Montag, 17. Juli 2017
Obwohl statistisch bereits im letzten Drittel des Lebens, würde ich mich eher am Anfang der zweiten Hälfte einordnen. Dass ich 100 Jahre werden würde, war klar. Und so ist mir anscheinend dafür auch genügend Kraft und Gesundheit zuteil. Wir werden sehen. Mir scheint, es gibt immer noch viele offene Enden. Der Bildhauer hat eine Plastik in einem Park inmitten anderer; eine Gemeinschaftsausstellung, die mich teils begeistert, teils aber ratlos zurücklässt, haben doch einige Teilnehmer das Rahmenthema sehr eng ausgelegt. Ich begreife, dass unter allen tausend Ideen, die ein Künstler zu Beginn hat, irgendwann eine Auswahl geschehen muss, die weiterhin auf die eine reduziert wird, und dann einfach machen. Genausogut hätte es einen anderen Einfall treffen können realisiert zu werden. Mit diesem Gefühl stapfe ich in Gummistifeln über die durchnässte Wiese von Objekt zu Objekt. An jenem des Bildhauers habe ich selbst Hand angelegt und bin anfangs gespannt, wie das Urteil darüber ausfallen mag, später aber weiß ich, dass es nur so ausehen kann, es besteht kein Zweifel. Eine andere Idee hingegen hätte anders ausgesehen. Natürlich.

Ein anderes Leben hätte auch anders ausgesehen. Eine heimliche Neigung zur Mathematik hätte ausgebaut werden können, und ich hätte mich, von Zahlen und Definitionen umgeben, darin eingerichtet. Zahlen und Gleichungen sind wohl aber fast das gleiche wie bildliche Ideen, die im Geist reifen und am Ende Gestalt annehmen. Oder auch nicht. Diesen Sommer trage ich viele Gestaltungen in mir herum, viele Themen, auch stelle ich mir vor, wie ich sie realisiere, welche Materialen ich einsetze, welche Techniken – und an einem Punkt innehalte, um das innerlich bereits fertiggestellte Objekt dann eben nicht fertigzustellen. Was ich davon halten soll, weiß ich noch nicht. Es gibt zu viele schöne oder interessante Design- und Kunstobjekte auf der Welt, und ich kenne mich nicht gut genug aus, um in der eigenen Schöpfung nicht doch nur bei Zitat oder Nachahmung zu enden. Und trotzdem erfreue ich mich an meinem regen Geist, der mich nachts über Stunden wachhält – vorgestern habe ich eine geraume Zeit an der Trauerkarte der Mutter gearbeitet, bin aber zu keinem fertigen Ergebnis gekommen. Außerdem lebt die Mutter ja noch. Gegrüßet seist du, Maria, … beten wir oft zusammen. Manchmal weiß ich nicht, ob sie noch weiß, wer Maria eigentlich ist. Eine Freundin?

Die Vorstellung, das Leben (ebenso wie jede kleine Kreatividee) hätte auch ganz anders verlaufen können, ist aufregend. Zunehmend sehe ich mich imstande, auf Vorfälle unterschiedlich zu reagieren – es sind eben keine reinen Reaktionen mehr, sondern ich treffe eine Auswahl unter möglichen Reaktionen. Es gibt keine natürliche Reaktion, so wie man auf Aggression automatisch mit Wut kontern möge oder was die Vita eben sonst so hergibt. Hingegen kann ich nun innerhalb weniger Sekunden bewusst entscheiden, welche Beantwortung geeignet ist. Für welchen Zweck geeignet? Auch den entscheide ich in den Sekunden des Innehaltens. Wo da noch Platz ist für Spontaneität, würde die Busenfreundin jetzt sicherlich einwenden, womöglich sehr aufgeregt. Genau, würde ich antworten.

Die Errungenschaften, auf die die Shiva-Sutras zielen, gehen noch weit über die der Yoga-Sutras hinaus, und während es dort beim in der eigenen Natur ruhen bleibt, machen die Shiva-Sutras weiter bis zur absoluten Wahrheit/Einssein, was auch immer das heißen mag. Swami hebt die Möglichkeit des Erschaffens von eigenen Universen heraus, und ich frage, was man dann mit so’nem eigenen Universum macht? Was machst du denn mit dem Universum, welches dein eigener Körper ist, kontert er – und Stille legt sich über mich, vielleicht isses auch bloß Sprachlosigkeit.

