Freitag, 13. September 2019
Es kommt etwas Leben in die Bezugssache Busenfreundin. Mit kleiner Stimme spricht sie mir aufs Band, sie wolle sich erklären, es ginge ihr jetzt besser. Nun doch per Mail antworte ich spontan, dass ich keine Gründe hören will, die es ihr erlauben, so herablassend mit ihren Freunden umzugehen, und dass ich die Freundschaft auf Eis legen möchte, bis es mir wieder besser ginge. Ich füge noch hinzu, dass mir ihr Verhalten weh getan hat und ich todtraurig über den Zustand unserer Freundschaft bin. Was der Wahrheit entspricht.

Dabei erinnere ich mich -- an anderes, frühes Leid, und dass ich es gegenüber den Verursachern vermieden habe, zum Ausdruck zu bringen, wie sehr es mich kränkt. Ja, ich glaube nicht einmal, jemals irgendwem gestanden zu haben, dass ich darüber todtraurig sei, so von du zu du. Das wäre ein Eingeständnis von Schwäche, hingegen ein Zeichen von Stärke, sich völlig unbeeindruckt zu zeigen, z. B. von dem Getöse der Eltern (oder den Lehrern oder anderen Autoritätspersonen). Eine Art weises Grinsen aufzusetzen schien mir als angemessene Reaktion gegenüber diesen minderbemittelten Personen.

Es ist fast so, als würde ich auch die Busenfreundin für minderbemittelt halten. Als wäre sie ein armes Hascherl, dem man nicht die Wahrheit sagen darf, weil es sonst darunter zerbräche. Fast so, als würde ich sie beschützen vor der Realtität der Welt, nämlich, dass sie kein Prinzesschen ist, und dass da draußen niemand ist, der sie nachhaltig zu trösten im Stande ist und ihre besessene Suche im Außen völlig vergeblich.

Sie schreibt zurück und erklärt sich trotzdem, mein Verbot missachtend. Da ist nichts, was ich nicht schon gehört habe, aber wenistens klingt eine Entschuldigung an. Trotzdem haue ich ihr ungebändigt ein paar Sachen zurück, über ihr sogenanntes Heiligtum, Kindheit und toter Mutter zu Ehren, und dass sie selbst es ja zu Markte getragen, zur Schau gestellt hat, dazu gehört ihr der Hintern versohlt, in diesem Park und dem ganzen Gutshofquatsch, wo nicht einer dieser dünkelhaften Adligen dazu bereit war, sich mit unseren künstlerischen Arbeiten/Aussagen auseinanderzusetzen, geschweige denn irgendeine Gemütsbewegung zu zeigen, außer einem kleinbürgerlichen Missfallen.




Sonntag, 5. Mai 2019
Es ist das Denken an sich! Alle spirituellen Traditionen lehren Dinge über das Denken. Seit 15 Jahren mach ich das jetzt mit der Meditation und so. Yogash chitta vritti nirodha. Das ist die erste Yogasutra. (Der Zustand des ) Yoga ist (erreicht), wenn die Gedankenwellen zur Ruhe (ge)kommen (sind). Die vrittis sind die Wellen und chitta ist das Sammelsurium aller Gedanken, welche fortwährend aus ebendiesem (chitta) heraufblubbern. So, liebe Krabbe, das weißt du doch. Nirodha ist Stille, Ruhe und einiges mehr, ähm, weniger. Also; gar nichts.

Die meisten Gedanken haben keinen besonderen Wert, auch das sagen die Yogis, 95 % sind Müll. Da geht es um Wäsche waschen für die Reise, Zehennägel schneiden, um Fußbodenbalken, die brechen könnten (s. Dudi).

Wie immer sitzen Dudi und ich nach dem rituellen Abendmahl beim lokalen Griechen (acht Ouzo) in der neuen Bar (drei Jägermeister) (also insgesamt). Die Wände dort bestehen aus grob abgeschlagenem Putz bzw. freigelegten Backsteinen aus der Gründerzeit, mit hohen Decken und einer Art Käfigen für die dämmrigen Glühbirnen als Lampen. Uns gefällt die Ausstattung, zum Klo geht man durch eine Westernklapptür und dahinter sind gleich die Kabinen, wenn mal plötzlich die Musik ausfallen sollte, würden alle Gäste die Pinkel-, Pups- oder andere Geräusche hören können. Ähnlich seltsam wie bei der Weinbar, wo die Toiletten hinter einer matten Glaswand sind, durch geschickt gesetztes Licht können die Gäste am Waschtisch in die Kneipe blicken, aber nicht umgekehrt.

