Mittwoch, 27. November 2019
Nach einem sorglos und äußerst albern verbrachten Wochenende mit dem Bildhauer besuche ich am Montag das Mütterlein. Es sitzt da wieder so und erkennt mich nicht. Vielleicht liegt’s an meinem sehr kurzen Haar oder an allem anderen. Ich schiebe Mama in ihr Zimmer und das langsame Erkennen wird zu einem dramatischen Jammer, während Sätze fallen wie du bist mir so fremd oder das vorwurfsvolle wo warst du denn, beides wiederholt sie viele Male und heulend rufe ich alle guten Geister an, warum Gottvater, Maria und Jesus und alle Engel dazu sie hier so allein lassen, auch ich frage, wo sie denn nimmer sei und dass ich ihr nicht folgen kann. Wir liegen uns in den Armen und schluchzend beteuere ich Verlassenheit und weiteres Leid der Welt. Sie streichelt mein Gesicht und ist ganz wach dabei, fast erkenne ich sie wieder und sie wechselt zu einem lächelnden du bist mir nicht fremd, es dauert eine Ewigkeit, bis wir uns beruhigen, ihr Atem ging schnell und die bittersten Tränen wurden geweint.

Ich krieg’s nicht hin. Wie war das mit Abgrenzung und Entgrenzung?

Völlig ausgelaugt bringe ich sie zum Abendbrot an ihren Tischplatz. Sofort hat sie mich vergessen und würdigt mich keines weiteren Blickes, ihr Gesicht wieder zugefallen. Mein Winken bleibt ungesehen.

Ich bin davon überzeugt, dass das Leben ein Mysterium ist und wo ich kann, versuche ich, Geheimnisse aufzudecken; so kann ich mich an seltsamen, dunklen Gefühlen laben – und doch empfinde ich genau dies als echt krank. Am Morgen fällt mir weiteres Gesagtes ein, du bist Soldat geworden, behauptete sie und jetzt erst sehe ich ein, dass sie mich gar nicht meinte (vielleicht ihren Bruder, der mit 19 im russischen Winter bei einer Flussdurchquerung ertrank). Wahrscheinlich meinte sie mich gar nie, sondern immer nur eine der Figuren ihres inneren Dramas. Was für ein Missbrauch da mit Kräften, Liebe und falschem Blick begangen wurde.

Etwas hat diese Zeit – das Denken wird klarer. Ich verbringe den Tag mit dem angenehmen Gefühl, dass ich gar nicht gemeint bin, von niemandem, und niemals zu irgendeiner Zeit verantwortlich. Ich schlüpfe aus dem allgemeinen Schauspiel und keiner vermisst mich. Welche Erleichterung.

Schauspiel mit Pilzen.




Dienstag, 27. August 2019
Ich weiß jetzt, was die lauten Nachbarn gemacht haben, denn ich bin nun eine von ihnen. Dortselbst im Nachbarhaus allesamt verschwippt und verschwägert hat der junge Mann einen Lehmofen in den Hof gebaut. Man lässt mich großzügig über die schreckliche Kreischsäge monieren, entschuldigt sich und erklärt, man habe das falsche Sägeblatt gekauft und konnte es nicht umtauschen. Nun gibt es selbstgemachte Pizza, die die zwei Wochen Lärm beinahe ausgleichen, zudem bitte ich darum, zu weiteren Ofenbefeuerungen stets eingeladen zu werden. Das Schreikind entdecke ich auch, es sieht so rotzfrech aus, wie ich es mir vorgestellt habe, zwei Frauen sitzen abseits und quatschen, die eine offensichtlich die am Kind kaum interessierte, am Getöse bereits ertaubte Mutter.

Auch sitze ich bis zur Dämmerung mit neuen Freundinnen herum, rede sicher genauso laut wie sie durchs Carrée über Verflossene(s), trinke (die famose Gin-Mischerei mit den schönen Flaschen hat jetzt auch Likör!) und lache viel, vor allem mit der Gesprächpartnerin aus dem Schwäbischen, die so ihre Art hat. Es ist ein schöner Nachmittag. Wir thematisieren auch, ob und wann man sich (bei Kindergeschrei oder gar Gewalt, der man beiwohnt) einmischen sollte, ich als alarmiert, aber zurückhaltend Reagierende, die andere grundsätzlich dazwischengehend, auch in Männerstreits, wenn es beginnt, bedrohlich zu werden.