Welten erschaffen. Das gefällt mir. Es ist jetzt auch nicht mehr schlimm, nachts wachzuliegen, sich was vorzustellen und es nicht zu erschaffen. Es ist alles gleich. Ich muss nicht mehr. Nicht mal mehr notieren. Das ist auf eine seltsame Art sehr befriedigend.




Donnerstag, 12. Januar 2017
Angst hab' ich. Hier im Herzen kann ich sie fühlen. Sie tut nicht weh, und doch ist sie unerträglicher noch als Schmerz. Hatte sich versteckt. Ist jetzt voll da. Szenen werden lebendig: Das Kind zwischen den streitenden Eltern, ein Wort gibt das nächste, Vorwürfe und Gehässigkeiten wechseln hin und her. Wechseln sie? Ist es nicht bloß die eine, die Böse, die nicht aufhören kann, dem anderen Unaussprechliches ins Gesicht zu schreien? Ist nicht der andere der, der sich bloß wehrt, der körperlich werden muss und gewalttätig, als einzige Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen. Hatte er Angst? Seine Angst ist jetzt die meine.

So könnte es gewesen sein. Genau anders als wir dachten. Was kann es sein, das jemand bloß sagen muss, dass es weh tut? Wie ist es möglich, dass Worte überhaupt eine Macht haben? Ich verstehe das nicht, und doch sehe ich es überall, Worte können uns töten.

Später begannen sie, Sachen kaputt zu machen, und irgendwann warfen sie mit Sachen um sich. Sie hätten sich töten können. Aber warum? Was genau war zwischen ihnen vorgefallen?

Ich habe Mama oft danach gefragt, aber sie hatte keine Antwort. Ist es sinnvoll, das zu wissen? Oder ist es nur ein ganz normales menschliches Drama, das sich überall auf der Welt wiederholt. Grundlos. Vielleicht gibt es keinen Grund. Grundlosigkeit scheint mir am meisten Angst zu machen, das Irrationale, das Unerklärliche. Das Große Geheimnis. Da ist nichts zu verzeihen – weil ich nichts verstehe.

Die Angst hier im Herzen ist stark, und geheim – the cave of the heart ist ein höchst geheimer Ort. Und ich erzähl' euch davon. Hier ist noch alles ohne Sprache. Es ist der unschuldigste Ort. Es ist das Herz des Kindes, das nichts Böses kennt. Mein Herz.




Mittwoch, 19. November 2014
Jedenfalls habe ich einen tollen Freund. Wenn ich ihn ansehe, finde ich, dass er von außen überhaupt nicht aussieht wie er innen ist, also in der Seele. Das ist sein größtes Geheimnis. Von außen wirkt er ernst, seriös und älter – hatte ich ihn bei der ersten Begegnung nicht sogar gesiezt? Was machen Sie denn mit dieser Kugel? Wahrsagen? fragte ich in etwa. Die Kugel sei als Brennglas zu nutzen, hier, der Tisch ist bereits angekokelt, da muss der Hut drauf, wenn die Sonne scheint, damit das ganze Gelände nicht abbrennt. Ich siezte noch ein paar Abschnitte weiter, beeindruckt ob seiner Bildhauerei, während er schon beim du war. Von innen, in der Seele jedenfalls, ist er der albernste, lustigste und kindlichste Mensch, den ich kenne (außer mir). Wenn ich ihn ansehe, sehe ich den jungen Mann mit diesem trotzigen Zug um Mund und Kinn, oft fasse ich beides zwischen Daumen und Zeigefinger und zupfe daran. Wenn er dann lacht, noch mehr mit den Augen, verfliegt alles Eigensinnige sofort.
So ein Gesicht hat er jedenfalls.




Samstag, 1. Februar 2014
Oder Ihr Essen? Nein? Ich auch nicht. Ich gebe zu, ich war mehrmals versucht, die Kamera über meinen Rote-Beete-Nudel-Eintopf mit Curry zu halten wegen des unglaublichen Orangetons, die sich durch die Mischung des Gemüses mit Gelbwurz ergibt, aber jedes Mal beschlug es die Linse und weil ich nicht wollte, dass mir das Essen kalt würde, ließ ich es. Tatsächlich gibt es einige unterbelichtete Fotos, die mich vor meiner Bücherwand zeigen, zerwühlte Haare (auf meinem Kopf) und allgemeine Unschärfe (auf den Buchrücken).