Spätestens an diesem Ort wenden sich unsere Gespräche ins Ernste, ins überwältigend Traurige gar – die beiden kommen hierher nur zum Weinen, denkt vielleicht der Barmann, der uns sicherlich wiedererkennt, denn das Lokal ist meist ziemlich leer.

Jedenfalls denken wir. Und reden. Es gibt Wörter, die Dudi nach 35 Jahren im niederen Nachbarland nur in Fremdsprache kennt. Und mir fällt nur der englische Begriff ein, unconditional love, es dauert eine Weile bis zur bedingungslosen Liebe. Ich gehe einem Gefühl nach, einem sehr kindlichen, tief ausgegrabenen, so ähnlich wie diese zerrüttenen Backsteinwände um uns, das Gefühl ist das der Ruhe und der absoluten Richtigkeit und Heileseins in Gegenwart unserer Mutter. (Auch Dudi kennt es. Sie hat gleiches mit ihrem Sohn.)

Wir finden Sprache dafür. Es gibt keinen besseren Ort als bei der Mutter. Nirgends ist es sicherer als bei Mama.

Diese Art von Wahrheit gilt bestimmt für Kleinkinder, vielleicht auch noch für Zwölfjährige. Aber in diesem Moment wird mir klar, es gilt immer noch für mich. Wir sind in einem Alter, wo andere Leute schon gestorben sind. Und immer noch ist es das Ziehen und Zerren meiner Gedanken an Mama, die mich schlaflos, hilflos, sorgenvoll – alles dies – zurücklassen.

Nirodha, so muss ich gestehen, war mir immer suspekt, obwohl ich die Notwendigkeit erkannt habe. In meiner Familie gab es kein nirodha, durfte es nicht geben, denn es hieße, für eine Weile mal nicht an die anderen zu denken, noch mehr, gar nicht zu denken. Das war anscheindend verboten. Ich floh allerdings vor dieser seltsamen Aufmerksamkeit, die nicht aufhören durfte, in meine Bücherwelten.

Auch Dudi kennt dieses zwanghafte Denken. Bei mir ist es seit ein paar Wochen wieder sehr stark (nach meinem wunderbaren Yogitraum schwebte ich zwei Wochen im Himmel), nun wieder bildreiche Sterbeszenarien, dramatische Dialoge und Liebesbekundungen. Man darf von Liebe nicht lassen, wie auch immer man sie definiert; die unangenehme Art von Liebe, die uns unsere Eltern vorgelebt haben, fand ich äußert anstrengend und so gar nicht unconditional.

Nun – meine Mutter ist lange nicht mehr sie selbst und erkennt mich nicht als ihre Tochter. Aber ich, ich halte fest, bleibe die Tochter, die zur Liebe aufgefordert, vielleicht sogar gezeugt wurde zum hab mich lieb. Denk an mich. Vergiss mich nicht. Sieh mich.

Ablenkungen gibt es. Die Arbeit, das tägliche Tun, Gespräche, Verabredungen, Spaziergänge, Schlafen. Solange es etwas zu tun gibt, hat man für diese Zeit mal frei. Aber Meditation? Der Schlüssel zum Nichtdenken, und dann noch als Methode? Zur Freiheit? Verdammt, hier hab ich dich, du verflixtes Dings. –

So, Krabbe, dafür gibt es keine Erlaubnis von der Mutter, von niemandem. –

Morgen fahren der Bildhauer und ich wieder für ein paar Tage ins Kloster Bursfelde. Die Weser wird wie immer vorbeifließen und ich werde wieder und wieder üben, meinen Gedanken Gleiches zu erlauben. Nirodha enthält auch, dass man die Gedanken nicht anhalten machen kann. Sie fließen vorbei und nichts sonst.