Am nächsten Tag, oh Wunder, das Kind schreit wieder so herum, höre ich erstmalig in diesem Sommer ein nun schrei doch nicht so! Worauf das Kind tatsächlich still ist.




Montag, 5. August 2019

Der Bildhauer hat einige der Stecken erneut überstrichen, mittlerweile die vierte Schicht von schwarz über weiß und senfgelb zu diesem Blauton, heute beginnt der Aufbau der Ausstellung, die Busenfreundin ist auch dabei mit einem Objekt, das sie selbst nicht so richtig versteht, das finde ich irgendwie sehr lustig, auch kunsttheoretisch, und der Bildhauer und ich machen was Kindliches, als Künstler sind wir frei und müssen überhaupt nichts erklären, ich stelle mir jetzt schon wehende Stoffe unter Bäumen vor, man kann reinkriechen und sich verstecken, das ist doch toll. Gerade nach dem gestrigen, sehr bedrückenden Tag der Kindheitserinnerung brauche ich heute einen solchen Ort. Und E. hat uns angeboten, ihren Garten weiterhin als unser Refugium zu nutzen, welch angenehme Wendung.




Freitag, 6. Januar 2017
Im südlichen Hinterhof werden unter lärmenden Jungsstimmen noch die letzten Böller abgebrannt, ich guck raus, wer sich da so aufregt, ein Hund kläfft. Die Sonne ist jetzt hinter den Dächern. Sollte ich nochmal zu Mama wollen, dann jetzt bald los. Ich schwanke dauernd zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung. Hab’ ich noch nicht raus. Was Gutes tun – wem zuerst?

Die Welt ist recht klein geworden. Mag mir keine Geschichten von Leuten mehr anhören, vieles schwächt mich, weil ich sofort mit großem Schwung mittendrin bin und Meinung habe. Die ich auch zum Ausdruck bringen möchte. Auch hier: Wieso eigentlich? Reines Zuhören kann ich meist nicht mehr, es ist doch immer dasselbe sich im Kreis drehen. Noch ein Pferd, noch ein/e Geliebte/e, noch ein Geldwunsch bzw. ein -nichthaben. Dudi sagt, sie könne solchen Erzählungen oft schon deren zukünften Verlauf voraussagen, genauso erschreckend wäre es, die anderen blind in ihre Voraussagbarkeit hineinleben zu sehen. Mir geht es ähnlich. Ich finde mich in der Rolle der Warnenden, zur Zustimmung müsste ich mich zwingen. Als würde mein Segen irgendetwas ändern.

Was kann ich mir denn selbst voraussagen? So zum Jahresbeginn. In der imaginären Glaskugel sehe ich, dass der Bildhauer und ich uns auch dieses Jahr noch gewogen sein werden. Dass sich das Thema Arbeit/Geld gravierend ändern wird. Dass ich die Mutter loslassen kann und Weggefährten wegfallen. Dass dass ich mich allgemein reduziere, sich meine spirituellen Erfahrungen verdichten und ich gesund bleibe. Ein neues Kunstprojekt mit dem Bildhauer beginne. Und dass ich hier bleibe, oder mal wegfahre für ein paar Tage. /Glaskugel ende