So weit war es also schon gekommen.

Am Donnerstag war ein besonderer Tag. Die Gemeinschaft der himalaya'schen Weisen und Yoga-Schüler, zu denen ich mich zugehörig fühle, hatte den Steinbock-Neumond als silence day ausgemacht, der gleiche mit dem die Chinesen ihr Neujahr einleiten, das des Pferdes übrigens. Ich verbrachte den Tag in größtmöglicher Schweigsamkeit. Auf dem Gelände mussten ein paar drucktechnische Details besprochen werden, und die Bürokollegin zeigte mir ein Filmchen, wie ihr junges Pferd das erste Mal an der Longe geht – das konnte ich wegen Niedlichkeit nicht unkommentiert lassen.

Was mir in den letzten Wochen, wenn nicht Monaten, gefehlt hatte, war shradda, Vertrauen, eine der fünf Tugenden des spirituellen Aspiranten. Alles war mir abhanden gekommen. Und während dieser zweifelnden Zeit wusste ich nicht mehr, was richtig und falsch war. Ich fand die Welt grundsätzlich schlecht. Was, wenn der Mainstream recht hat, wenn es nur das Offensichtliche gibt und sonst nichts. Dass Menschen einfach so Krankheiten bekommen, dass Kriege geschehen, das Schicksale passieren, ohne dass wir irgendeine Macht darüber haben. Es waren öde Monate, in denen ich, so wird es mir im Nachhinein klar, im Netz Antworten nachjagte. Mein vieles Gelese hatte was extrem Suchtartiges, und nichts konnte mich zufrieden stellen. Hier noch einen Blog lesen, dort noch einen Kommentar checken, im Außen etwas suchen, suchen – suchen. Vielleicht gibt es doch jemanden, der die ultimative Wahrheit schreibt und sich nicht dauernd darüber mokiert wie scheiße das virtuelle Leben (und das Leben überhaupt) ist und wie doof die Leute, die pubertäre poetry-slam-Beiträge liken. Achgottchen.

Das besondere an diesem Donnerstag ist die Stimmung, die mich umfängt als ich aufwache. Da ist Stille. Ich hatte ja die Lizenz zum Schweigen und nehme mir ausreichend Zeit, meine bös vernachlässigten Übungen wieder zu vertiefen, lasse den Rechner zum Frühstück aus und setze mich mit meiner Schale Grießbrei vor den Altar. Dort sitze ich einfach weiter und lauschte, ribbele ab und zu an einen fast fertigen Pulli herum, nehme ab und zu die Mala und mache eine Runde, während das Sonnenlicht sich langsam im Raum dreht – und ich endlich ankomme.

Wie sehr ich sie vermisst habe, die Abgeschiedenheit. Wie sehr ich mich vermisst hatte, ich konnte nichts mehr mit mir anfangen vor lauter Ablenkung. Bereits vor zwei Wochen hatte ich mir deshalb striktes Internet-Verbot erteilt, und zu meiner eigenen Überraschung fühlte ich mich damit sehr frei. Keine Erwartungen, keine Verpflichtungen. Im Netz war alles voll mit Meinungen, Meinungen und noch mehr Meinungen, fast schon war ich selbst zur Meinung geworden, eine Meinung, die notfalls angepasst werden musste, wegen der Schmerzlichkeit der Wahrheit. Meine bookmarks stecken jetzt in Unterordnern, die nur mit umständlichem Geklicke erreichbar sind, und wenn ich manchmal in die vertraute Liste schaue, schrecke ich davor zurück, sie zu öffnen, damit der sinnlose Trubel nicht wieder losgeht.

