Donnerstag, 21. September 2017
Air Berlin ist pleite und meine Tickets nach Indien verfallen ersatzlos. