Dies ist keine Demenzpuppe, Gott bewahre.

Nova Meierhenrich spricht mit Judith Rakers in der letztwöchigen Ausgabe der NDR-Talkshow über ihren depressiven Vater. Es berührt mich (in der Nachschau bei Frühstücksei und Kaffee), wie sehr die Krankheit alle Familienmitglieder buchstäblich gebannt hat und welche Parallelen es zu meiner Mutter bzw. zu meiner Familie gibt – dass man (also sie oder ich) praktisch kaum eigenen Interessen nachgehen kann, weil der über allem schwebende Todeswunsch des Vaters (bzw. die Ignoranz meiner Mutter) alle Kraft und Liebe absorbiert. Als sie sagt, sie würde nach all den langen Jahren jetzt erst zu sich finden, kommen mir die Tränen.

Am neu eingerichteten Reformationstag besuche ich die Mutter und finde sie im Tagesraum mit einer großen hässlichen Puppe auf dem Schoß. Man kann die eigenen Hände in Kopf und Handschuh stecken und durch entsprechende Bewegungen dem Gegenüber den Anschein vermitteln, die Puppe sei lebendig. Ich kann nicht herausfinden, ob Mama glaubt, die Tante, wie sie dieses seltsame Dings nennt, sei wirklich lebendig, jedenfalls spricht sie unaufhörlich mit ihr, während ich Blumen versorge und etwas aufräume. Was sie sagt, klingt völlig wirr, von jedem ihrer üblichen Sätze ein Teil, aber ich nehme ihren Stolz wahr, dass jenes Dings am liebsten bei ihr sei. In der Nachschau kommen mir wieder Tränen, wenn ich mir vorstelle, wie ein/e Designer/in versucht hat, dieses Objekt zu gestalten, machen'Se mal, Ihnen wird schon was Passendes einfallen. Ich verstehe schon nicht, was das für eine Frisur sein soll, mit so Zotteln an der Seite, ganz zu schweigen von der Knollennase, dem beigefarbenen Hautstoff, der blöden Jeansjacke und den beknackten zu engen Schuhen. Was, wenn Mama im Moment des Todes in diese ach so glänzenden Knopfaugen blickt und dieser Blick gleich ihr Karma fürs nächstes Leben bestimmt, immer auf der lebenslangen Suche nach zufriedenstellendem Modedesign (oder Flucht vor hässlichen Demenzpuppen) – wo sie selbst doch hip und Hutmacherin war, und in den 50er Jahren dafür gesorgt hat, dass betuchte Damen schickes auf den ondulierten Haaren trugen. (Vielleicht bin auch ich ja bloß auf der Suche nach gutem Design, nach Schönheit und Freude, wer weiß, was ich als letztes zu sehen bekommen habe.)

Ich brauche buchstäblich den ganzen Tag, um mich davon zu erholen und lege stundenlang Patiencen: 40 Räuber, die sowieso nie aufgehen, wenn man sie in der schwierigen Variante spielt. Gottogott, give me love, give me peace on earth, give me life, keep me free from birth (George Harrison). Und: help me cope with this heavy load. Demenzpuppen -!





Das Paradoxon, dass Eltern sich vor ihren Kindern selbst zu Kindern machen und diese dadurch in die Elternrolle drängen, kann nur tiefe Spuren hinterlassen... trotz aller Traurigkeit in der Sache so wunderschön (und durch die Demenzpuppe auch ein wenig witzig) geschrieben.

Danke. Und ja, das stimmt. Fall Sie sich einlesen mögen, stellen Sie fest, dass ich ziemlich oft darüber schreibe aus verschiedenen Stimmungen heraus – Verzweiflung, Trauer, Mut, Freude, Liebe.
Naja.