Freitag, 20. März 2026
Als meine Freundinnen nach dem Studium Ende der Achtziger loszogen, die Welt zu erkunden, blieb ich allein zurück. Die eine ging nach England, die andere, die Bestefreundin, nach Hamburg. Ich hatte gerade eine Beziehung begonnen, die mich in der Stadt hielt, und so suchte ich hier nach weiteren Horizonten – offensichtlich reichte mir der neue Kerl nicht, denn ich besuchte ein Seminar mit dem Thema "Warum gerate ich immer an den falschen Mann" und lernte dort E. kennen, wir flogen förmlich aufeinander zu und waren intensiv befreundet, bis sie nach Amerika ging – um dort lesbisch zu leben, eine Weile jedenfalls, aber das ist eine andere Geschichte. Sie hatte eine Frauengruppe, zu der sie mich mitnahm. Neues Gedankengut, neue Ideen, ach ja, die Männer, alle doof. Hier lernte ich die Leserin kennen.

Sie bemühte sich gerade um einen Ausbildungsplatz als Buchhändlerin im Frauenbuchladen, nachdem sie ihr Französischstudium geschmissen hatte. Damals noch war dort Männerverbot, wie aufregend, einen Ort zu betreten, der Männer außen vor lässt. Als E. fort war, wurden die Leserin und ich dicke Freundinnen. (Sie taucht hier in meinen Schriften des öfteren auf.) Sie und ich hatten keinen besonderen Grund, männerfeindlich zu sein, wir ereiferten uns eher um gesellschaftspolitische Strukturen, die Frauen benachteiligt. Echt schlimm, das. Natürlich war der Buchladen politisch und ich ja Öko, also passte das schon irgendwie. Die Leserin konnte ihre Lehre dann bald beginnen und reihte sich die linke Damenriege ein. Ich freute mich für sie und kaufte meine Bücher fortan dort.

Als Intellektuelle war bzw. ist sie belesen und stets mit den aktuellsten Nachrichten im Bilde. Ich vertraute ihren Ansichten und wir hatten die aufregendsten und tiefschürfensten Gespräche, die mein Weltbild veränderten. Sie anerkannte ich als Mentorin, meine Vertraute, die Stärkere. – Um den Bericht übersichtlich zu halten, muss ich nun einige Jahrzehnte überspringen.

Am Montag besuchte sie mich wieder. Sie wohnt jetzt eine Autostunde entfernt mit ihrem Mann in einem kleinen Haus einer unbedeutenden Ortschaft. Die Straße endet im Feld und machmal wehen üble Winde vom Schweinebauern herüber.

Ich habe etwas übersehen, dessen Tragweite mir jetzt erst langsam klar wird.

Nachdem sie während der Coronazeit aus dem Laden flog, weil sie Impf- und Maskenidee für sich nicht stimmig fand, brach ihr Leben auseinander. Die Gemeinschaft der Frauen war stark, man kümmerte sich um Ältere, bereits Ausgeschiedene, bot ihnen Hilfe an, kochte Essen, pflegte Kranke. Die Leserin aber selbst verfeindete sich mit einer Kollegin, die wegen ihres Mobbings die Flucht ergriff. Einige Jahre war diese Kollegin ein großes Thema unserer Gespräche. Nun aber war die Leserin selbst im Fokus. Unstimmigkeiten verdichteten sich, geistige Trennungen fanden statt und am Ende der kraftraubenden Zeit wurde der Leserin empfohlen, doch zu gehen.

Am Montag sitzen wir beide auf dem Sofa und reden. Vier Stunden lang. Ich ihr zugewandt, sie mit Blick an mir vorbei durchs Fenster in die Bäume, wo die Elster nistet und die Wolken vorbeiziehen (so wie jetzt? ich weiß nicht mehr). Dieser ihr Besuch fällt mir schwer, ich versuche, entspannt zu bleiben aus Angst vor empfindlichem Herzrasen, das ich schon mehrmals in ihrer Gegenwart hatte.

