Samstag, 4. April 2020
Die Obstbäume des Elternhausgartens leuchten gelborange in der Mittagssonne, überwältigend üppig. Ich will die Szene unbedingt fotografieren und meinem Vater, wo immer er sei, einen wertvoll gerahmten Abzug schenken. Beim Aufwachen noch drängt mich das Vorhaben und nur langsam wird mir klar, dass es die Bäume nicht mehr gibt. Die Käufer des Hauses hatten schon vorletztes Jahr alles aus- und umgegraben, sogar die Bilder von g**gle Earth zeigen die aufgerissene Erde.

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Das alte Macbook von 2011 ist jetzt endgültig hinüber, beim Starten zeigt es erst einen grünlichen Apfel und danach schön ultramarinblaue Streifen. Im Spätsommer letzten Jahres hatte der Fachmann noch die allerletzte Möglichkeit des Platinenbackens unternommen und höchstens noch ein Jahr Laufzeit vorausgesagt. Jetzt benötige ich für das neue Airbook einen anderen 27-Zoll-Bildschirm, der vorige funktioniert nicht mit den neuen Anschlüssen. Ein Irrsinn, jetzt zu investieren? Mal sehen, ich möchte weiterhin gut ausgestattet sein, obschon ich fast gar kein Grafik-Design mehr mache. Auch sind mir nun die Ad*be-Programme nicht mehr zugänglich, die will/kann ich nicht mieten, habe aber die Affinity-Serie erworben, mit der ich schon seit einzwei Jahren arbeite.

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Auf allen Kanälen werden die kritischen Stimmen zum Seuchenhandling deutlicher. Die Petition, die die Erforschung und Sichtbarmachung der realen Zahlen fordert, scheint mir am seriösesten formuliert, hört sich auch für den hartnäckigsten mainstreamer nicht nach Verschwörung an, und hat in kürzester Zeit das Quorum erreicht.

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Ich lese wieder Franny & Zooey. Die Sprache beglückt mich so, dass ich fast weinen muss, dazu belebt sich eine traurige Erinnerung an die große Stadt im fernen Osten, in der ich ein halbes Jahr lebte. Die Prinzessin und ich hatten uns mit den Katzen der Nachbarschaft angefreundet, speziell die Familie um Mum-Cat, wie wir sie nannten, lag uns am Herzen, die nicht nur von uns, sondern auch von Leuten vom anderen Ende der Insel regelmäßig gefüttert wurde. Ich war wieder daheim im Frühjahr und SARS brach aus. Man hatte giftige Köder in der Stadt verteilt, um tierische Übertragungswege des Virus zu stoppen und nach ein paar Tagen fand die Prinzessin Mum-Cat tot im Rinnstein.

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Dudi berichtet von ihren Katzen, die nach dem Umzug und einem langen inhäusigen Winter ans Haus gewöhnt worden waren. Sie dürfen nun in den Garten und schauen sich fröhlich um beim gemeinsamen Mensch-und-Tier-Spaziergang durch die Umgebung, der ihnen zeigt, wo sie sich befinden. Während wir telefonieren, ertönt das Gemaunze von Fritz, der sich stets in unsere Gespräche mischt; ich bin überzeugt, er findet die Töne der (anderen) Sprache reizend, die sein Frauchen (nur) mit mir spricht.

(Ich erspare Ihnen hier ein weiteres Sternchen.)




Montag, 30. März 2020
Könnte, würde, sollte, möglicherweise... all das. Es schneit jetzt gerade. Und zwar fast echte Flocken. Solche, die man am Himmel erkennen kann, die dick sind und vor dem Grau etwas dunkler. Sie wären noch echter, blieben sie liegen, dazu ist es aber zu warm. Vorm Fenster steht der Ahorn in seiner hellgrünen Blüte, es sieht hübsch aus, wie die Flocken hindurchsinken.

