Tränen, die vor dem Fallen das Augenlid wie einen winzigen Brunnen oder ein kleines Becken nach vorn ausdehnen. Ich küsse sie, und versuche sie zu trösten.

Ich hätte ihr doch gesagt, wir seien Schwestern – sie klingt ein bisschen verzweifelt. Und dann erkläre ich ihr wieder einmal ausgiebig die Familienverhältnisse; ein großes Durcheinander, bestätige ich, und irgendwie auch egal, Schwester oder Mutter. Sie lacht. Wir laufen den schönen Weg durchs kleine Deichtor, einmal um die große Wiese, sitzen am See. Du muss mir das alles nochmal erklären, sagt sie. Wie Mama gestorben war. Ich erkläre gern und mit großer Geduld. Ja, tatsächlich, Geduld habe ich gelernt in dieser Zeit, nicht dass dies alles hier ganz umsonst ist.

Schon letzten Freitag beim Warten aufs Zahnziehen im Krankenhaus sollte ich ihr nochmal erzählen, wie Papa gestorben sei. Wieder diese großen klaren Tränen, die erst einen See bilden. Später dann rollt die Assistentin sie zu mir zurück ins Wartezimmer, Mama den Mund weit auf, die Winkel blutig, lacht sie, weint sie? Ich kann es nicht genau erkennen, denn ohne Prothese hat sie nur noch die zwei vorderen Schneidezähne und sieht aus wie eine irgendwie sehr liebe Hexe, falls es das gibt. Später fragt sie, wie ich es fand, dass sie so strahlend aus der OP kam (also sollte das ein Lächeln sein, gut). Ich finde das so niedlich, sie hat sich viel mehr Sorgen um mich gemacht, die lange Wartezeit, das wollte sie doch nicht.

Also einen Zahn weniger. Auch das irgendwie geschafft.




Dienstag, 2. Mai 2017
Jede Unternehmung, die die Mutter betrifft, erscheint mir als eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Zum morgen anstehenden Zahnarzttermin muss allerlei Papierkram erledigt werden, Transportscheine, aktuelle Versichertenkarte, Überweisungen, Zahlungen – der Arzt sagt, zum Zahnziehen schicken wir solch betagte Menschen (lieber) ins Krankenhaus. Dazu rattern weitere Überlegungen: Soll ich Windeleinladen mitnehmen, und gleich noch eine Garnitur Wäsche, falls diesem betagten Mütterlein (dement, inkontinent, im Rollstuhl sitzend) ein Malheur passiert? Ich habe im Heim nicht gefragt, wer sich um all dies kümmern würde, wenn es mich nicht gäbe. Weil es mich ja gibt. Und so erledige ich all dies.

Die Weigerung, die Situation als gegeben hinzunehmen, kostet mich mehr Kraft, als die Dinge entschlossen anzugehen. Die Weigerung ist immer noch die: Ich möchte Mama so in ihrer Hilflosigkeit nicht erleben. Ich wünschte, alles wäre anders. Entweder Mama kregel und halbwegs gesund oder gar nicht mehr da. Ich wünschte, ich wäre frei. Und alles Denken dreht sich herum und herum, jeder Gedanke schon hunderte Male gedacht, jedes Bedauern tausendfach erörtert. Die Welt sei gefällligst so, wie ich (oder Mama, oder Dudi) es will! Und dies ist letzlich die größte spirituelle Herausforderung: Die Geschehnisse so anzunehmen, gar zu lieben, wie sie sind.

Am Ende wird sich jede Bemühung herausstellen als – was? Sinnlos? Darf man sowas überhaupt andeuten? Nochmal eine Serie von physiotherapeutischen Behandlungen – für was? Um der Mutter endgültig klarzumachen, dass sie nicht mehr alleine leben kann? Vielleicht ist es richtiger, sie in der Hoffnung zu lassen, da ginge noch was. Sie übt ja nicht mal für sich, sie vergisst es, natürlich, sie möchte, dass jemand kommt und sie gefälligst wieder auf die Füße stellt. Die Hausärztin weist sie sanft aber wahrheitsgemäß auf die muskelreduzierten Beinchen hin. Hinterher fragt mich Mama, wie ich die Ärztin fand. Sie glaubt ihr nicht und hält sie womöglich für inkompetent.