Ich lasse sie erzählen. Viele Unwichtigkeiten hat sie zu berichten, von Nachbarn, die ich nicht kenne und Teilnehmern des Thai Chi-Kurses. Von ihrem Mann und seiner Arbeit. Wir reden übers Sich-Zuhause-Fühlen, über renovierte Duschen für 5.000 Euro. Ich lebe wieder auf, als es um Bücher geht, die wir in letzter Zeit gelesen haben. Der Plot des SF-Romans wird mir tatsächlich erst klar, als ich ihr ihn darlege. Das Volk eines fernen Planeten macht seinen Sinn und sein eigenes Überleben abhängig vom Resultat des eigens dafür programmierten Computers über die Frage, ob das Universum unendlich sei. Wenn es das nicht ist, also endlich, machte es keinen Sinn, es zu erforschen, weil jede Forschung unweigerlich an ihr Ende kommen würde, auch wenn man eine Million Jahre dafür brauchte.

Die Leserin wehrt sich. Es ist ein seltsames Wehren. Wir reden immerhin über die Unendlichkeit. Was ich jetzt begreife ist, dass wir eigentlich über Gottes Unendlichkeit sprechen.

In einen anderen Teil des Gespräches wehre ich mich. Ich möchte nicht übers Altwerden reden. Es gehöre aber doch zum Leben, meldet sie sich, denn schließlich sei es eine Tatsache, dass wir alt seien! Nicht, dass ich das leugne, jede Falte, jedes graue Haar und jeder Hautfleck erzählen Geschichten – aber ich fühle es nicht. Ich erwarte noch mindestens ein weiteres Viertel Leben. Und danach – ja, danach geht (für mich) die Reise weiter, mit einem erfrischten Geist in einem neuen Körper irgendwo an den Gestaden dieser Unendlichkeit. Ich habe alle Zeit dieser Welt und keine Zweifel daran!

Im Nachhinein empfinde ich es wie einen Schlag in den Magen, wie ein ungeheures Erschrecken in meinem Herzen, als ich die Leserin erkenne:
Sie hat all dies nicht! Sie hat keine Hoffnung.
Ich werfe ein paar liebevolle Anmerkungen ein, die sie lächeln machen sollen – sie verzieht keine Miene. Ihr Mund bleibt hart. Sie sieht an mir vorbei. –

In dem erwähnten Roman kommt die KI zum Entschluss, dass das Universum endlich sein muss, und die automatische Zerstörung der Kultur wird eingeleitet. Unser Ich-Erzähler, ein Pionier des wahren Menschseins aber findet eine Intelligenz vor, die er überzeugen kann, ihre eigene Programmierung zu überwinden und die Zerstörung mit einem Trick zu stoppen. Das ist großartig, nicht so wie HAL 9000, der sich den Menschen entgegenstellt.

(Hm. Es ist genug gesagt. Die entscheidenden Punkte sind geklärt, auch ohne ins Detail zu gehen.)




Dienstag, 31. März 2020
Auf dem Wochenmarkt ducken sich die wenigen, noch relevanten Stände zusammen, ich kaufe frisches Gemüse, Obst und Fisch, es gibt keine leider Blumen. Die wären jetzt besonders wichtig, um die Stimmung daheim zu ästhetisieren. Vorm Bioladen treffe ich C. und P., die, wie sie mir zuraunen, sich gleich mit der Tätowiererin auf einen Kaffee treffen (ah, eine verbotene Dreierzusammenkunft, raune ich zurück), sie würden es aber so aussehen lassen, als wäre es Zufall. Sie wüssten außerdem, dass die Tätowiererin letzte Woche bei mir zum Frühstück war. Ich bestätige kichernd, und füge sogar mit Umarmung hinzu. Wir besprechen das wunderbare Frühlingsgeschehen, sie beide würden oft morgens auf dem nahen Stadtberg weilen und den Bienen beim Summen zuhören, die ja schon vor Wochen ihre Arbeit aufgenommen hatten.

Das Ausgeweiche auf den schmalen Bürgersteigen funktioniert nicht so recht, wendet man sich von der einen Seite fort, stößt man auf der anderen Seite mit anderen zusammen, beide Parteien sind ja nur vorn mit Augen ausgestattet. Ich könnte mir vorstellen, dass die Menschen sich bald auf ganz natürliche Weise locker machen und ihre Angst voreinander vergessen. Nicht als Aufstand, sondern aus einem liebevollen Gefühl heraus.