Sonntag, 13. November 2016
Das erste Mal seit langer Zeit kränklich, lustlos, halsschmerzend und langsam im Kopf. Auf einer 40jahr-Firmenfeier am Samstag wurde sich über Burnout ausgetauscht, vielleicht wäre das auch eine Option für mich. Eine ereignislose Kur fernab von telefonischer Bereitschaft, und etwas Geld ohne zu arbeiten. Das ohne zu arbeiten praktiziere ich auch so, das bedeutet natürlich auch keine Einkünfte. Den fehlenden Geldzuwachs könnte man durch den Verkauf des Elternhauses abfedern, wenn der denn genehmigt würde. Die Betreuerin, die das Gericht als Bevollmächtigte der Mutter bestimmte, empfinde ich als voller Vorwürfe gegen mich. Es sei nicht rechtens gewesen, das Sparguthaben meines Vaters durch drei zu teilen, ob die Mutter denn auf ihre Hälfte verzichtet hätte? Erst später wird mir klar, dass man einfach davon ausgeht, dass die Mutter vor sechs Jahren schon dement war. In einem langen Brief berichte ich der Betreuerin und dem Gericht von dem, was ich beim Vorsprechen aus Stress unfähig war zu sagen. Vor Gericht also, verdammt! Ob diese Schuldgefühle irgendwann endlich aufhören? Das beste an dieser Auseinandersetzung ist, dass ich mir selbst klar werde, was für eine Menge Gutes ich für die Mutter getan und geregelt habe. Vielleicht wird das die Schuldgefühle vertreiben können. Wir werden das Haus außerdem nicht für einen Preis verkaufen dürfen, sagt die Betreuerin, der um so viele Tausend unter dem Gutachten liegt. Ich würde sie als Rockerbraut bezeichnen, optisch, und wenig empatisch, ob Rechtanwältinnen darin auch geschult werden? Jedenfalls bringt sie mich zum Weinen und wahrscheinlich hält sie meine Tränen für falsch, ein weiterer Grund, unfreundlich zu mir zu sein.

In der Nacht träume ich von einem metergroßen mumifizierten Embryo mit schwarzen Augenhöhlen, den ich aus dem matschigen Grund ziehe, zusammen mit anderen Hindernissen, die unserem holzberäderten Wagen im Weg liegen. Sehr ekelig, doch später sehe ich das Kind, das in diesem sich als Film entpuppenden Szenario mitmacht, auf der Wiese spielen, selbstvergessen und fröhlich, mit dickem schwarzen Kurzhaar, zu früh seine Mumienrolle vergessend, obwohl die Kamera noch läuft. Wir lachen und werden das nochmal drehen müssen. Ein in der Nachschau poetischer Traum mit guten Zeichen, aber trotzdem erst noch ein bisschen krank sein und jammern. Nachher rufe ich Dudi an, die soll mich trösten, die kleine Mutter selbst braucht eigenen Trost, auch das ein Grund zum Weinen, ich habe keine Mama mehr die mich trösten kann, rufe ich dem Bildhauer zu, nicht ohne gespielte Dramatik, die er mir natürlich verzeiht. Er vermag nicht so viel tun, außer die Stimmung mit ein paar Niedlichkeiten zu wenden und mich zum Lachen zu bringen.

Wie gehen wir vor. Ich weiß es nicht. Ich lese viel – in den alten Schriften des Vedanta, mache weiter mit der großen Mantraübung, vertiefe mein Englisch anhand Phil Collins’ Biografie, schaue Filme, die mir gut tun und denke mir Kunst aus, oder Design oder wie man das nennt. Es ist trotz des Gefühls von Stillstand eine kreative und äußerst erkenntnisreiche Zeit. Die Mutter hat möglicherweise die letzten 50 Jahre vergessen, auch auf den alten Fotos kein Erkennen des hinfortgewünschten Hauses, eine kleine Erinnerung nur an die Wickenhecke, von der Besucher je ein Sträußchen mitbekamen, das ist aber auch schon fast die gleiche Zeit her. Aber sie berichtet lebhaft von Alltäglichkeiten im Heim, die ihre gesamte Aufmerksamkeit einnehmen. Fast jedes Mal erzähle ich ihr von der Hüft-OP und warum sie nicht mehr gehen kann, was sie jedes Mal erstaunt quittiert und – wahrscheinlich sofort wieder vergisst. Es gibt aber auch viel zu lachen, über Schabernack, mit niedlich gefälteltem Mund vorgetragen, und kleinen Frechheiten. Stets freut sie sich über die mitgebrachten Blumen oder eine Süßigkeit – ihr Leben ist sehr einfach geworden. Mich animiert das wiederum ebenso zu Simplifizierungen meines lifes, hinfort auch alles zu Komplizierte. Ich sollte nun endlich auch anfangen, die letzten 50 Jahre zu vergessen. Das würde mir gut tun.