Gefälligst. Da sind wir beide uns gleich. Wir wollen gefälligst – was ganz anderes. Aber zacki.




Donnerstag, 6. April 2017
Nun sitze ich in meiner kleinen Wohnung, friemele hier und da, räume auf, stelle um, ergehe mich in Feinheiten – wohin der Nagel, wohin die Lautsprecher, die sind viel zu groß, wohin mit dem Olivenbäumchen, wann ein zweiter Kaffee, ein neuer Lampenschirm in der Schlafkammer, ein Blick nach den Bienen, vorgestern fand ich eine von ihnen gestorben – manchmal hätte ich gern einen neuen Schreibtisch, so einen wie die grünen Lesertische in der Leibniz-Bibliothek, oder so einen langen schmalen, die vielleicht eine Ablagemöglichkeit in Buchbinderwerkstätten gewesen waren, aber ich arbeite zur Zeit ja nicht, es sind schon drei Monate meines freien Jahres vergangen. Was soll ich also am Tisch? Mir wird nicht langweilig, nur manchmal verdaddele ich etwas Zeit mit Patiencen legen, jetzt wo ich auch keinen richtigen Fernsehempfang mehr habe, schaue ich manches später in Mediatheken – es ist eine gute Zeit. Die Panikattacken, die mich mehrmals am Tag durchflutet hatten, sobald ich an die Mutter dachte, tauchen nicht mehr auf, die Schuldgefühle sind fort. Gestern bekam ich ein Gut-Ausseh-Kompliment der Sufi-Änhängerin, mit der ich mich mich wöchentlich zur Meditation treffe, meine Antwort überraschte mich selbst: Ich selbst habe ja keine Probleme, bin gesund, schlafe wieder gut, habe ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen, einen netten Partner und gute Freunde, und wenn’s der kleinen Mutter gut geht, geht’s mir auch gut.

Sie sei zur Königin gekürt worden, erzählte jene. Ist doch schön, meinte ich. Aber nein, erwiderte sie weinerlich, ich würde das ja alles gar nicht verstehen, denn sie wollte den Mann nicht, den es dazu gab, er sei ihr zu dick und grob, lieber wollte sie den anderen, feineren, aber der sei nicht für sie. Ich musste doch sehr lachen über diese Geschichte, die sie für wahr, ich aber für einen Traum hielt. Wir nutzten den Tag für eine Ausfahrt, in Spaziernähe ist ein löcheriges Wegstück gepflastert worden, so kann ich Mama mit dem Rollstuhl leichthändig führen. Da ist ein Bachlauf mit Bank, auf der wir sitzen bis zum Mittag, Gänse fliegen mit den Wolken über uns, Zilpzalpe und andere Sänger in der Au sitzen in hellgrünen Büschen und sind sehr laut.




Mittwoch, 1. März 2017
Sie denke darüber nach, wieder nach M. zu ziehen, sagt die Mutter. Und wie immer staune ich, wie wenig sie ihre körperliche (und geistige) Situation begreift. Sie ist schwerst pflegebedürftig, sitzt im Rollstuhl, kann nicht mal allein aus dem Bett steigen oder aufs Klo gehen, ist orientierungslos, was körperliche Bedürfnisse oder Tageszeiten betrifft, ganz zu schweigen von den Finanzen, danach fragt sie manchmal und erwidert anschließend gut, dass es mir mal jemand erklärt hat. Und wie immer argumentieren Dudi und ich fröhlich drauf los, was gegen einen Umzug spräche, als gäb’s Preise dabei zu gewinnen. Fröhlich. Natürlich nicht. Es spricht alles dagegen, aber ihre Gründe sind natürlich verständlich, wer möchte schon mit einem Haufen fremder alter Leute zusammen wohnen, und so geraten wir, wie immer, in das Dilemma, ihr vollkommen irrationales Weltbild bedienen zu müssen, denn wir müssen doch reden, oder? Es laugt uns aus.