Mittwoch, 3. April 2019
Als ich die Mutter an ihrem Platz im Tagesraum aufsuche, erkennt sie mich nicht. Erst nach meinem mittlerweile üblichen hallo Mama, ich bin’s, Krabbe öffnet sich ihr Blick. Lass uns raus in den Garten, sag ich, das Wetter ist schön. Sie wirkt verwirrt, sie müsse doch bleiben, es sei Kindergeburtstag, jemand müsse doch für alle sorgen, nämlich sie. Ich schaffe es, sie aus dem Raum zu diskutieren, sie ist heute ausnehmend sprachgewandt, mit mehrgliedrigen Sätzen bedenkt sie das Gespräch, das sich allerdings weiter um den Kindergeburtstag dreht, die säßen da alle wie die Ölgötzen, man könne sie doch nicht allein lassen, sie hält wirklich alle Mitbewohner für Kinder. Und, weinerlich, jemand hätte sie barfuß aus dem Schlaf gerissen, und ich gehe auf jedes Wort ein und versuche zu entdramatisieren, aber sie ist argumentativ stark heute, die Syntax stimmt, denke ich, Syntax, und bin fast ein bisschen Stolz auf sie.

Dann schaffe ich die Wendung, nachdem ich sie von aller Verantwortung für wen auch immer, ebenso für Vergangenes und Zukünftiges freigesprochen habe, die Kinder können auch mal allein spielen, ja, ich wäre ja immer auf der Seite der Kinder, das würde sie nochmal überdenken, meine Güte, ist das anstrengend, die Wendung jedenfalls kommt, als ich auf ihren Geburtstag hinweise, am 15. April, und ich brächte dann Zitronenkuchen mit, und den äßen wir ganz allein! Sie lacht.

Darüber musste ich lachen, sagt sie, irgendwie erstaunt über sich selbst. Wir warten, bis die Wolke weg ist, und die Sonne warm auf uns scheinen kann. Das ist schön.




Dienstag, 2. April 2019

Aus meiner Foto-Serie Typografie zur Trauer




Montag, 2. Juli 2018
Der Mutter schräg gegenüber am Tisch im Tagesraum sitzt eine weißhaarige Dame. Sie schaut stets etwas beiseite, und so dachte ich anfangs sie wäre blind. Tatsächlich nimmt sie jede vorbeigehende Person wahr, auch wenn sie sie nicht direkt anschaut, und fragt, wie immer — wie jede, alles gut? Und wie immer antworte ich großzügig, so als hätte ich die Welt in den Händen, ja klar, alles gut! Wenn es die Umstände erlauben, füge ich noch einen Grund des Gutseins hinzu, das schöne Wetter z. B..
Wie sehr ich mir wünsche, dass einmal mir jemand versicherte, alles sei gut.
Alles.
Ich müsste mich um nichts sorgen.




Samstag, 6. Januar 2018
...ja, der gestrige Rückblick ist etwas im Weihnachtsgeschehen versackt. Das ist nicht schlimm, denn wir wollen ja aufarbeiten, was geht.

Manchmal fühlt es sich an, als wäre meine eigene Persönlichkeit kaum vorhanden, das meint die eigene Färbung des, äh –
Das Mütterlein klagt über etwas Ähnliches, ich hoffe, wir haben nicht die gleiche Schacke. Sie weiß jetzt definitiv nicht mehr, wer ich bin, sie ruft mich zwar freudig beim Namen, wenn ich auftauche, dabei hält sie mich gleich für mehrere Personen. Es gibt da diesen Jungen, der sie beim Tanz auf eine Weise geführt hat, wie ein Junge das mit einem Mädchen macht. Außerdem sei er immer sehr lieb. Ich frage nach Namen und Herkunft, die kennt sie aber nicht, er sei vielleicht mein Sohn? Als ich meine orangefarbene Winterjacke anziehe, bemerkt sie, ihre Mama hätte die gleiche. Das sind schon mal zwei Leute. Ihr Papa hätte sie hier ins Heim gebracht, drei, und dann natürlich noch ihre älteste Schwester Ch., die sich sehr nah standen (vier). Darüber hinaus meint sie manches Mal ich zu sein, so als säße sie vor einem Spiegel, und redete mich als ihr Bild an. Aus eins mach fünf.

Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll, validieren, wie es die Gesprächstechnik für Demente vorschlägt, kann ich das nicht, für mich käme es einer Lüge gleich. Und so spielen wir oft das Heitere Personenraten, mich amüsiert es, ihr macht es wahrscheinlich Angst, weil sie merkt, wie wenig ihrer Wahrnehmung noch stimmig ist.