Freitag, 13. Februar 2015
Allein mach ich das nie, im Bett frühstücken. Aber heute. Mit dem Bildhauer zusammen gibt's immer zuerst Kräutertee, wenn ich noch halb schlafe, dann, nach etwas reden oder lesen, Kaffee frisch gemalen und süßen Toast oder Croissants ans Bett. Wenn ich allein bin, steh ich sofort auf und spule das Morgenthema ab, duschen (oder auch nicht), oft raus zum lieben Italiener bei Peccorinobrötchen mit selbstgemachtem Pesto, oder daheim mit ayurvedischem Griesbrei in jeder Menge Ghee gekocht. Aber heute – Sonne scheint rein und löst langsam die depressiven Verspannungen der Nacht, ich weiß nicht, wo das Zeug immer herkommt, wie eine dunkle Wolke schwebt es über meinem Geist, aus Tagesresten, Unerledigtem und Sorge über Mama.

Es ist wirklich quatsch, sich Sorgen zu machen, das begreife ich mehr und mehr, und so kontraproduktiv. Wahrscheinlich haben die Sorgen rein gar nichts mit wahrem Geschehen und Gefühlen der Pflegeperson zu tun. Alles bloß Projektion. Alles meins. Wie schön es dann ist, sich tatkräftig zu kümmern, ein freundliches Telefonat über dies und das, Lebendigkeit streuen, unangestrengt und leicht. Wie im Zen.

– und jetzt aufstehen.




Mittwoch, 3. Dezember 2014
All die Leute, die dauernd rein und raus gehen, seit die Tür nicht mehr zugeht. Mama hat kein Vertrauen, wieso auch. Es ist offensichtlich besser, keine Pflegestufe zu haben, jetzt rede ich schon wie die, das müsste doch heißen, einer Stufe zugeordnet werden, oder wie auch immer. Also ist sie noch viel zu rege und schlau. Ich frage die Gutachterin, ob es nicht ein bisschen finanzielle Unterstützung gibt, schließlich machen wir dies und jenes, waschen, putzen, legen. Und dann verstehe ich erst, es geht allein um Demenz und die direkte Pflege des Körpers, putzen, waschen, legen gehört nicht dazu. Ansprache, Aufmerksamkeit, Mitgefühl oder gar Liebe gehören nicht mit zum Programm, da wird einfach bloß reingekommen, in alle Winkel geglotzt und geschlaubergert.

Dann doch lieber gar nichts. Die dauernd wechselnden Pflegepersonen messen eilig den Blutdruck, pieksen in Finger, um etwas Blut zu bekommen und zu messen, messen für Zahlen, bitte Zahlen her, und haben Sie Ihre Medikamente genommen, das ist alles. Noch bis nächsten Donnerstag, wir laden sie nicht mehr ein, bloß nicht weiter, die nerven.

Mama hat gekämpft wie eine Löwin, mittlerweile wissen alle, wie fit sie ist, und ihre Schwäche von vor drei Wochen war nur eine kurze. Ich finde sie toll. Wir haben viel gelernt über das, was wir wirklich wollen, was Menschen wirklich wollen, um würdig zu leben und irgendwann zu sterben.

Ich übe jetzt, und Dudi auch, mir keine Sorgen mehr zu machen und Vertrauen zu haben, in Mama und die Art, wie sie ihr Leben leben möchte. Vertrauen ins Schicksal. So wird das gehen. Finde ich.




Dienstag, 31. Dezember 2013
Ein vorsichtiger Blick nach vorn. Das Horoskop sagt nach mageren und sehr humorlosen Jahren endlich etwas Entspannung an. Nein, nicht das Brigitte- oder Freundin-Horoskop, sondern das ganz persönliche. Einige vielversprechende Transite und spirituelle Hoch-Zeiten. Supi. Mit der Mantra-Übung schrappe ich stets am Aufgeben vorbei, wenigstens eine Mala pro Tag, sonst reißt die Verbindung und ich kann von vorn anfangen. Ich hab ein bisschen geschummelt, hoffentlich merkt das keiner. Knapp 70.000 zur Zeit.