Das ist sicher nicht so gedacht. Mittlerweile habe ich Unmengen über Demenz gelesen, gehört und angesehen. Wenn ich Mama beobachte, kann ich mitempfinden, wie sie sich fühlt und auf welche Weise hakelige Gedanken durch ein löcheriges Hirn kriechen, uneinholbar, wenn sie davoneilen und verwirrend, wenn das Ende eines Satzes nichts mehr mit seinem Anfang zu tun hat. Sie hat auch, eher selten, aggressive Phasen, beschimpft dann, beleidigt und schlägt Pflegerinnen, zweimal hatte man mich gebeten zu kommen, um sie zu beruhigen, mittlerweile habe ich Angst vorm Telefonläuten, und wie immer, wenn jemand vom Stift anruft, wird keine Sorge, es ist nichts Schlimmes vorausgeschickt. Aber ich finde es schlimm, die Mutter völlig aufgelöst vorzufinden und mir ihre bösen Tiraden gegen alles und jeden anzuhören. Die eindringlichen Gespräche, die ich dann mit ihr führe, kommen mir so vergeblich vor bei diesem rückwärts gerichteten Gang, wieder Kind zu werden, um endlich im völligen Vergessen zu enden. Aber so weit ist es noch nicht. Sie beklagt sich bei Dudi, ich hätte ihr gesagt, sie solle endlich sterben.

Das ist es wohl, was ich denke, aber natürlich habe ich es anders formuliert, dass sie nicht wegen uns diesen ganzen traurigen Weg gehen muss, sondern sich jederzeit verabschieden darf, wenn sie nicht mehr kann.

Ich schaffe es (noch) nicht, die Dinge irgendwie positiv zu sehen. Dabei gibt es Besuche, die sehr lustig sind, wir können über die unsinnigsten Sachen lachen, und gerne nehme ich von ihr Behauptetes und verdrehe es in absurde Richtungen, der Sinn für diese Art von Humor ist ihr noch nicht abhanden gekommen und ihr in tausend Lachfalten geworfenes Gesicht finde ich überaus entzückend. Da ist dann diese große Nähe, vielbeschworen bei allen Angehörigen dementer Leute, eine seltsame Art später Freude, für mich ist sie zu spät, ich will sie jetzt nicht mehr, wo sie nicht mehr echt und klar ist, von einem vernebelten Hirn produziert, überdies erinnernd die klebrige Nähe und Bedürftigkeit früherer Zeiten. Es ist alles zu spät und vergeblich.

Vergeblich auch mein Versuch, aus dem Leben der Mutter zu lesen, es zu begreifen als ein Vorspiel für das eigene Leben. Ihre Kindheit und halbe Jugend im Krieg, die Angst verlassen oder in Kellern verschüttet zu werden oder zu sterben. Die Angst, die Eltern zu verlieren als ständiger Quell dieser lähmenden Bedürftigkeit, die dazu geführt hat, die eigenen Wünsche und Lebenspläne aufzugeben (oder gar nicht erst zu entwickeln) und sich denen des Ehemannes und der Schwiegermutter anzupassen. Deshalb auch die immense Wut auf meinen Vater, der wiederum versucht hat, aus der selbstgeschaffenen Enge zu entfliehen, erst in Urlauben, die allein verbracht wurden, dann zehn Jahre Trennung und zuletzt im Sterben, und immer blieb eine völlig hilflose und zunehmend verwirrte Mutter zurück, die nun in der Demenz alles vergessen kann – darf – will.

Das ist, kurz gesagt, das was ich davon halte. Ihre Demenz ist eine Folge ihres Lebens. Es hat sie möglicherweise nur wenig interessiert. Nur wir Töchter sind ihr ein und alles und sie versteht gar nicht, wie belastend das ist. Hat es nie verstanden, für sie ist es wahrscheinlich ein Kompliment an uns. Ist es aber gleichzusetzen mit Liebe? Dudi fragt sich oft, was sie für diese Frau empfindet – sie nennt es Mitleid. Im besten Fall. Ich hingegen versuche, Mitgefühl und Geduld zu üben, so als wäre meine Mutter ein Studienobjekt meines spirituellen Handels. Meine ich dann wirklich sie?