Am Freitag war es so warm, dass ich beim Spaziergang die Jacke ausziehen konnte. Wir gingen zu zweit, die Sufi-Meditierende G. (die jetzt ihren eigenen Meditationen nachgeht) und ich. Sie erklärte, sie wolle unsere gemeinsame Freundin K., die zur Risikogruppe gehört, vor dem Virus schützen, wir könnten womöglich, obschon symptomfrei, Überträgerinnen sein. Sie wies mich dann zurecht: Ich solle mehr Abstand zu ihr halten. Ich ging halb auf der linken Seite des Spazierweges und wurde im nächsten Augenblick von einer Radfahrerein wütend zurechtgeschnauzt. Alle waren draußen und es war unmöglich, auf den schmalen Wegen Abstand zu halten. So trottete ich, nicht verstehend, was zwischen uns (spirituellen Freundinnen) vor sich ging, hinter G. her, im steten Versuch, ihr nicht zu nahe zu kommen. Wir hatten dann diese elende Diskussion über Fallzahlen, Ansteckungsgefahr, Todesfälle und Wahrscheinlichkeiten – inmitten schönster Frühlingsstimmung und nettester Ausblicke über Gewässer und Gänseauen. Am Ende war ich völlig gestresst von all dem Ausgeweiche und in der Nacht dachte ich bis weit nach Mitternacht über die plötzliche Fremdheit zu G. nach und ward völlig mürbe gegen zwei.

Der Bildhauer und ich verbringen das Wochenende auf meinem Schlafsofa, das wie ein Boot ist, mit dem wir die schlimmsten Wellen nehmen. Unsere mittägliche Ausfahrt durch die leere, nach dem Wetterumschwung wieder regengraue Stadt ist bedrückend und uns ist klar, wie sehr gerade solch eine Stimmung dazu beiträgt, jegliche Abwehr zu schwächen. Wir vermissen Kunst und Kultur bzw. das Schöne im eigentlichen Sinn, das ist jetzt in dieser Stadt nicht zu finden. Zurück zu Hause zünde ich Kerzen an, koche opulente Gerichte, es gibt genügend Wein, oder Bier, wie jeder mag. Wir lesen uns aus "Die Höhlenkinder" vor, ein Buch, das wir beide schon seit unseren jeweiligen Jugendzeiten als eines der wichtigsten erachten (während er die Versöhnungszene zwischen Peter und Eva rezitiert, weint er [und ich lache]), schauen Handwerksfilme des SWR und spielen Scrabble mit deutschsprachig klingenden Wörtern (Lebser, Sölgen, Harsel, Gurm u. a.)

Ich möchte im Moment keine Leute treffen, mit denen ich unterschiedlicher Meinung bin. Das ist mir schlicht zu nervig.




Dienstag, 24. Dezember 2019
Der Glaskörper ist am Augeninnenraum befestigt, mit ein paar Stichen aus Eiweißfasern oder so, und wenn im Alter der Glaskörper beginnt zu schrumpeln wie ein Apfel, dann lösen sich manchmal die Befestigungen. Es kann dann zu Blutungen kommen, die sich in den Glaskörper ergießen. Und so hat man dann dunkle Schlieren vor der Linse, die mit jeder Augenbewegung nervös mitzittern. Ich bin froh, dass es nichts Schlimmes ist, wie der Arzt mir versichert und weil ich trotzdem weine, bekomme ich von den Helferinnen ein Stück Mercischokolade. Das Niedliche daran kann ich in dem Moment nicht so richtig würdigen, sitze ich doch mit anderen im abgedunkelten Tropfraum und warte auf die zweite Stufe der Pupillenerweiterung, damit noch mehr des Einblickes in meine Seele stattfinden kann. Bin mit den Nerven am Ende. Ein optisches Gerät wird mir dann direkt auf die betäubte Linse gesetzt, das so mittels Gel darauf herumgleiten kann, damit auch nicht der allerkleinste Riss dem ärztlichen Auge entgehe. Das ist kein echter Spaß und noch als ich zuhause bin, bin ich geblendet.

So laufe ich mit nervigen Blutplocken durch die sowieso schon nervige Weihnachtszeit, vermeide das Sehen und warte auf Absorption, was ein paar Wochen dauern kann.