Ein langes, schönes Telefonat mit der zweitgradigen Nichte, einverständig. Ich hatte ihrem Sohn ein aufwändiges Stickerbuch Gefährliche Berufe geschickt, und er berichtet, es hätte ihn zwei Tage beschäftigt. Immerhin. Alle Nachbarn lassen die Kinder draußen spielen an der nahen Bachfurt, sie kommen am Abend ausgeglichen und hungrig nach Hause – so jedenfalls stelle ich mir das vor. Natürlich gibt es Hausaufgaben online, die Lehrerin erstellt dazu kurze, tränenerstickte Filmchen.

Weiterhin dieses faktenfreie könnte, würde, sollte auf allen Kanälen, denen ich mich nur noch sporadisch widme. Jetzt einen zweiten Kaffee und dann zu einem langen Spaziergang hinaus, für den Nachmittag plane ich den Frühjahrsputz der Küche. Aber mal sehen – wie sehr ich den Zustand des Zu-nichts-verpflichtet-seins genieße! Ich kann machen, was ich will!




Samstag, 19. Oktober 2019
Ereignisreiche Monate enden langsam und eine Erkältung läd zusätzlich zum Ruhefinden ein. Warum hört sich das an wie ein Satz aus einer Folge dieses Wir richten deine Wohnung neu ein? Fehlen doch doch Kissen, gemütlich, Mittelpunkt und diverse Beschreibungen von Farbtönen. Egal.

Für eine entstehende eigene, freie Kunstsache benötige ich Köpfe. Gestern war ich in der Heimatstadt, um Vetter, Freunde und Grab (Papa) zu besuchen und vergaß auch nicht im Hutsalon Hallo zu sagen. Die Inhaberin kennt mich zwar nicht, sie führt jedenfalls das Geschäft weiter, in dem meine Mutter vor 60 Jahren als Modistin gearbeitet hat. Ich erinnere mich an einen anderen Besuch dort, als ich mit Mama eine Strickmütze für sie gekauft hatte. Damals gab es die Werkstatt noch und wir durften einen Blick hineinwerfen und die Hutformen und -stumpen bewundern, abgewetzte Tische und alte Werkzeuge, Garnrollen und Schmuckbänder. Durch den gestrigen Besuch hoffte ich ein paar Stumpen zu erstehen. Leider hatte gerade vor einiger Zeit eine junge Modistin aus H. alle 200 Köpfe des Ladens mitnehmen dürfen und das sogar geschenkt, die Ladnerin wisse nicht, was sie damit noch solle, zudem sie plane, das Geschäft nächstes Jahr mit ihrem 67. zu schließen. Trotzdem finden wir für mich noch einen Kopf und eine gelb bemalte, ziemlich ramponierte Halbschalenform aus der Zeit meiner Mutter – wir sind sicher, dass sie genau an diesen noch ihre Hüte gestaltet hat. Ich kann es kaum glauben, dass sie mir beide mitgeben möchte und ich bedanke mich ein Dutzend mal.

Ein neues Kundinnenpaar bietet an, für sie zu arbeiten. Es ist ein positives, stadtnahes Projekt, für das ich gern gestalten will. Allerdings sind sich die Damen noch nicht einig, wie sie ihr Geschäft leiten bzw. finanzieren wollen und so schwimme ich noch im Hin und Her ihrer Vorschläge, was etwas nervig ist, und es gibt bisher nicht mal ein Hausdesign. Kommunikation muss noch geübt werden, aber ich bin zuversichtlich. Schließlich klicken wir prima oder wie man das nennt und mir tut die ordnende grafische Arbeit gut. Zu unserem ersten Treffen lud mein Arbeitszimmer zu gemütlicher Besprechung ein. Es gab Kaffee und Kuchen und die Stoffvorhänge wehten im Wind, eine Arbeitsplatte aus hellem Birkenholz unterstrich die in regelmäßigen Abständen einsetzenden Hitzewellen aller Beteiligten.