Ich allerdings verbringe manchmal Tage damit, meinem favorisierten Gitarrenspieler nachzuforschen. Dann betrachte ich Bilder im Netz und sehe Videos an. Seine Gestalt und sein Gesicht rühren Tiefes in mir an, peinlich einzugestehen, dass er aussieht wie eine junge Version meines Vaters und somit meine ich auch für mich Ähnlichkeiten zu erkennen. Hat er nicht Hände wie ich? Augen, Nase. Und die Haare! Ich neige dazu, meine Friseurgänge mit seinen abzustimmen, zur Zeit, wie man es in aktuellen Auftritten sehen kann, trägt er sein Haar länger. So auch ich. Eigentlich englischer Herkunft, ist jener Musiker aber in der Nähe meiner Heimatstadt geboren, was eine außereheliche Affäre meines Vaters möglich machte. Das wäre doch toll, ich hätte einen Halbbruder, der so aussieht wie ich.

Kurzum. Ich erinnere mich, dass ich mindestens seit der Jahrtausendwende dem Laster anheimfalle, mir unsere gemeinsame Familiengeschichte auszumalen. Alle paar Monate, aber wenigstens einmal im Jahr begebe ich mich in das geliebte Gedankengebäude und merke, wie wenig ansprechbar für anderes ich in der Zeit bin. Gestern habe ich sogar die Gitarre zur Hand genommen, um ein aktuelles Stück nachzuspielen, aber verdammt, die Finger sind nicht gemacht für Barrégriffe. Es ärgert mich, dass er so gut ist, und so drehe ich wieder und wieder die Runde durch Konkurrenz, Rechtfertigung und Heilsversprechen. –

Das laugt mich aus, es ist ein bisschen wie eine Sucht, ich habe das Gefühl, ich hätte kein eigenes Leben und müsste, wie ein Zwang, das des Musikers tracken. Was natürlich nicht geht. Spätestens nach dieser Erkenntnis fange ich an, zu mir und meinem eigenen Leben zurückzukehren, langsam, mit Blicken zurück, erst kann ich nur wenig damit anfangen, später sehe ich den Wert und die Fülle wieder, die das Meine ausmachen.

Was mich anfällt, ist schwer für mich zu verstehen. In der Phase der Ahnenforschung im letzten Herbst merkte ich, wie gut es tut, dass da noch jemand anderes ist bzw. war, eine Art Halt und Stärke vielleicht von der Urgroßmutter mit ihren neun Kindern kommend. Auch dort eine Freude, wenn ich meine biologische Herkunft sichten konnte, ah, diese Großtante sieht mir ähnlich, die braunen Augen, sieh her. Das war für mich ein großer Trost. Die jungen Jahre meines Vaters, mit Nicki und Bollerhose, mit gestreiftem Pulli und diesen schönen Haaren, auf den Fotos stets bereit zu einer Grimasse oder sich im Gesicht herumfriemelnd. So wie ich das mache, und so macht es auch der Musiker. Friemeln. –

Genug dessen. Meine echte Beziehung zum Bildhauer indes ist von gelassener Einfachheit und Freude. Wir treffen uns regelmäßig und machen was. Er bringt mich zum Lachen, und auch ich kann sein dunkles Lachen herausfordern, wir reden über das meiste, was es gibt und uns begeistern praktisch die gleichen Interessensgebiete, anzunehmen ist, dass er auch solche Gedankenburgen belebt, und das sehe ich an seiner Kunst. Zur Zeit ist sie gelb, Zitrone, indisch, Kurkuma, ein bisschen mehr rot, da wird alles angemalt und steht zur Betrachtung herum. Ich lass dann meinen Blick schweifen und finde es schön. Was kümmern mich dann noch Barréakkorde wie F, Gm oder A#.