Die Buddhistin, die abends zur Meditation kommt, und ich sind uns einig über die Auswirkungen unseres hemmungslosen Netzlebens. Auch sie klagt über Unruhe im Geist und beschreibt den Rausch als Bedürfnis nach Verbundenheit, aber die Meinungen und Kommentare, die wir im virtuellen Außen aufnehmen oder abgeben, alles, was wir dort lesen und sehen, täuschen das Ersehnte bloß vor! Sie selbst sei in diese Falle getappt, war sie offline, fühlte sie sich seltsam allein, so als wäre sie vom Leben abgeschnitten, das Zuhause eine Art Grab ohne WLan. Wie absurd dieses Gefühl sei, schließen wir, denn wir sind ja ständig Teil von etwas, wir haben Körper, die Teil der Erde sind und teilen mit anderen Raum, Gedanken und Gefühle. Wir wollen Verbundenheit spüren und können es nicht, obwohl sie nur ein Fingerschnipsen entfernt ist.

Eine knappe Stunde sitzen wir in Stille auf der Matte im Kerzenlicht. Ich erinnere mich an die Morgenmeditationen in Swamis Ashram. Es ist noch dunkel draußen und in der Halle brennt einzig am Altar eine Kerze. Man sieht Umrisse regloser Gestalten, die in der Halle verteilt sitzen und sich zum Schutz gegen Mücken vollständig in ihre Tücher gehüllt haben. Während der halben Stunde wird es draußen hell, und noch später geht die Sonne hinter den Vorbergen des Himalaya auf. Diese geheimnisvolle Zeit habe ich besonders geliebt.

Ich möchte mehr von dieser Zeit! Ich bin bereit und dabei, mich wieder einmal vollkommen zu drehen.




Samstag, 19. Oktober 2013
Erst viel zu spät fällt mir ein, dass ich die Lieblingschefin hätte fragen können, was denn mit ihr los sei. Viel zu spät bedeutet dabei auch, dass ich mir zu viele Gedanken darüber mache, was denn überhaupt los ist. Sie neigt zur freundlichen Attacke, mit diesem Lächeln und dem besorgt schräg gehaltenen Haupt, ich möchte sie hier auch nicht kritisieren, denn eigentlich haben wir uns lieb und hätten beinahe mal geknutscht. Vielleicht ist die Mischung brisant, eine durchaus körperlich zu nennende Freundlichkeit zusammen mit der sicherlich notwenigen Chefinnen-Strenge, die jede Erotik wieder zertrampelt, wo sie gerade angeblüht war.

Was peinliche Gefühle anderer betrifft, so bin ich taktvoll, ich kenne sie nur zu gut und möchte die andere verschonen, verdränge aber, dass ich mich selbst dabei nicht schone. Ich kenne die Lieblingschefin so gut und als wir beinaheknutschten, war zwischen uns solch Behutsamkeit und Sanftheit, dass mir schon Bilder einer möglichen Zukunft ins Hirn waberten, dramatisch und ebenfalls peinlich, so bin ich bei der bloßen Empfindung geblieben, ihre pfirsichzarte Wange an meiner, mein Handrücken an ihrem Sommersprossenarm, und da war Lächeln und Seufzen und ich wusst' nicht, wohin damit.

Mit mir war jetzt jedenfalls nichts los, aber mir ihr. Hätte ich sie zurück gefragt, wäre sie sicher in Tränen ausgebrochen, aber derart blieb die Pein bei mir und hielt mich Nachts wach.

Das sind alles so kleine Dinger, die zusammengehören.

Googeln nach "Abgrenzung", denn ich hielt jetzt meine mangelnde Fähigkeit hierzu für den Auslöser nicht nur dieser Szene, sondern auch vieler anderer Probleme, viel zu viel, innerlich folgten Listen, wohin mich meine dauernde Verfügbarkeit schon gebracht hatte. Verfügbarkeit ist ein noch krasseres Wort als Erreichbarkeit, ersteres hat (für mich) zusätzlich eine körperliche Note, und da beginnt das ganze intim zu werden, zu nah. Ich fand einige Texte (z. B. hier http://www.medizin-im-text.de/blog/2011/886/abgrenzung/) und las mich im Thema Hochsensibilität fest, eine Art emotionalem Pendant zu Hochbegabung. Kannte ich noch nicht. Es gibt Fragebögen, die mich zu 100% als HSP (hochsensible Person) ausweisen und obwohl ich das Erschaffen von und sich Einordnen in Kategorien irgendwie unangenem finde, konnte ich mich spontan zugehörig fühlen. "Wir HSP" – in entsprechenden Foren war mir das dann aber doch zu fett, eine Gruppe HSPler ist an sich ein Witz.