Man sagt, alles in der Welt sei miteinander verbunden. Und trotzdem wird es als wichtig erachtet sich abgrenzen zu können, um die eigene Kaft zu erhalten. Eine perfekte Zwickmühle für mich Grüblerin. So eine Art koan. Manchmal bin ich nah dran, manchmal verzweifele ich. Was vielleicht auf das Gleiche drauf raus kommt am Ende.




Dienstag, 10. Januar 2017
1.2 Yoga ist jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge [Gedankenwellen] zur Ruhe kommen. … 1.5 Es gibt fünferlei seelisch-geistige Vorgänge, (und sie sind entweder) leidvoll oder leidlos. 1.6. (Und zwar die folgenden:) Gültiges Wissen, Irrtum, Vorstellung, Schlafbewusstsein und Erinnerung. … 1.8 Irrtum ist eine verkehrte Erkenntnis, die sich auf etwas gründet, was dem Wesen der Sache nicht entspricht. … 1.9 Vorstellung ist eine Erkenntnis, die bloß auf Worten beruht, die bar jeder Wirklichkeit sind. … 1.11 Die Erinnerung ist das Nicht-Abhandenkommen von (früher) erfahrenen (Sinnes-)Gegenständen. …

Die spirituelle Tradition, der ich mich zugehörig fühle, empfiehlt Mantra-Meditation als eine Möglichkeit, die vrittis, die Gedankenwellen, zu kontrollieren. Diesem Weg folge ich seit 12 Jahren. Mit folgen ist der Versuch gemeint. Es ist ein steter Versuch, ein stetes Üben. Es gibt Momente – in inneren Räumen der Meditation – die dem Ruhigwerden sehr nahekommen. Diese sind meine heiligsten Erfahrungen. Und es gibt Phasen vollkommener Unruhe im Geist.

Bei dem Ansinnen, zusätzlich zu den eigenen die Gedankenwellen meiner Mutter zu kontrollieren, habe ich mich verausgabt. Immer noch versuche ich aus ihren irrtümlichen Gedankenwellen Wahres zu schöpfen, nützliche Erinnerungen, die sich noch verwerten ließen, um diese meine Geschichte abzuschließen, oder Liebes, das mich heil macht. Aber ihre irren Schlussfolgerungen zu allem und jedem machen mich fertig. Mein Versuch, ihr zu folgen, ist mein Irrtum schlechthin, und ich bin genauso in der Irre, wenn ich ihrer Wirrnis beistehe. Sie macht mir regelrecht Angst. Ich sollte damit aufhören.

Und – darunter entdecke ich wieder und wieder den emotionalen Missbrauch, dem ich ausgesetzt war. Eltern mit wirklichkeitsfremden Erwartungen an Kinder und Kindeskinder und die ganze Welt. Es sind ihre Erwartungen, die zu erfüllen ich mich bemühe, seit ich denken kann. Es sind kindliche Wünsche nach einer heilen und gesunden Welt und ich versuche immer noch, die kleine Mutter von leidvollen Erfahrungen abzuschirmen. Das macht mir Angst. Ich sollte mich davon lösen.

1.12 Das Zur-Ruhe-Kommen der seelisch-geistigen Vorgänge erlangt man durch „Übung“ und „Loslösung“. 1.13 Die intensive Bemühung um diesen Ruhezustand ist die Übung. …




Montag, 11. Januar 2016
Nicht mal mein login weiß ich noch auswendig. So schwindet alles. Auch die Mutter. Was denn mit Papa sei, ob der mal vorbei käme? Der ist doch schon gestorben, sage ich letzte Woche freundlich. Und heute fragt sie nach Annemarie, meinst du deine Schwester, Mama, die ist lange tot, und deine anderen Geschwister auch. Aus einem verzweifelt verzerrten Mund ruft sie: das kann doch nicht sein! Ein bisschen weint sie. Ich versuche, ihr alles zu erklären. Ein update sozusagen. So als machte sie ab und zu ein paar Stippvisiten aus der Zeitlosigkeit in unser Kontinuum, in dem plötzlich nichts mehr stimmt. Dann, mit etwas schärferer Stimme: Was ist hier eigentlich los? Kannst du mir das mal erklären? Einen Moment falle ich drauf rein, und befürchte, dass sie wütend wird. Also noch mehr Geschichten aus dem damaligen Leben, denn sie befindet sich ich weiß nicht wo. Der hat doch ein kleines Haus gebaut. Ja, da habt ihr zusammen gelebt, da bin ich aufgewachsen. Ob sie schon einen frischen Körper in einem anderen Leben hat und hier noch ist, damit ich an ihrem Bett sitzen kann, oder mit ihr liegen kann und ihr Gesicht streicheln, ihre Hände massieren, ihr tausend mal sagen, wie süß sie ist, sie ist die allersüßeste Mama, die es verdammt nochmal überhaupt gibt.