Vielleicht kann ich doch endlich gedanklich vom Geräuschemann lassen. Solange ich noch nach seinem Namen suche und bei Freunden Fotos entdecke und dann noch anfange, über ihn zu reden und wie bedauerlich und so weiter blabla – wird das nichts.

In Aussicht stehen ein paar Aufträge, die finanziell nicht besonders ins Gewicht fallen, aber Spaß und freudvolle Kontakte bringen. Dass es auf dem Gelände an unseren desktops weiterhin so harmonisch zugeht, wünsche ich mir, jedenfalls kann ich zur Hälfte meinen Anteil daran geben. Ein paar kleine Reisen in die Welt hinaus. Eine befriedete Mutter. Mehr Zeit mit den Patenkindern, dem Großen, dem Sohn meiner Schwester, der ein neues Arbeitskonzept will, dem Mittleren, der bald 18 ist und mit dem ich auf dessen Riesenparty aller Wahrscheinlichkeit nach endlich durchbrennen werde, und dem Kleinmädchen, dessen Liebreiz mir das Herz erweicht, sicherlich.

Und natürlich Gesundheit. Für alle. Verzeihen. Hoffnung (trotzdem).

Dass es nicht nur den Menschen, die mir nahe stehen, gut ergeht, Wohlstand und langes Leben seien auch mit dabei. Mögen alle Wesen vom Leid befreit sein. Weg mit dem Kapitalismus, her mit der Glückseligkeit! Das sind so meine wirren bescheidenen Wünsche für ab morgen.




Freitag, 15. November 2013
Da sitzt man dann da und schaut sich Satellitenbilder von zerstörten philippinischen Inseln an. Auch hier geht das Auseinandernehmen weiter.

Als ich ungefähr 16 war, schnitt sich meine damalige Schulfreundin (die hier im Blog als Die Fahrerin auftaucht) das Haar kurz. Es war die Zeit der Punker und alle hatten diese Stachelfrisuren. Natürlich war das Punkerdasein in der Provinz kein sonderlich rebellisches, sondern bezog sich hauptsächlich auf Kleidung und Haare. Die Freundin blieb weiterhin fleißig und lieb. Ich selbst hatte langes Haar, bis weit in die 80er, liebäugelte aber immer mit ihrem burschikosen Gehabe, natürlich trug sie auch Lederkluft, was mich ganz besonders reizte, und fuhr Motorrad. Wie kühn ich sie fand. Kurze Haare und Motorrad waren meine wahren Ziele, aber ich traute mich nicht.

Dieses Nichttrauen empfinde ich heute als seltam. Es war ja nichts dabei, kurze Haare zu haben, aber es war fast so, als dürfte gerade ich das nicht, eher noch, als wäre es speziell mir verboten, meine geheimen Wünsche erfüllt zu bekommen. Meine Eltern hätten wohl nichts dagegen gehabt, aber es war eine Art Eigenverbot glücklich zu sein. Was das Motorradfahren betraf, hatte ich schlicht kein Geld für Führerschein oder gar ein Krad.

Während des Studiums machte ich es endlich. Ich wohnte noch zu Hause, fuhr morgens in die FH der Landeshauptstadt und abends zurück ins Heimatnest. Haare bitte ganz kurz, wies ich die Friseurin an, wir diskutierten ein bisschen herum und irgendwann war das lange Haar ab. Der Kopf fühlte sich großartig an. Beim Drüberstreichen bürstig, die Stirn frei für neue Gedanken, so hatte ich mir das lange gewünscht. Vom Wunsch zur Ausführung waren immerhin zehn Jahre vergangen!

In den jungen Jahren fing auch das Philosophieren an, die große Suche, erst mit langen Haaren, dann weiter mit kurzen. Ich probierte alles aus, kam über die Esoterik und wieder Abwenden davon der Wahrheit näher, fiel ab und zu wieder der Esoterik anheim und kroch, durch sie benebelt, wie ein waidwundes Reh durch den Wald und sah nichts vor lauter Bäumen. Mein Wunsch war groß, mittlerweile kannte ich mich mit den Konzepten des Ziels aus, moksha, Befreiung (vom Rad der Wiedergeburt), Nirvana und das große Nichts, und die anderen Begriffe, die dieses Konzept sonst noch tragen mag, die samadhis, Einheitsgefühle, ohne Dualität, ohne ein Zweites. In meinen Zwanzigern konnte ich astral reisen, was jetzt nicht mehr geht, im Gesamten war das Feinstoffliche mir eindeutig, ein Wissen aus Erfahrung.