Trotzdem, jetzt verstand ich Vieles. HSP haben keine Filter, um Stressvolles auszublenden, sind kreativ, emphatisch bis zur Selbstauflösung, durchdringen Stimmungen, Unausgesprochenes und Lügen sofort und so weiter. Der Verstand rast und möchte alles begreifen, nicht zuletzt das eigene Dasein und den Tod, es mangelt an Ruhe und der Fähigkeit, zwischen deinem und meinem zu unterscheiden, der Abgrenzung. Was oft wirkt wie schroffe Ablehnung und Verschlossenheit ist eher ein zu großes Mitgefühl, das den Menschen schnell erschöpft.

Meine Recherchen haben mir auch gezeigt, dass bereits ein Psycho-Markt entstanden ist und Therapeuten und Coaches Therapien und Methoden anbieten, um die Symptome zu lindern, nein, keine Symptome, schallt es durch die Foren, HS sei ja keine Kranheit, aber immerhin 15-20 % seien davon betroffen.

Allerdings habe ich das Gefühl (haha), dass mein gesamter Bekanntenkreis hochsensibel sein muss. Dass die Geschichten, die ich hier berichte, die Streitereien mit der Busenfreundin, die Sorgen um die Mutter, die Dialoge mit der Buddhistin, der Liebeskummer, die Reflexionen, die Wirrungen, die Selbstzweife und nicht zuletzt die spirituelle Suche dadurch so reichhaltig werden. Der Umgang mit HS sei lernbar und die Umwandlung von Empfindsamkeit und Verschlossenheit in Offenheit und Herzlichkeit durch Kreativität und Humor steht in Aussicht.

Also wieder eine Schublade. Die ich sofort verlasse, nachdem mich mancherlei Erkenntnis geflasht und dann entspannt hatte. Wie herrlich ich schlafen konnte. So als wäre eine Erlaubnis geschehen, so sein zu können. Eine Erlaubnis, die ich mir selbst gebe, natürlich.

Jetzt möchte der nimmermüde Geist natürlich gleich versuchen, das Konstrukt in die Yoga-Philosophie zu integrieren, denn es muss ja alles passen. Das kann er gerne machen, aber ohne mich. Ich ruh' mich derweil etwas aus.




Samstag, 5. Oktober 2013


Das ist jetzt das soundsovielte Bild vom See, ich weiß. Ich brauchte Weite um mich herum, nachdem ich am Nachmittag vom buddhistischen Retreat mehr oder weniger geflüchtet bin, mit dem Fahrrad war ich am Morgen ins südliche Industriegebiet zum vietnamesischen Kloster gefahren, die ganze Strecke, der Morgen war noch neu, die Buddhistin sagte für den Freitag ab, nachdem sie die Nacht migränekotzend keine Ruhe finden konnte. Sie hatte vorgeschlagen, gemeinsam das Retreat zu besuchen, der Mittwochabend war einem Vortrag gewidmet und ab Donnerstag bis Sonntag sollte viel geübt werden, Sitz- und Gehmeditationen, unterbrochen von Mittags-, Tee- und Abendbrotpausen.

Ich bin erschüttert über die Welle der Ablehnung, die mich von innen überschwemmte, während wir so etwas Simples taten wie rumsitzen. Ich mag diese Menschen nicht. Nach kürzester Zeit fühlte ich mich in dem für 30 Leute viel zu kleinen Raum eingesperrt und mit dem Zwang belegt, bewegungslos sitzen zu müssen. Wie schwer fiel mir das, umgeben von rasselnden Atemzügen von rechts, pestartigem Mundgeruch direkt von hinten, Töne aus nicht abgeschalteten Smartphones, dummen oder aggressiven Fragen von seitlich, besserwisserischen Statements aus der letzten Reihe und allgemeinen Geräuschen, die Menschen nun mal so machen. Achtsamkeit. Wie in einem Käfig saß ich in meinen unheilsamen Gedanken und Fassungslosigkeit über die menschliche Natur (meine eingeschlossen) kroch in mir empor. Die Buddhistin berichtet später, sie hätte sangha nervt gegoogelt. Haha.