Ebenso warte ich auf Absolution. Zu diesem Zweck habe ich eine Therapie begonnen, die Gespräche, Aufstellungen und andere Psychomethoden nutzen wird, um mich von allen Sünden zu befreien. Die Therapeutin ist eine weltschlaue Frau Mitte 60 und vermag es wohl, in meine verwirrten Philosophien etwas Ordnung zu bringen. Es gibt Lächerliches aber ebenso vieles, das zum Weinen läd. Die ersten Gespräche beschäftigen sich natürlich mit dem Mutterthema, das mir mittlerweile wie eine unüberwindbare Mauer erscheint, hinter der ich mich gefangen fühle. Ich lese über Patriarchatsforschung und weine, ich höre Siddharta von Hermann Hesse und weine, ich betrachte Höhlenmalereien und weine. Es scheint mir alles durch und durch beweinenswert, und das ewige Gefühl eines namenlosen Unheils, das über mir schwebt will und will nicht weichen.

Möge ein Licht in die Welt getragen werden, mögen Sie alle, meine werten Leser, eine lichtvolle, friedliche Zeit verbringen, ohne Blutvergießen, ohne Leid und ohne Bosheit.




Freitag, 26. Juli 2019
Für ein paar Wochen überlässt uns E., eine Künstlerkollegin des Bildhauers, ihren Schrebergarten. Wir sollen uns wie zu Hause fühlen. Aus einer Albernheit heraus planen wir, ihr jeden Tag mehrere dubiose Textnachrichten den Garten betreffend nach Schottland zu schicken. … man kann trotzdem noch drin wohnen. Oder mach dir jetzt bloß keine Gedanken, aber… Statt dessen erfreuen wir uns an dem Unperfekten ihres Gartenlebens, in das wir uns geschmeidig einfügen, wir finden alles wohlgeordnet und zur Hand, machen Feuer in der Schale, grillen Zucchini, rösten Kartoffeln und zupfen Mangold und Ruccola, und schlafen später dort, im kleinen Steinhaus. Für Stunden liege ich unterm Apfelbaum und schaue durch seine Zweige in den Himmel, ist es nicht ein Wunder, dass wir atmen und dass der Himmel blau ist, der Bildhauer streicht die Stecken senfgelb über (später rosa) für ein Kunstprojekt, das im August startet, ich darf allein über die Form entscheiden, das Konzept hat sich aus unseren jeweiligen Handgelenken schütteln lassen und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als weiter und weiter mit dem geliebten Mann zu gehen, zu sehen, wohin sich unsere Ideen entwickeln.

Als Ganzes ist der Garten ein perfektes Kunstobjekt, es ist stimmig, von den fleckigen Gartenhandschuhen, die auf der Fensterbank liegen bis zum zerbrochenen Brett des mittigen Tisches, von den zentimeterdicken Brettchen, die das Besteck im Kasten voneinander trennen über den Kloverschlag, auf dessen vorliegende Kiesdecke man pinkelt und duscht, dorthin wird auch das Abwasser geschüttet, das Große aber kommt ins Plumsklo und wird mit einer Handvoll Streu bedeckt, in der Küchenecke gibt es einen Tresen, aus dessen grob von Hand ausgesägter Rundung heraus man Dinge beschickt. Verteilt ums Haus sind Sitzecken, eine entzieht sich vollständig den Blicken der Vorbeigehenden, eine andere schmiegt ein simples Brett neben den Anbau, während der große Tisch mitten im Garten unter den Bäumen allen Erscheinungen offen steht.

