Am milden Abend sitze ich im Fenster des Badezimmers, kann den Innenhof überblicken und den Abendvögeln lauschen. Es ist nicht richtig bequem, so halb auf der Kante, und wahrscheinlich sieht es von unten ziemlich gefährlich aus. Ich nutze aber für diese Gelegenheit einen leichten Rechtsdrall, und falls ich fallen würde, dann direkt vor die Badewanne auf den Kachelboden. In den Wolken ist eine bloße Stelle, die den Mond frei lässt. Die vielen Fledermäuse, völlig lautlos, kommen sehr nah. Soeben hat die Nachbarin, Mutter des Schulkindes, das Fenster der Küche geöffnet und ich höre sie und ihren Mann miteinander kommunizieren. Sie haben so eine schnelle Art des Sprechens kultiviert und gewöhnlich reden beide gleichzeitig. Vorgestern bekam ich einen kleinen Grafik-Auftrag. Bis ich begriff, welche Art Dienstleitung ich zu erfüllen hätte, verging ungefähr eine halbe Stunde, in der er mir ausführlich erklärte, wie er ein Klavier derart umgebaut hätte, damit es zwar weiterhin analog aussieht, aber elektronisch verstärkt ist. Es möchte Straßenmusik damit machen, das ist in dieser Stadt nur akustisch erlaubt. Das merkt keiner, sagt er.

Seltsamste Vorgaben bestimmen unsere Leben. Eine Trickfilmerin (für Kinderfilme) erklärte mir die Richtlinien klimafreundlichen Arbeitens, um dieses filmförderungswürdig zu gestalten. Dieses Konstrukt beeinhaltet das Nutzen von Elektroautos/-Taxis und teuerem Ökostrom, einem veganen Tag pro Woche für etwaige Angestellte und weitere nachzuweisende und sehr kostenintensive Vorschläge auf 14 Seiten. Meine Frage, ob sie ohne Filmförderungen ertragreicher arbeiten könne, sei unmöglich zu beantworten.

Als ich mit der Gärtnerin auf einen Kaffee draußen war, kamen plötzlich alle vorbei. Die Tattowiererin vom Wäschewaschen, der Bildhauer vom Zahnarzt, die Genesene mit dem Hund und meine alte Bürokollegin, um den ausgefüllten Vordruck für Gas und Strom zur Post zu bringen. Ich empfand eine schöne Lebendigkeit unter den Freunden, während uns stechend die Sonne beschien.

Ich war der festen Überzeugung, ein Buch vorbestellt und per pp bezahlt zu haben, sein Erscheinungsdatum ein paar Tage später. Als ich heute nachsah, war in den Kontoauszügen nichts davon zu sehen -- ich hatte mich schon gefreut. Es ist ein Buch des niederländischen Gestalters und Rad-Weltreisenden Martijn Doolaard. Eine vierteilige YT-Serie zeigt ihn erzählend seinem Buch Two Years On A Bike blätternd und einige der kurzen Filme, die er unterwegs aufgenommen hat. Anscheinend besitzt er eine per GPS steuer- und irgendwie programmierbare, sehr hochfliegende Drohnenkamera, die hinter ihm hergleitet, einmal während er als winziger Punkt die unendliche Salzwüste durchquert. Seine bildnerischen Fähigkeiten sind herausragend, dazu er selbst als in Szene gesetzte Figur -- nie peinlich oder eitel, sondern voller Freude am Teilnehmenlassen. Martijns neuestes Projekt ist der Ausbau einer historischen Hütte irgendwo in den Alpen, filmisch begleitet. Wunderbar meditative Stücke, mit Schönheit, positiver Weltsicht und Geduld. Empfehlung!