Ich versuchte, mich an den Lehrer zu halten. Ein Mönch aus Wien, Heimat Sri Lanka, gekleidet in eine dieser braunroten Roben, deren genaue Umwicklung ich zu ergründen suchte, wann immer der Mann sich bewegte und sie zurechtzupfte. Eine schöne Farbe, ebenso das Rot der großen Vase, gefüllt mit duftfreudigen Lilien, auf die am Vormittag ein Sonnenstrahl schien – ein Sonnenstrahl fiel, ein Sonnenstrahl lag. Verschobene Achtsamkeit.

Der kleine Raum unterm Dach ist Teil einer übertrieben verwinkelten architektonischen Idee, die hier in Beton ihre 70er-Jahre-Ausführung verbringt, um eine recht imposante Kapelle herumgebaut, die von großen goldenen Buddhas und Bodhisattvas nur so funkelt, unterstützt von extrem kitschigem Zubehör, Lampenbäumen zum Beispiel, auf Altären liegen Apfel- und Orangenpyramiden, Kinderschokolade, Rocher und diese schrecklichen weißen, viel zu süßen Kugeln der gleichen Firma. Man findet sogar eine Tüte Chipsfrisch und ab einem gewissen Zeitpunkt (meiner Genervtheit) frage mich mich, was genau passieren würde, wenn ich einen Riegel entnehmen würde. Würde der böse Buddha dort hinten in der Ecke auf mich springen, mir seine rote lange Zunge um den Hals legen und mit seinem Schwert den Kopf abhacken? Oder würde die gütige Version mir voller Mitgefühl zuraunen, sie wisse genau wie Zuckersucht sich anfühlt.

Anfangs noch wohlwollend, fiel uns die Lieblosigkeit im Kloster erst langsam ins Auge. Das Grundstück mitten im Industriegebiet wurde sicher äußerst günstig erworben, trotzdem würde der geneigte Besucher vielleicht einen kleinen Garten ersehnen, statt dessen ist das gesamte Areal mit diesen zickzackförmigen Betonsteinen gepflastert und als Parkplatz ausgewiesen, in den Pausen sitzen die Buddhistin und ich auf Waschbetonbänken zwischen Autos in der Sonne, schauen auf eine große goldene Figur, in gleicher Fluchtlinie ein fetter Mobilfunkmast mit rotem Lichtpunkt, oder ergehen uns in die nahe Umgebung Richtung Bahnlinien, komm, lass uns mal den Müll anschauen, schlägt die Buddhistin vor, da liegen Styroporplatten und verwitterte Möbel schon seit Jahrzehnten. Oder wir laufen durch die nahe Plattenbausiedlung und sie erzählt mir von ihrer Jugend in ebensoeiner.

Am Ende eines anderen steinigen Brachgeländes direkt neben dem Kloster finden wir plötzlich einen Palettengarten mit Salat, Kräutern, Kürbissen und einer riesigen Zucchini, die jemand auf zwei Styroporstückchen gelegt hat, damit sie trocken bleibt. Hinterm Stahlcontainer eine Hängematte mit Stockflecken und wir fragen uns, ob dieses winzige Bisschen Natur wohl zum Kloster gehört, ein Übergangslager für vietnamesische Kriegskinder, immer noch auf der Flucht wie unsere Elten.

Im Gebäude selbst begegnen uns gelangweilte Mönche und dieser typisch asiatische Schmutz, der üblicherweise per Wischmob von einer Ecke zur anderen transportiert wird und im Laufe der Jahre eine unansehnliche Speckschicht in bodennahen Ecken hinterlassen hat. Durch die Baderäume zieht ein blöder Geruch und die Türen quietschen bis in die hintersten Winkel, überhaupt diese ganzen Winkel, ich brauche eine Weile, bis ich mich zurechtfinde, zum Essraum geht man durch komische Flure ohne Funktion, die mit Kram vollgestellt sind, und der fensterlose Essraum selbst erstaunt mit fleckigen Plastiktischdecken in Neonlicht – allein die zubereiteten Gerichte sind lecker, soßiges Gemüse, Reis, frischer Salat und kleine Frühlingsrollen mit süß-saurer Chilisoße, deren Behältnisse wir zusammen mit Maggiflaschen in einer Kiste neben dem Gelände finden.