Im Detail ist die Anlage unordentlich und nicht sauber. Wir reden über das Nicht-Perfekte und wie viel wir davon aushalten können, auch in unseren Wohnungen. Ich denke an meinen vor Jahrzehnten schon zerfressenen Holzboden, noch immer verdächtige ich einige überlebende Tierchen unterm vom Vater geerbten Perserteppich, man möchte vielleicht auch mal ebene Wände haben, in denen ein Schräubchen hält, um ein Objekt ansehnlich zu drapieren, und hier im Garten wird ebenfalls keiner dieser Wünsche erfüllt, es ist alles irgendwie provisorisch, die 50er-Jahre-Steckdose wackelt in ihrer Befestigung und die Vierkanthölzchen, auf denen die Glasscheiben ruhen, auf denen wiederum die Ölflaschen und schöne Gläser stehen, sind grob mit weißer Farbe bestrichen und stehen über. Es ist schön hier. Wir halten es gut aus, das Nicht-Perfekte. Wir denken an Schöner-Wohnen, wo jedes Kissen und jedes andere Dings genauestens derart entworfen wurde, dass man damit angeben kann, da fällt mir ein, dass der stinkreiche Stiefvater des Bildhauersohnes uns eingeladen hat, seinen Stinkreichtum (Haus, Auto, Boot oder so) zu bewundern, dazu müssten wir nach Stuttgart fahren, was wir sofort dankend ablehnen, denn I don’t want to socialize with this people wie schon seinerzeit die Prinzessin erklärte, als wir eingeladen wurden, nach der Vernissage des Exmannes der Bestenfreundin noch zu bleiben, was für ein Gedankenschwenk nach HK, wo alle diese Leute–usw, ich bewunderte die Prinzessin für diesen selbstbewussten Entscheid, den ich ein klein bisschen bedauerte, denn gern hätte ich mit ihr händchenhaltend dem socializing beigewohnt.

In allem freigelassenen Nicht-Perfekten wohnt die Vergänglichkeit. Hier wird nicht gegenangeputzt, -gebastelt und -gefriemelt, hier werden einfach zwei Blecheimer unter den Wasserhahn gestellt und staubige Schuhe übereinander und wir laufen hin und her und machen Kräutertee oder Kaffee, und sitzen hier oder da und sehen ihr zu.




Mittwoch, 29. Mai 2019
Komme mir neuerdings alt vor. Natürlich, als Teilnehmerin der babyboomer kann ich das auch. Ich könnte es auch lassen. Mich statt dessen einfach hinsetzen und so. Dem Gefühl, es ganz gewaltig verkackt zu haben, entfliehen. Und dann schauen, ob das wirklich eine Flucht ist oder was jetzt real ist und was maya. Jedenfalls, noch nehme ich teil und schaue Sendungen. Oder, wie soeben, dem Eichelhäher nach, der mit einem Gefährten durch die Hinterhöfe streift, fliegt und so guckt. Er soll aber nicht an meine Bienen, neulich musste ich schon wieder den Buntspecht vertreiben, von dem ich weiß, dass er gern die Deckel der Bienennester aufpickt. Sicherlich lecker, sind die Damen und Herren schon verpuppt? Dazu ein kleiner Vorrat an Pollen.

Ich treibe davon. In einer Talkshow, die ich bei utube sah, berichtet ein Mann über seine Nahtoderfahrung. Das war sehr schön. Er fühlte sich bedingungslos geliebt, was ja eher selten ist, gerade, wenn man dabei ist, zuviel CO2 auszustoßen und überhaupt die Umwelt durch bloßes am-Leben-sein unwiderruflich zu zerstören. Hoimar von Ditfurth behauptete schon vor 40 Jahren, dass es zu viele Menschen gibt. Ich bin erstaunt über die Radikalität seiner Forderung, nämlich einfach weniger Menschen zu sein. Sonst reicht es nicht.

Ich treibe davon und mag zur Zeit nicht meditieren, so als hielte mich eine große Kraft davon ab, mich an meinen Platz zu setzen und dann Ruhe. Sehnsucht nach Frieden und Bedingungslosigkeit, aber keine Erfüllung wegen all dieser drängenden Sachen (der maya).




Freitag, 27. Januar 2017
Es müsste hier mal wieder geputzt werden. Vielleicht kommt Dudi nächste Woche, die muss ja nicht in Staubflusen waten. Die vielen Wollobjekte des Haushaltes atmen überall hin und an einigen Stellen sammeln sie sich, vor der Badezimmerschwelle, da kommen sie nicht rüber oder unter der Heizung dort. So allgemein von Süd nach Nord. Es gibt auch einige Spinnen von jenen zarten kleinen, die dürfen gern bleiben, aber in der Küche gibt es schon feine Berührungen von Weben, am nackten Arm, den ich nach dem großen Glas mit Reis recke.