Ich hätte gedacht, ein Sterben mitanzusehen, wäre schlimmer. Dass ich immer weinen müsste, so wie jetzt, weil ich schreibe. Wenn ich aber bei ihr bin, seit dem Schlaganfall jeden Tag, bin ich ganz ruhig und eine nicht geahnte Freude ist in mir und Kraft. Möglicherweise bin ich die einzige, die sie nicht festhält und am Wunder ihres Vergessens teilhaben darf. Sie blendet sich aus ihrem Leben aus, wie sie's sich gewünscht hat und ich darf dabei sein und alles wahr finden, was ich gelernt habe. So klein und unwissend kommt man ins Leben und muss alles Lernen, auch sie hat das, und nun sagt sie mir Sachen, ich wäre die Zärtlichste von allen. Ich weine ein bisschen und wische über die Tränen mit dem rauhen Wollpulli. Ihr Zeigefinger streicht um meine Augen herum. Als ich erzähle, was für dunkle Augenringe meine Nachbarin hat, so huuh, lachen wir beide. Ich kenne dich schon mein ganzes Leben, sag ich, und wir sind uns immer so nah gewesen, ein nahes Leben, sie schaut mit ihren großen graugrünen Augen direkt in mich rein, lange, und wie immer denke ich, jetzt ein letzter Atemzug, aber bisher hat sie immer weiter geatmet. (Und ich weiß nicht, ob ich bei jenem dabei sein möchte. Und immer noch kann ich mir nicht vorstellen, dass sie eines Tages wirklich aufhört.) Und noch eine Woche und noch ein Monat, was für ein Jahr das war! Was für ein Leben mit ihr! Was für ein langer Abschied. Aber auch ich vergesse – was war, wie schwierig beide Eltern, wie unglücklich ich mit ihnen – und habe nur noch Liebes für sie übrig.




Mittwoch, 27. August 2014
Mehr Analoges als Digitales (das digitale Leben hat eigentlich fast gar keinen Platz zur Zeit). Der Bildhauer bastelt Tröten aus Schilfgras und in meinem Heim hängen Binsenbündel, die er eigens angefertigt hat und die langsam von grün nach gelb trocknen. Wir finden einen riesigen Schwefelporling, der paniert und gebraten wird und wie Hühnchen schmeckt. Dazu Salat mit Brunnenkresse und Nudeln. Noch gibt es tausend Sachen zu erzählen, zu lesen und wahrzunehmen, und ich wünsche mir, dass das nie aufhört. Wir sind nah und lassen uns dann fern, da ist kein Weh in den Intervallen, schauen Filme, und lachen und weinen abwechselnd; bei Yentl bin ich nach all den Jahren immer noch textsicher und kann lippensynchron mitsingen.

Es gibt wieder mehr Arbeit, ich sitze am Rechner und entwerfe Spatzenvogelfuttertüten, während er umherstreift auf der Suche nach möglichst geraden Haselstecken. Oft sitze ich still neben ihm im Gras und meditiere über die Geräusche, die das Schnitzen macht, öffne ab und zu die Augen und betrachte seinen Mund, der sich dazu leise bewegt.




Dienstag, 22. Juli 2014
Wie jedes Jahr. Die Zusammensetzung der Gäste wechselt gewöhnlich etwas, aber mittlerweile kennen sich alle, und so ist die Runde friedlich, wohlwollend und durchaus lustig. Die mitgebrachten Speisen erweisen sich als außerordentlich stimmig, als hätte uns eine unsichtbare Menükarte geleitet.