Soviel Hässlichkeit, der ich schlichtweg Unachtsamkeit unsterstelle, zerrt zusätzlich an meinen Nerven. Beim Sitzen spüre ich jetzt auch den linken Ischiasnerv und die Idee, das Retreat bald zu verlassen, gewinnt an Farbigkeit. Zum Mittag rufe ich die Buddhistin an, frage nach ihrer Migräne und deute an, dass ich heute beenden werde, weil ich von äußerst unschönen Gefühlen geplagt mich außerstande sehe, konzentriert dem Geschehen zu folgen und was das Ganze überhaupt soll. Ich sehne mich nach friedlichem Yoga, nach etwas Hatha für die steifen Gelenke, nach ayurvedischem Essen ohne Chemiesoße und nach profunder Philosophie, die meinem Wissensstand entspricht. Und ich sehne mich nach Erhabenheit, die aber will mir der Buddhismus ohnehin nicht schenken, kommt er doch ohne eine Gottesvorstellung aus, grübelt doch die Vipassana-Mediation in eigenem Gedanken- und Gefühlssud ohne Ausweg und die Samata-Meditation über dem Atem. Den bindu finde ich hier nicht.

Als ich ich mich am Nachmittag davonstehle, empfinde ich Scham. Die Perle dieses Geschehens werde ich aber sicherlich zu finden wissen. Einen Umweg fahre ich, zum See, der Blick auf sieben Hektar Wasserfläche soll mich trösten mit der Erinnerung an einen schönen Sommer unter einem luftigen Himmel.




Donnerstag, 26. September 2013
Langsam wieder aus dem Dunklen auftauchen und wenn ich mich ruhig verhalte, lässt auch das Herzstolpern nach. Jeder sattvische Gedanke löste Schuldgefühle aus – warum zufrieden sein (wollen), wenn es anderen Menschen schlecht geht. Nach einer Erlaubnis zum Glücklichsein fragen, wie absurd. Die Beschäftigung mit den Kriegskindern und den Kriegsenkeln hat mich mehr belastet als ich dachte. In Träumen der letzten Nächte habe ich weinen müssen. Jetzt aufhören, die Welt retten zu wollen. Lange Gespräche mit meiner Schwester Dudi über Vergangenes. Sie redet von moralischer Verpflichtung, während ich in größeren Zeiträumen denke, und trotzdem zeitweilig die Beobachterposition verliere. Das symbiotische Verlangen dieser Familie (dieses Lebens) ist sehr stark, Wahres und Falsches vermischen sich in äußerst irritierender Weise mit undurchschaubaren Spielchen, die wir nur langsam entwirren. Der Herzmuskel nimmt jede Feinheit war, auf jeden meiner Atemzüge und Gedanken reagiert er, jede Ungerechtigkeit registriert er mit einem brennenden Gefühl.




Samstag, 31. August 2013
Etwas Kühles und Unabhängiges ist Teil dieser Persönlichkeit. Er gefällt mir, und er verstärkt sich, wenn mir vieles zu viel wird. Die Entscheidungen, die ich dann treffe, sind echt, distanziert und bar jeder Freundlichkeit oder Schuld. Dann wird mir klar, wie viel Macht ich über mein Leben habe und dass ich jederzeit sämtliche Verstrickungen aufzulösen vermag. Welche, die sinnlos geworden sind und jene, die gerade beginnen, keinen Sinn zu machen. Die wichtigen Entschlüsse in meinem Leben habe ich aus diesem Persönlichkeitsanteil heraus gefällt – und sie nicht bereut. Knappe, zielgerichtete Handlungen von einer Notwendigkeit, die fast körperlich spürbar ist wie eine Krankheit. Ein Feld, auf dem niemand mich erreicht, eine leere, einsame Prärie, deren Teil ich bin, unvermeidliche Jahreszeiten, die über das Grasland ziehen, es bilden und deren Rhythmus mit meinem Atem verwoben ist, langsam, gleichmäßig und leis'.




Samstag, 17. August 2013
Es ist fast ein bisschen so wie in dem sehr netten Film "Lourdes", der letzte Woche auf Arte lief: Ist die Heilung echt oder nur vorübergehend?