Es tut gut, die Aufmerksamkeit auf solche Dinge zu richten. Es gab eine Art overflow zu aufregender Gedanken an früher oder später, lange Telefonate mit Dudi über unsere Kindheit und Jugend, über die Eltern. Eine Weile neigte ich dazu, sie zu idealisieren, der Zweck möglichwerweise eine Art Versuch Frieden zu schließen – zu verzeihen. Dieses wunderbare Buch von Svenja Flaßpöhler, Verzeihen – Vom Umgang mit Schuld, verhalf mir zu Einsichten, die tatsächlich Frieden in mir auslösen konnten, ohne diesen Blick zurück, einfach in der Erkenntnis, dass ich keine Schuld habe. An nichts. Dass niemand Schuld hat. Dass Schuld ein Konzept ist, welches sich bei näherer Betrachtung in nichts auflöst. Da war dieser Moment, letzte Woche Montag, als ich nach einer schweren Nacht, da das Herz mit allen drängenden Gedanken dieser Welt gefüllt ward, aufsprang mit dem klarsten Satz ich muss dies alles gar nicht denken, und die Welt besteht nur aus unseren Gedanken!

Und ebenso plötzlich, das Herz war leer! Es war nicht einfach nur ein intellektuelles Erkennen der Nutzlosigkeit dieser Art des Denkens, sondern ein echtes, so zartes und trotzdem deutliches Gefühl in der Herzgegend, dass diese leer sei. Der gesamte Brustkorb sei leer. Wie nach einem Gewitter der Himmel wieder leer von Wolken ist, trotzdem gefüllt mit Bläue, so war das Herz, es war leer –

Den ganzen Tag verbrachte ich damit, die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken, verbunden mit einem großen Staunen. Da war nichts, keine Sorgen, keines der Bilder über die siechende Mutter, die mich so quälen, nichts darüber, wie die Zukunft sein würde/könnte/sollte/müsste … so leicht hatte ich mich seit Jahren nicht gefühlt! Frei von Schwere! Nach all der Zeit!

Nun, war es wieder fortgegangen. Ich konnte es nicht halten. Nicht durch das Imaginieren der Leere im Herzen ließ es sich wieder herstellen, nicht durch Erinnern der Sorglosigkeit, nicht mit so tun als ob. Wieder kamen belastende Bilder zurück, Sorgen um die Zukunft – 
Allein, das Grübeln über die Mutter ist im Moment nicht (mehr) da.




Mittwoch, 2. März 2016

Dieses Bild soll den Beginn einer künstlerischen Zusammenarbeit mit dem Bildhauer kennzeichnen. Wir haben eine Idee, die (uns) nun schon seit Tagen trägt. Im September wird es eine Ausstellung geben. Wer weiß, was [von dieser Idee] übrig bleibt.




Montag, 3. November 2014
Stellvertretend suchen wir Steinbrüche und Tonkuhlen auf. Die Formationen sind beeindruckend und gehen tief, nicht nur geologisch. Der Bildhauer hatte während seines Studiums etwas in Stein gemeißelt, irgendwo im Weserbergland. Um dort hinzugelangen, nach seinen 25 Jahren, fahren wir fast meine komplette Lieblings-Motorradstrecke (mit dem Auto), über diverse Berghöhen und Pässe, zweimal hin- und zurück über die Weser, nur so, wir weilen an verschiedenen Stellen, die ich ihm unbedingt zeigen muss, um am Ende endlich seitwärts in einem schattigen Tal im kalt-rotbraunen Bruch anzukommen, der seit langem stillgelegt ist. Erst finden wir nicht das Gesuchte und laufen durch taubenetztes Gras und zwischen moosüberwachsenen Quadern herum und ich fotografiere die erodierten Wirtschaftsgebäude des Geländes. Dann dort hinten, früher musste die Stelle erst mühsam erklettert werden, jetzt scheint die Tiefe mit Material ausgefüllt und das Zeichen fast auf Augenhöhe, nur ein paar Felsen weiter. Wieder so ein Zeitsprung. Ich weiß, wie der Bildhauer die gealterte Szenerie empfindet. Als ob aber sein Alter bei den Steinen eine große Rolle spielte.