Auf meiner Reise gewann ich den Eindruck, dass vollständige Befreiung ein schwieriges Unterfangen sei, das kühnste überhaupt. (Was man so liest, das ganze Gefasel der spirituellen Lehrer und so.) Es bedeutet, maya zu durchschauen und in einer Welt zu leben, von der das Selbst nicht berührt wird. Ich führe das jetzt nicht genauer aus, immerhin hat die Suche mich den größten Teil meines Lebens beschäftigt, ich kann das nicht mal so eben beschreiben. Ich will nur andeuten, dass ich, was die Erleuchtung betrifft, genau wie bei den Haaren und dem Motorradfahren, sie mir anscheinend die ganzen Jahre ebenso versagt habe, so als wäre ich nicht würdig, nicht fleißig genug, nicht der Typ dazu, und wieso ich überhaupt, wo doch andere viel größere Übende sind als ich, viel länger dabei, mit viel größerem Verlangen, incl. der sadhus, die (halb-)nackt durch Indien laufen.

War ich mir denn über das genaue Ziel klar? Wie würde es sich anfühlen, vollkommen befreit zu sein? Müsste ich mich dafür entkleiden? Würde es den Tod bedeuten? Wäre ich wirklich bereit, dafür zu sterben? Das hatte ich mich damals nicht gefragt, dazu hatte ich viel zu viel Schiss. Genauso wie vor kurzen Haaren und Motorrad fahren, was würden die anderen sagen, ist die jetzt plemplem, jetzt fährt die auch noch Motorrad, tatsächlich fragte mich der Theorieprüfer, "wieso will denn eine kleine Person wie Sie überhaupt Motorrad fahren?"

Eine ähnliche Frage zu meinem großen Ziel könnte gelautet haben, wie und wozu will eine so kleine (hier: unbedeutende) Person wie ich überhaupt Befreiung erlangen? Wieso eigentlich immer das Beste, wenn das Zweite oder Dritte doch reichen würde? Also mittellanges Haar oder Pagenkopf oder so, dazu 50 Kubik. Es scheint so, als hätte ich mich mit dieser unbewusst vor sich hinröchelnden Frage selbst torpediert.

Jetzt hält mich nichts mehr. Ich weiß, wo ich hin will und ich weiß, dass ich es erreiche. Ich bin auf dem Weg, torlose Tore sind bereits durchschritten, und das Rad des Karma läuft langsam aus. So fühlt es sich hier an. Es ist schön. Es ist grandios. Es ist wie endlich über eigenes stoppelkurzes Haar streichen, nur besser.

Und was das Sterben betrifft – darüber reden wir dann wann anders.




Freitag, 7. Juni 2013


Und wie sich das Gelände in den beinahe zwölf Monaten, die wir hier sitzen und beobachten, geändert hat! Gegenüber sind schon Familien eingezogen, ich nehme an, die Wohnungen sind architektonisch supi und alle Bewohner haben passende Wellnessmöbel in weiß und braun. Pflanzen ranken schon von den Galerien, so kann ich von hier sehen, einige Kinderwagen werden über Türschwellen geholpert, weil, so richtig fertig ist das alles noch nicht. Der offene Bereich mit dem Eisengestänge wird wohl erstmal so bleiben, aus historischen Gründen. Da können dann die Kinder spielen und sich verletzen, dann muss man wieder Verbote aussprechen, die werden natürlich nicht eingehalten, wir haben ja damals auch heimlich in Rohbauten gespielt und so weiter. Also bleibt alles wie immer. Hoffentlich bekommt jede Erdgeschosswohnung Grün davor, dann wäre das Feeling von hier endlich etwas naturnaher nach all dem Gebaue, Gestampfe und Gesäge.