Zudem Dilemma wg. Sasa und Peter. Ich mag beide, Peter vielleicht noch mehr. Starkes Recherchieren, wie das damals mit dem Krieg war und erschreckende Dokumente gefunden, die die deutsche Regierung in ein ungutes Bild rücken. Ich kann die Positionen beider Autoren nachvollziehen, während die Sonne in einen mit farbenfrohen Blüten gefüllten Kristallkelch strahlt und aus der Küche gemütliche Bratkartoffeldüfte herüberwehen.
Ach, es will heute nicht so recht mit dem Schreiben gehen.




Sonntag, 7. April 2019
Gestern wiederum haben wir die Mutter der Busenfreundin zu Grabe getragen, sechsundachtzigjährig. Gibt es vielleicht eine Reihung, an deren Ende mein Mütterlein steht? In einem Traum sehe ich mich mit Frauen zusammensitzen, einige lebendig, andere tot, ich kenne nicht jede. Mir scheint, wir diskutierten darüber, wer als nächste dran sei. Mama weigert sich, ungehalten wie immer, wenn man aufs Thema Sterben kommt. In einem anderen Traum liegt eine weißhaarige Frau, die wie Jane Goodall aussieht, das ist die mit den Affen, auf einer Liege, sie hatte bereits die Stickarbeiten für die unteren Chakras angefertigt, nun würde sie bald mit dem sahasrara abschließen, das ihren Scheitel schmücken sollte. Ich beugte mich über sie, streichelte über ihr Haar und sagte, ich freue mich so für Sie.

Mit Gesang, Blumen und leierndem Pastor ging die Trauerfeier nur so an der Busenfreundin vorbei, wie sie später berichtet. Sie hat so ihre Art, die Busenfreundin. Vorher, im Elternhaus, bittet sie mich, durch Flur und Wohnzimmer zu saugen, unterm Flokati in der Sofaecke entdecke ich ein Mottennest, und überhaupt steht alles mit Kram zu, ein leises mein Gott, wie sieht’s denn hier aus entweicht mir mutlos. Die Kerzen müssen in ihren Ständern ausgetauscht werden, wovon eine gleich wieder umfällt, wenn das hier alles abfackeln würde, hätten wir ein Problem weniger, stänkert einer der beiden Brüder. Sie waren mir einst sehr lieb, besonders B., mit dem ich mal geknutscht habe, vor Jahrzehnten. Wir waren gestört worden, als unten am Haus ein Müllhaufen in Brand geriet und die Feuerwehr uns mit lautem Getöse ans Fenster zum Zugucken lockte. Wer weiß, was aus uns geworden wäre. Später gründete er eine andere Familie und jetzt macht sich eine Blutkrankheit über seinen Körper her, ich habe aber noch etwas Zeit, versichert er mir.

Neben den vielen Gesangsgefährten und -schülern der Mutter sind auch Freunde der Busenfreundin gekommen, die ich noch aus unseren WG-Zeiten kenne. D. begrüßt mich, kurz nachdem der Sarg ins Fach gesenkt wurde und knüpft gleich mit ihrer, seit unserem letzten Zusammentreffen vor 20 Jahren weitergeführten Lebensgeschichte an. Ihre story ist ein einziges Drama, OPs an der Wirbelsäule, Lähmungen, eine katastrophale Ehe und die Tochter mit diversen Suizidversuchen, jahrelang in der Psychatrie lebend. So wie sie berichtet, mit einem zur Seite gezogenen Lächeln, wirkt das sehr lustig, und als wir bei Kaffee und Butterkuchen im Gemeindesaal endlich zum Thema ungelebte Sexualität kommen, setzt sich auch H. dazu, der Busenfreundin allererster Freund und es wird noch heiterer.

Tatsächlich, diese Beerdigung war wie ein schneller Rausch, die musikalisch-künstlerisch getränkte Trauergemeinde bestand aussschließlich aus über 100 sehr besonderen Menschen, von denen jeder einzelne den Versuch, sich irgendmöglich in den Vordergrund zu spielen, nicht ungenutzt ließ. Es war auf eine andere Art liebevoll, intellektueller, und ja, lustiger.