An einem anderen Tag betreten wir eine Tonkuhle nahe der Stadt, dort hatten die Studenten das grauschwarze Sediment geholt, um es zu Skulpturen zu formen. Der Ton fühlt sich rein und glatt an, man kann die weichen Schichten voneinander lösen, die manchmal durchsetzt sind von Ammoniten, Belemniten oder deren Negativformen. Die Grube geht tief und bildet einen grünen Teich. Am östlichen Teil, nahe der Einfahrt, wird roter zerschredderter Backstein zurückgeführt, wir stellen uns vor, dass einst die Senke wieder damit gefüllt sein wird.

Verwunschene Orte, die Bilder gehen Tage nicht aus dem Sinn. Als hätte ich im aufrissenen Erdreich etwas entdeckt, das nicht für mich bestimmt ist; so heimlich.




Dienstag, 30. September 2014
Neu anfangen. Ich möchte alles wegwerfen, was dem jetzigen Moment nicht dienlich ist. Dieses hier, eine vergessene Kiste mit Briefen vergangener Jahrzehnte. Erschreckend. Aufstörend. Zeilen Verflossener. Liebesschwüre. Euphorien. Viele Umschläge von St., deren teils bemalte Papierbögen ich erst noch herausziehe und lese, später aber unbeachtet auf den Stapel zu den anderen lege. Meine vertrauteste Seelenfreunding zu Studienzeiten. Erörterungen, Befindlichkeiten. Alles viel zu viel. Auch die Fahrerin schrieb regelmäßig nachdem wir uns wiedergefunden hatten, ihre Stimmungen sind schwankend, bei ihr hat ebenso fast alles mit Liebe zu tun, zu den Partnern, den Tieren, und mit ihrer größten, ihrem Halbbruder G.. Als er mit dem Krad starb, war nichts mehr wie vorher. Auch für mich nicht.

Stunde um Stunde sitze ich auf dem Boden vor dem Karton. Mir tut der Rücken weh.

Zeilen der Bestenfreundin, meistens Beiläufiges, das mit dem Zusammenwohnen zu tun hatte, auch recht Einsilbiges aus Urlauben. Die ersten Liebesbriefe von T., große Gefühle, zehn Jahre waren wir zusammen, wunderbar. Berührend die festlichen Grußkarten meiner Eltern, beide seit langem nicht mehr ans Handschriftliche gewöhnt. Zarte Hoffnungen, mit krakeligen Lettern auf blauem Briefpapier Vorgetragenes von J., aber ich liebte T., der mein Herz besaß für so lange Zeit. Papiere längst vergessener Bekannter, E., die ich erst für eine andere E. hielt und mich wunderte, dass wir so intensiv geschrieben hatten, oder X., dessen Name mir jetzt schon wieder entfallen ist. Karten von A., der ich morgens beim Zeitung Austragen immer eine Ausgabe unter dem Kotflügel ihres Autos versteckte. Jede Menge Geburtstagspost.

All das wirft ein Licht auf mich, ein bestimmtes: Ich wurde gemocht und sogar geliebt. Man vertraute mir Geheimes an. Aber ich selbst? Mochte ich mich? Ich habe Fotos gefunden von mir, schlank, fast hager und dunkel gebräunt in Griechenland mit P.. Auf Reisen mit T., Momente in der WG, fröhliche Augenblicke mit meinen Patenkindern und den Kindern der Freundinnen. Hunderte von Bildern gesichtet und nur ein paar wenige behalten. Die auf denen ich mich mag, jetzt, denn es scheint... nein – ich erinnere mich, dass ich mich selbst nicht mochte. Ich stand nicht zu mir. Ich sah jungenhaft aus und hatte herbe Gesichtszüge, die ich nicht hübsch fand. Ich war mir selbst fremder als die andern. Das ist eine seltsame Einsicht.

An diesem Punkt kann jetzt alles zusammenfließen. Hier bin ich, eine Frau, die ich nicht mehr misstrauisch beäuge. Die weiß, was sie will. Immer schon wusste, oder etwa nicht? Den Roten Faden seit jeher fest in der Hand.