Meine Schwester Dudi ist auch mit dabei und überschreitet wie immer Grenzen zur Peinlichkeit, wir haben sie trotzdem lieb oder gerade deswegen, und lachen laut, die Bürokollegin, die Gartendamen und die inzwischen verheiratenen Lesbierinnen, die Buddhistin, die Busenfreundin und andere (die hier im Blog noch nicht aufgetaucht sind). Ein Gast aber lag mir besonders am Herzen, und sein Erscheinen bedeutet mir viel. Er war auch Grund für meine Aufgeregtheit, die Dudi im Vorfeld nicht so recht einzuordnen wusste, denn am unsicheren Wetter allein lag's nicht.

Ein Bildhauer, der Objekte aus Naturmaterialien macht. So ganz ohne doppelte Bedeutung oder verschwurbelte Konzeption lassen sie sich direkt gefühlsmäßig erfassen. Seine diesjährigen Gegenstände bestehen aus Pflanzen, die er gesammelt, zu Bündeln verpackt oder in Reagenzgläsern eingelegt hat – alle Objekte sind mit handbeschrifteten braunen Pappanhängern versehen. Manch gefundene Käuter und Blüten sind mit Schnaps und Gewürzen vermischt, in Kästchen versammelt und einiges baumelt im brüchigen Kokon an zart geschnitztem und bemaltem Gestänge, manches Behältnis zeigt sich in Rottönen, die ans Herz gehen, sein Ausstellungsort wirkt wie die Zuflucht eines kundigen Schamanen, stets rührt er in der Kohleschale, in der er Weihrauch oder Salbei verbrennt, die Düfte ziehen durch den Garten und der Betrachter darf alles berühren, beriechen und schmecken, sofern es nicht als giftig ausgewiesen ist und zu meinen Ehren gestern hat er ein Fläschchen angesetzt und bietet mir aus einem kleinen Glas das herbe Gebräu, das einem Tränen in die Augen treibt, süß und scharf mit Vanillenote, ich mag es sehr.

Zwischen uns ist eine natürliche Herzlichkeit und in seiner Nähe fühle ich mich gut. Wir beide bewegen uns in zeitlich ähnlichen Abständen im Kreis, um möglichst mit jedem zu plaudern und die Stimmungen in den Gesprächsgrüppchen zu erkunden. Mein Gast zeigt sich offen und interessiert und es gefällt mir, wie er bei sich ist und sich der jeweiligen Person konzentriert zuwendet. Ab und zu werfen wir uns Blicke zu und lächeln uns an. Manchmal treffen auch wir aufeinander und erzählen uns was. Mein Gefühl sagt mir, dass wir beide gleich voneinander beeindruckt sind. Und ich genieße die Leichtigkeit, mit der wir uns auf unserer Runde wieder voneinander entfernen. Da ist keine Spur von Besitzergreifen oder Eifersucht. Auch ich kann mich auf jeden meiner Gäste ausgiebig einlassen, ihn vergesse ich dabei. Und erinnere mich neu, wenn wir wieder beieinander sind.

Die Busenfreundin hat ihn als erste kennengelernt, sie stellt ja mit ihm zusammen im Park aus, und ihn mir schon als äußerst reizend beschrieben. Als ich ihn das erste Mal in seinem Zelt besuche, sehe ich einen ernsten, reifen Mann, und sofort fällt mir hier schon seine Konzentiertheit auf, mit der er seinen Besuchern die Objekte erklärt. Später erst das Lächeln, das sein Gesicht kaum mehr verlässt, ich bin tatsächlich ebenfalls sofort hingerissen und beobachte mich dabei, wie ich mich frei, fast sogar frech ins Gespräch mische, bin ich doch eher ein scheuer Mensch und verbringe schweigend meine Tage. Hier aber ist Lebendigkeit im Hort und auch Hitze, meine Beine werden von Bremsen zerstochen und an einem der nächsten Tage, die ich dort im Kunstpark verbringe, bietet mir der Bildhauer eine selbst angerührte Salbe gegen den Juckreiz, hilft eigentlich kaum, aber unsere Hände berühren sich, als ich ihm die fast flüssige Substanz von den Fingern streife, gerade noch hält er inne in der Bewegung zu meinem nackten Unterschenkel, um sie dann doch nicht aufzutragen, das wäre zu viel Intimität.