In meiner kleinen Herzenskammer blieb ich allein. Und ruhig, mit einer ganz eigenen Trauer und Sehnsucht. Denn meine persönlichen Dramen liegen größtenteils hinter mir, und bald ist auch die letzte Stickarbeit, die das Kronenchakra darstellen wird, beendet. Ich freue mich so für Sie.




Mittwoch, 18. Februar 2015
  • Auf dem Sofa, lesend. Der Bildhauer hatte zu Weihnachten von seinen Mäzenen eine riesige Wolldecke bekommen, die ein Prinzessinnenbett abzudecken vermag, oder eine Jurte, und weil er aber Wolle nicht so gut am Körper haben kann, ist die Decke jetzt bei mir. Auch wenn man sie doppelt legt, ist sie immer noch groß genug für mich und so warm, dass ich mich bei Minusgraden und offenem Fenster nackt darunter verkriechen kann. Jetzt also lesend, bei einem starken Milchkaffee und einem Riegel Bitterschokolade.
  • Wir lesen uns gerade gegenseitig 1913 von Florian Illies vor. Als ich neulich länger schlief, hatte der Bildhauer sich einen Vorsprung angelesen und den hole ich jetzt nach. Wie wunderbar: Die Hauptakteure der Moderne, allesamt junge Frauen und Männer mit erheblichen Macken. Schön geschrieben und sehr lustig. Sogar Franz Kafka: haha. Ich weiß noch, mit welch großem Ernst (hier würde der Bildhauer jetzt mit matter Stimme und hängenden Mundwinkeln Ernst Barlach sagen, haha,) also, mein Deutschlehrer hatte mir Leseratte Empfehlungen mitgegeben, und so las ich mich eifrig durch Kafkas Hauptwerke. Von dem Ernst bleibt jetzt nicht mehr viel, Kafkas weinerliche Briefe an Felice Bauer erscheinen nurmehr menschlich und, tatsächlich, irgendwie absurd komisch. Vielleicht, weil ich Ähnliches durchgemacht habe und die Welt besser begreife als mit 17.
  • Drüben in Nachbars Bäumen baut sich das Elsternpaar ein neues Nest, gleich zwei Meter neben dem alten, das sicherlich ziemlich zugekackt ist oder anderweitig nutzlos geworden. Wenn die im Sommer wieder blöd kommen und sich mit den Katzen zanken, kann ich immer noch mit der Zwille rüber, aber so weit komme ich sicherlich nicht.
  • Wie das Licht langsam durchs Zimmer streicht, sehr langsam. Unglaublich, dass wir auf so einem rasend schnellen Planeten hocken und doch sieht man die Bewegung nur, wenn man lange schaut.
  • Frohes Neues Jahr – der Ziege. Jetzt wird es sicherlich Frühling.




Samstag, 3. Januar 2015
Aufräumen, lesen, etwas schreiben, spazieren gehen. Später kochen. Ein halber Käsekuchen steht auf dem kühlen Fensterbrett, innen. Frohes Neues. Obwohl es sich bloß um ein recht willkürliches Datum handelt, anders als Sonnwend zum Beispiel, fühlt sich Neujahr doch jedes Mal besonders an. Als gäbe es eine Barriere zu überklettern oder tatsächlich etwas hinter sich zu lassen. Ich möchte nicht mehr so viel Sorge um Mama haben, vielleicht mache ich mit R. das Ritual zum Bindungen trennen. Diese Art klebriger Verbindung, die nur Familienmitglieder untereinander haben. Mit der Busenfreundin beschlossen, nicht mehr über die Familie zu reden, je mehr Worte, umso tiefer bleibt man drin stecken. Nicht ignorieren, sondern einfach vorbeiziehen lassen, wie in einer zünftigen Meditation.

Die Bestefreundin ist mittlerweile wieder von ihrem neuen Mann ("da ist ein neuer Mann in meinem Leben") getrennt. Er war entweder müde oder hat über die Sorge um seine Kinder gesprochen. Nach zweidrei Monaten schon keinen Sex mehr, sondern frühe Sofaschläfchen um acht. Wir reden über den Zwang zum Sex, das heißt, ich will darüber reden, aber sie versteht mich nicht, für sie ist es ein Recht auf Sex. Meine Güte. Ich verspüre seit gestern einen leichten Groll, nicht auf sie, sondern auf das Thema. Sich das Gewünschte einfach nehmen, im besten Fall natürlich teilen, weiß ich ja. Als Ziel gemeinsame Orgasmen. Wie absurd. Und dann noch einen und nochmal. Als gäbe es nur Nähe durch die unteren Chakren. Naja, sagt sie, eben auch unten und nicht nur im Herz. Sie müsste es eigentlich besser wissen.

