Freitag, 2. November 2018
Dies ist keine Demenzpuppe, Gott bewahre.

Nova Meierhenrich spricht mit Judith Rakers in der letztwöchigen Ausgabe der NDR-Talkshow über ihren depressiven Vater. Es berührt mich (in der Nachschau bei Frühstücksei und Kaffee), wie sehr die Krankheit alle Familienmitglieder buchstäblich gebannt hat und welche Parallelen es zu meiner Mutter bzw. zu meiner Familie gibt – dass man (also sie oder ich) praktisch kaum eigenen Interessen nachgehen kann, weil der über allem schwebende Todeswunsch des Vaters (bzw. die Ignoranz meiner Mutter) alle Kraft und Liebe absorbiert. Als sie sagt, sie würde nach all den langen Jahren jetzt erst zu sich finden, kommen mir die Tränen.

Am neu eingerichteten Reformationstag besuche ich die Mutter und finde sie im Tagesraum mit einer großen hässlichen Puppe auf dem Schoß. Man kann die eigenen Hände in Kopf und Handschuh stecken und durch entsprechende Bewegungen dem Gegenüber den Anschein vermitteln, die Puppe sei lebendig. Ich kann nicht herausfinden, ob Mama glaubt, die Tante, wie sie dieses seltsame Dings nennt, sei wirklich lebendig, jedenfalls spricht sie unaufhörlich mit ihr, während ich Blumen versorge und etwas aufräume. Was sie sagt, klingt völlig wirr, von jedem ihrer üblichen Sätze ein Teil, aber ich nehme ihren Stolz wahr, dass jenes Dings am liebsten bei ihr sei. In der Nachschau kommen mir wieder Tränen, wenn ich mir vorstelle, wie ein/e Designer/in versucht hat, dieses Objekt zu gestalten, machen'Se mal, Ihnen wird schon was Passendes einfallen. Ich verstehe schon nicht, was das für eine Frisur sein soll, mit so Zotteln an der Seite, ganz zu schweigen von der Knollennase, dem beigefarbenen Hautstoff, der blöden Jeansjacke und den beknackten zu engen Schuhen. Was, wenn Mama im Moment des Todes in diese ach so glänzenden Knopfaugen blickt und dieser Blick gleich ihr Karma fürs nächstes Leben bestimmt, immer auf der lebenslangen Suche nach zufriedenstellendem Modedesign (oder Flucht vor hässlichen Demenzpuppen) – wo sie selbst doch hip und Hutmacherin war, und in den 50er Jahren dafür gesorgt hat, dass betuchte Damen schickes auf den ondulierten Haaren trugen. (Vielleicht bin auch ich ja bloß auf der Suche nach gutem Design, nach Schönheit und Freude, wer weiß, was ich als letztes zu sehen bekommen habe.)

Ich brauche buchstäblich den ganzen Tag, um mich davon zu erholen und lege stundenlang Patiencen: 40 Räuber, die sowieso nie aufgehen, wenn man sie in der schwierigen Variante spielt. Gottogott, give me love, give me peace on earth, give me life, keep me free from birth (George Harrison). Und: help me cope with this heavy load. Demenzpuppen -!




Samstag, 14. November 2015
Ist im Frühjahr sechs Jahre her, dass ich nicht mehr in der Band spiele. Keine Reue. Heute das erste Mal, dass ich sie sehe. Immer noch keine Reue, aber ich erkenne das Gefühl von Gemeinschaft und Aufregung, das ich damals hatte. Ich am Bass – ein bisschen hochgestapelt, der jetzige Basssist kann das viel besser, er gibt sogar Melodien, während ich mehr oder weniger vor mich hingeachtelt oder -geviertelt hatte. Der zweite Gitarrist macht die Songs lebendiger, drei der Stücke kenne ich noch und die neuen Sachen gefallen mir auch, aber ich nähre mich bloß von der Erinnerung des Gefühls, das jetzt lange hinter mir liegt. Ich höre nicht mehr gerne Musik, fast gar nichts, und oft, wenn ich irgendwo bloß eine Zeile oder bekannte Sequenz höre, dudelt es in mir weiter über Tage, unerhebliches Zeug und nervig in seiner Schleife.

Es ist vieles aus Bildern gemacht. Eine Bassistin sein, bewundernde Blicke bekommen, und vielleicht sogar cool gefunden zu werden. Damals hätte es mir viel bedeutet, obschon wir in keiner Weise bekannt waren, irgendwie lokal, höchstens. Der Rückblick befremdet mich, ich verteile Lob, stelle meine leere Bierflasche zurück auf den Tresen und gehe ohne mich zu verabschieden nach Hause.




Mittwoch, 17. Dezember 2014
Beschlossen, dieses Jahr nur noch das Nötigste zu arbeiten und alle Termine auf Januar verschoben. Die stete Kapitalismuskritk anbei. Die Konten sind wieder auf dem Stand vom letzten Jahr, also ausgeglichen. Die Mutter der Leserin ist gestern gestorben. Sie hatte seit vier Wochen keine Nahrung mehr genommen und seit eineinhalb nichts mehr getrunken. Das berührt mich sehr. Meine Mama indes hat wieder Kraft geschöpft und ich erkenne, dass sie ihr eigenes Leben hat. Ihr eigenes Sterben haben wird. Und ich das meine.


Und unter alldem, da keimt etwas Zartes. Es wird teils gespeist durch gute Erinnerungen, teils ist es sehr neu und deshalb begeisternd. Nach fast fünf Jahren wieder den Bass aus der Tasche gefriemelt, deren Reißverschlüsse rauh geworden waren. Die Finger sind ebenso, aber ich übe ein einfaches Stück, mit dem ich das Bass-Spiel einst begonnen habe, 1979, von The Smashing Pumpkins. Einfach durchachteln. Billy Corgan sieht eigentlich aus wie der Geräuschemann. Allerdings fand ich Billy gut, bevor ich den Geräuschemann traf. Und mein Musikmachen begann auch vor ihm. Ich muss das auseinanderhalten. Voreinander trennen. Letztlich hat er sich sowieso nicht für meine Lieder interessiert, zu meinem Soloauftritt im August 2008 ist er nicht mal gekommen. Wenn ich jetzt neu starte, finde ich vielleicht endlich Frieden, und vielleicht kann ich neue Lieder schreiben, nicht die weinerlichen Love Songs von einst.

Die Musik. Vielleicht spendiere ich mir neue Lautsprecher, die alten sind riesig und der Schaumstoff löst sich schon auf nach 25 Jahren, wahrscheinlich fallen die Töner irgendwann einfach raus.

Ja, vielleicht. Vielleicht auch nicht, das macht nichts. Es soll schön sein, das neue Jahr.