Lass mich neu beginnen. Lass mich lieben.
Immer weiter.




Montag, 14. April 2014
Ich kenne keine Person, die so schnell hochgeht wie S.. In Kombination mit K., ihrem Exfreund, der fast immer dabei ist, gewinnt das Geschimpfe noch an Kraft. Eigentlich könnten wir friedlich im Garten graben, aber dauernd muss S. den K. maßregeln. "Stell dein Glas nicht auf die Kante, das fällt sonst runter!" Oder "Wie oft habe ich dir schon gesagt, ... " und dann folgt unweigerlich etwas, was sie sich eigentlich sparen könnte, denn sie wird es ja schon oft gesagt haben, oder. Das erste Bier des Tages nehmen K. und ich gemeinsam, die Damen buddeln noch weiter, trotzdem gibt es einen Spruch von S., nicht an mich gerichtet, aber an K.. Vorsichtig spreche ich ihn drauf an, es ist überdeutlich, dass die beiden sich gegenseitig auf die Palme bringen, er mit seinem Gejammere, sie mit ihren Revanchen.

R., die jetztige Freundin von S., es hat also einen Wandel von Hetero- zu Homosexualität stattgefunden, nimmt es mit großer Gelassenheit, die nicht mal ich habe, obwohl ich ja zu den dreien weitaus entfernter stehe, als sie untereinander. K. lächelt aus seiner reichhaltigen Peinlichkeit heraus – welcher Mann lässt sich öffentlich schon gerne bloßstellen. Später am Zaun, als ich schon gehen will, erzählt mir R., dass K. in Abhängigkeit zu S. steht, er als Künstler verdiene kaum Geld, und sie bezahle ihm seine Lebensmittel. Ich staune. Dass sich jemand überhaupt auf sowas einlässt? Wir besprechen das hohe Aggro-Potential des Ex-Pärchens, ich wische mir den Schweiß aus der Stirn, denn eine Hitzewelle hat mich erfasst, die nicht allein vom Sonnenstand kommt, sondern weil ich die gegenseitigen Abhängigkeiten durchschaue, und das stresst mich, verdammt.

S. hätte sich nach K. ordentlich die Hörner abgestoßen, bevor die beiden Frauen zusammenkamen, das hatte R. schon mal so gesagt und ich frag mich, welche Hörner, sagt man das nicht bei Männern, das Horn, aber wir sind ja hier im lesbischen Umfeld, und da kenne ich mich nicht so aus. Als einziges Zugeständnis an die Emanzipation benutze ich mit großer Konsequenz die weibliche Form, das machen noch nicht mal alle Lesben (Lesbierinnen). Wie und an wem sich S. die Hörnchen (Hörnerinnen) abgestoßen hat, weiß ich nur zu gut: Praktisch an der halben weiblichen Bewohnerschaft dieses Hauses (in dem auch ich lebe, ich schrieb schon mal darüber. Seitdem hat S. hier Hausverbot.).

Lustig ist auch, dass sie wegen des Hundes oft an meine Bürokollegin gerät, der laut Vermieterin im Hinterhofgarten der Kollegin, an dessem südlichen Teil wiederum K. sein Atelier hat, frei laufen darf und sofort und ungebremst auf die hübsche Terrasse der Bürokollegin läuft, die Katzen verscheucht und ihnen das Futter wegfrisst. So klein ist die Welt. Da wechseln lustige Argumente ihre Besitzerinnen: Die Vermieterin hat mir aber erlaubt ... du hast aber den Hund nicht unter Kontrolle ... ach, die Katzen haben doch keine Angst ... und (zu mir) wenn die noch einmal, dann ... undsoweiter.

Tja, ich habe also Freundinnen, sie sich untereinander nicht ausstehen können, was sagt das über mich? Das stimmt nicht, ruft die Busenfreundin, als ich ihr davon erzähle, zum Beispiel, äh, wie heißt sie noch, die Gärtnerin finde ich süß und die Leserin mag ich auch. Dass die Leserin die Busenfreundin nicht sonderlich leiden kann, lass ich lieber unerwähnt.