Trotzdem ist der Jahreswechsel mit ihr und dem Bildhauer äußerst angenehm. Wir liegen vorm Kamin und quatschen oder kochen mehrere Gänge. Den Hügel, auf dem angeblich ordentlich geballert wird, erreichen wir 15 Minuten zu spät, nach einer nicht besonders gut vorbereiteten Nachtwanderung durch Wald und Heide. Beide Freunde haben anschließend wehe Füße und mir war ein wenig schlecht von der Aufregung, nachts durch unbekanntes Gelände zu laufen. Dreiviertelmond. Oben weht ein eisiger Wind und in der Ferne leuchten Raketen wie kleine Cocktail-Schirmchen über der Heide. Ganz plötzlich sind wir fast allein, und hätten wir nicht eine vergessene Taschenlampe mitgenommen, wir wären vielleicht verschollen.




Sonntag, 6. Juli 2014
Von Herrn Schneck: http://schneck.twoday.net/stories/selbst/
nach Herrn Kid: http://kid37.blogger.de/stories/2416589/
über Frau Montez: http://montez.twoday.net/stories/und-ich-auch/
zu mir:


Ich weiß ich weiß: Falscher Helm, und statt Sonnenbrille Augen zu.
Aber die Wand ist gut getroffen.




Freitag, 18. April 2014
Am Ende des durch und durch geredeten Freitags sitzen der Appetitliche und ich im Wagen der Bürokollegin, einem alten Mercedes mit Rost und reden noch mehr, sie holt mit W. die Pferde rein, es regnet laut aufs Blech bei uns, die anderen werden ordentlich durchnässt auf Feld und Weiden. Mit beiden Freunden lande ich am Tagesende fast immer in Regenschauern, die müden Wischblätter vor uns, auf dem Weg zurück.

Von zehn bis sechs zwischen einigen Frühstücken und Regenschauern, die sich mit Sonnenglanz abwechseln, am Esstisch der Kollegin ausgiebig: gesprochen, gesessen, gelacht, geatmet; über alles Wichtige, die Größe des Universums, das Ende des Kapitalismus, Niedlichkeit von Katzen am Beispiel jener, die mir auf den Beinen liegt, des weiteren über die Vergeblichkeit von G.s Bemühungen, die Welt zu retten und ob der Geist die Materie bewegt oder umgekehrt. Über Arbeiten und Nichtstun, über Geld und Armut und Glücklichsein. Glück. Ohne Ziel an diesem Tag.

Haben wir uns verändert? Zwischendrin im Bad ein erstaunter Blick auf mein eigenes Gesicht, wie jung ich aussehe, das Haar ist kurz und die Stirn frei, Licht fällt freundlich von schräg hinten. Das bin also ich, 25 Jahre später. Ich freue mich mich zu sehen. So wie ich bin.




Donnerstag, 2. Januar 2014
Dies ist also das neue Jahr.
Hallo. Fühlst dich gut an.




Donnerstag, 28. November 2013
Seltsame Gespräche über den Geschmack von Schnäpsen geführt, ebenso eigenartige Emails über bemalte und enthaarte Körperbereiche verfasst und bekommen. Darüber die schnöde Sexobjekthaftigkeit der ganzen verdammten Welt erkannt, und gestaunt. Was Erwachsene so machen. Ich mag nicht mehr teilhaben, bin in Wahrheit noch nie Spielerin in dieser oberflächlichen Kulisse der Selbstdarstellung gewesen. Betteln nach Aufmerksamkeit, und alles nach außen, außen. Cool sein, bunt und bedeutsam mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Die einen die, die anderen Andere. Wie erschöpfend nur und sinnlos das ist.

Wieder andere haben ihre Musen; ich bevorzuge mein memento mori.