Freitag, 5. Januar 2018
Der auch ein Rücklick sein könnte, wenn man sich schon gleich bei der Überschrift verschreibt. Nochmal drüberlecken und dann wech. Was habe ich gewartet auf das Neujahr, um nun doch wieder in einer ähnlichen Schleife zu hängen. Wenigstens waren die Weihnachtstage vorbei, während deren ich mich in die alten Muster stürzte, wollte ich doch das Mütterlein mit Anwesenheit erfreuen. An ihm ging das alles recht spurlos vorüber, es dachte bereits am zweiten Advent oder in der folgenden Woche, dass Weihnachten schon gefeiert ward, und ich sah mich am Heiligen Abend der ökumenischen Andacht lauschen (und ich sah mich am zweiten Weihnachtstag Kalbfleisch essen), von meinem Sitzplatz von hinten auf den Klavierspieler blickend, dessen Fuß zitterte, und der sich so manches Mal verspielte, es aber spielerisch zu umspielen verstand, jawohl. Zu Bethlehem geboren wurde nicht angestimmt, aber Mama kann es bis zur dritten Strophe auswendig und wir sangen es oft gemeinsam. Es hat ganz offiziell die gleiche Melodie wie Die Blümelein, sie schlafen und so ist es auch nicht ganz so peinlich, wenn man es, auch nach Weihnachten, zuhause singt und damit rechnen muss, dass die Nachbarn mithören.

Der Liedtext beschreibt eine ganz und gar kompromisslose Liebe zu dem Jesuskindlein und ich betone Mama gegenüber, wie sehr mir das gefällt. Schon die zweite Strophe In seine Lieb’ versenken / will ich mich ganz hinab; / mein Herz will ich ihm schenken / und alles, was ich hab’, … da kann man jetzt lange reden, wem das gilt, Jesus oder dem Göttlichen an sich oder überhaupt etwas Höherem, dem Höchsten, dem Absoluten. In der fünften Strophe geht es richtig zur Sache: Dich, wahren Gott, ich finde / in unser’m Fleisch und Blut; … Ich hatte diese das erste Mal zu einer Nachtmesse gehört, die ich im Dom der Heimatstadt mit Mama erlebte, damals, und mir stockte das, äh, Blut. Gott sitzt also in meinem Fleisch und Blut! Ist das nicht Ketzerei?

Als Mama noch denken konnte, haben wir speziell darüber oft diskutiert. Mich dünkt, dass die christliche Kirche immer schon versucht hat, Gott von den Menschen fernzuhalten, wir hier unten ganz klein, und Gott dort oben mit voller Macht über allem, ohne Verbindung. Gerade der alttestamentarische Gott spielt sich als gemeiner Richter auf und ist mir gänzlich unsympatisch. Mit großem Eifer hatte ich Mama davon zu überzeugen versucht, dass Gott in unseren Herzen wohnt, in der Philosophie des Yoga wird das noch ganz anders und detaillierter gesagt, aber ich will hier nicht schon wieder –
Also. Mama hat einen Traum: Ich sei nun als Nonne den Johannitern (also ihrer Heimorganisation) beigetreten und sie würde es nicht fassen, dass ich mich für sowas hergebe. In ihrer Stimme klingt Abscheu, so als würde ich bei einem Porno mitmachen. Erstaunt über ihre heftige Reaktion bitte ich um Erklärung, nicht ohne hinzuzufügen, dass Nonne-sein ich tatsächlich auch für mich für möglich halte, eventuell so gegen Lebensende. Das gefällt ihr überhaupt nicht und ihre Mimik dazu ist seltsam entgleist. Sie nimmt das ernst.

Sie nimmt es sehr ernst, sie erkennt die Gefahr, dass ich mich dem Jesuskindlein hingebe, anstatt ihr! Und sie spürt, wie nah ihm bin, immer schon war und nicht ihr!

Wie kann das sein, dass man in einem katholischen Haushalt aufwächst, zu regelmäßigem Gottesverkehrdienst gezwungen wird, mit bigott-doublebind-iger Erziehung konfrontiert, wenn man sich dann wirklich mit richtiger Ehrlichkeit auf die Suche nach dem Absoluten machet – daran gehindert, gar mit Verachtung bestraft wird? Mit wirklicher Ehrlichkeit: Ich fass es nicht! –

Diese Ungeheuerlichkeit hielt mich ein paar Tage beschäftigt. Gerade wieder muss ich an das Märchen Marienkind denken, über das ich hier einmal schrieb. Vielleicht kommen an diesem Punkt viele Lebenslinien zusammen, vieles erklärt sich, das scheinheilige Verhalten (m)einer Mutter, die die einzige wahre Mystikerin der Familie verstößt, zumindest verbal, aber wir wissen ja, dass eine ordentliche Verwünschung auch nicht von schlechten Eltern ist, oder eben doch.