So, liebe/r Leser/in, spätestens hier merken Sie vielleicht, was ich bis dahin noch zu verheimlichen suchte – meine Gedanken liefen mir bereits fort und Bilder der Gemeinsamkeit ebenso. (Ich habe aber gelernt, meine Gedankenwellen zu kontrollieren, so bilde ich es mir jedenfalls ein, und es stimmt auch nicht – Yogash Chitta Vritti Nirodha [was das heißt, lesen Sie bitte selbst nach]. Nothing's gonna change my world, begriff auch John Lennon.) Ich hatte auch die Kunst ganz vergessen! Schöne Dinge herstellen, ohne Auftrag, ohne etwas davon zu erwarten, ohne bestimmten Sinn, einfach machen und im Tun vollständig versinken. So schön.

Die Picknickgesellschaft merkt wohl kaum etwas von alldem. Und so haben wir die nächste Runde gedreht, um uns dann wieder voneinander zu erzählen bis tief in die Nacht.




Montag, 7. Juli 2014





Nah bei mir.




Sonntag, 4. Mai 2014
Stille. So müsste jeder neue Text beginnen. Aber ich habe die Nachbarin auf dem Kieker meiner Aufmerksamkeit. Neuerdings lärmt sie, knallt durchschnittlich jede Minute mit Fenster oder Türen und oben bei mir wackeln die Wände. Nachts werde ich wach, weil wieder eine Erschütterung durch den Boden läuft, auf dem direkt der Futon liegt, der mitschwingt und kaum dämmt. Das geht jetzt seit Tagen so, sie scheint zudem einen neuen Freund zu haben, dem ich letzte Woche im Hof begegnet bin, ein wenig trunken warf er eine Kusshand zu ihrem Fenster rauf, klein, mit wildem Haar auf Haupt und im Gesicht. Der passt doch gar nicht zu ihr, denke ich tantenhaft.

Bevor meine Genervtheit überhandnimmt, hefte ich nachts eine nette Postkarte mit ein paar bemüht neutralen freundlichen Zeilen an ihre Tür, sie war gerade herausgegangen zum Ausgehen, es war unüberhörbar.

Nachts schlief ich mal durch, bis vier, allerdings mit seltsamen Träumen gegen morgen. Als ich heute zum Spaziergang raus und an ihrer Tür vorbeikomme, sehe ich die Postkarte noch kleben. Entweder lässt sie sie jetzt einfach dort, damit alle Hausbewohner sehen, was ich für eine piefige Kuh bin oder sie ist noch gar nicht wieder zurück. Ich frage mich allerdings, wer jetzt gerade unter mir herumrumpelt.

Ob ich empfindlicher werde? Gegenüber basslastigen Geräuschen und die hohen gleich nicht mehr höre? Oder ich bin eifersüchtig auf junge Menschen, denen frisch verliebt alle Türen und Fenster aus den Händen gleiten, egal, ob bei anderen die Tassen aus den Regalen fallen. War das denn früher auch so?

Unbeabsichtigt beschließe ich wieder mitzulärmen, denn während ich auf das Kesselwasser warte, räume ich ein bisschen auf, den Eisenring will ich weghängen, der den Rost über der Gasflamme verkleinert. Vergesse, dass ich mir dort gerade den Grießbrei gekocht hatte, fasse an – und, scheiße ist das heiß! – lasse sofort wieder los, nicht nur das, ich werfe ihn seitlich fort, wo er klöternd vom Herd abprallt und in die Lücke zur Spüle fällt. Mir zischt regelrecht die Haut weg, ein Schrei und ein Fluch lassen sich nicht unterdrücken – tatsächlich, tut verdammt weh heiße Eisen anzufasssen! Drei Finger und der Daumen sind hinüber.

Konsequenz: Lärm hat mir jetzt egal zu sein. Isses zwischen eins und drei, tags oder nachts? Dann is' gut, reich mir den Werkzeugkasten und lass uns schauen, was es zu tun gibt!