Gestern die sechste Thai-Massage. Die Masseurin hat mich ordentlich weich geknetet und gedehnt und dann, in der letzen Phase des Ablaufs bin ich bereit für … mit gekreuzten Unterschenkeln hebt mich die Masseurin in die Sitzposition und nimmt mich in eine Art Yoga-Schwitzkasten. Da ich die Augen gewöhnlich geschlossen halte, weiß ich gar nicht, in welcher Weise genau sie mich umfängt und unsere Arme miteinander verschlungen sind, sie holt zur anderen Seite aus, um meinen Oberkörper mit kraftvollem Schwung, dem ich mich die anderen Male aus einem Misstrauen heraus nur widersetzen konnte, zu sich heranzuziehen, dabei wird die Wirbelsäule im Kreuzlendenbereich gedreht, fast schon aus den Angeln gehebelt, und es macht kr-kr-kr, ganz hell und leise.

Sie lacht und macht lautmalerisch das Geräusch nach, auf Thailändisch, etwa so, tiktektek, zur Sicherheit frage ich nochmal nach, ob sie meinen Rücken meint, und ich habe das Gefühl das genau war's. Seit ungefähr vier Monaten war dieser Schmerz im Rücken geblieben, nach einer unbedachten kleinen Bewegung, erst so schlimm, dass ich nicht mehr sitzen (und arbeiten) konnte, dann immer weniger werdend, war bei der Frau Montez zu Besuch und schwamm im Bodensee nach ausgedehnten Badungen in der Therme, war in Lissabon, und immer noch war der Schmerz zu spüren, nach einer Weile hatten wir es uns kommod gemacht, der Schmerz und ich, wir bewegten uns immer irgendwie umeinander herum, um uns nicht zu provozieren und ich war überzeugt, dass eine irreparable Bandscheibenquetschung oder -hervorquellung vorliegen müsse, die mich mein Lebenlang, sogar mein Lebtag nicht mehr verlassen würde.

Gleichzeitig war ich heimlich davon überzeugt, dass ein winziger Knochen bloß schief lag und einfach geradegerückt werden müsse. Drehübungen linderten ein bisschen und selbst die ersten Thaimassagen taten zwar höllisch weh gut, brachten aber kaum Veränderung. Ja, und gestern dann tiktektek. Endlich.

Noch bin ich vorsichtig. Ich staune bloß, dass da kein Schmerz mehr ist, wo ich ihn erwarte, und erwarten tu ich ihn überraschend oft. Beim Schritt zur Seite zum Herd, beim Hochrappeln aus liegender Position, beim Runterbeugen zum Schuhebinden, beim Fahrradfahren und -abschließen, wenn ich vom linken aufs rechte Bein wechsele (also eigentlich immer), selbst beim Schwimmen, und heute ging das so leicht und unbeschwert, als würde ich auf einem Luftkissen liegen. "Ich bin geheilt", möchte ich schon rufen und symbolisch meine Krücken wegwerfen, aber wer weiß – wie im (o. g.) Film stelle ich mir Neider vor, die hinter meinem (heilen) Rücken tuscheln und sich fragen, wieso die und nicht ich.

Hinter meinem Rücken. Vielleicht ist es jetzt gut.




Mittwoch, 3. Juli 2013
Herzrhythmusstörungen und geplatzte Ader im Auge. Augendruck ist normal, sagt die Augenärztin, der Sehnerv ist auch in Ordnung. Wenigstens der Sehnerv. Nächsten Monat noch den Augenhintergrund ansehen, sowieso mal wieder, dazu wird Atropa Belladonna gegeben, da weitet sich die grünbraune Iris und die Netzhaut fängt den Blick. Sie schaut hinein und ich heraus. Ich mag die neue Ärztin nicht, sie blickt fast die ganze Zeit in den Rechner und tippt was ein, während sie mit mir redet, das Gespräch ist ohnehin knapp. Man müsste mal den Blutdruck 24 Stunden messen, sagt sie, um zu sehen, ob es zu Spitzen kommt. Es bleibt mir nur kurz anzudeuten, dass ich sehr großen Stress hatte. Es können noch ganz andere Adern platzen, im Gehirn und dann –

Ich habe jetzt keine richtige Ärztin mehr, der ich vertraue, die Ayurvedin möchte ich nach dem Drama nicht mehr konsultieren, und das macht mir schreckliche Angst. Als könnte ich gleich dem Körper nicht mehr vertrauen. Mir selbst nicht. Als wäre ich jetzt vollkommen allein. Mit mir. Das ist seltsam. Und das Herzelein klopft unrhythmisch dazu.

Du liebes kleines Angsthäschen, du.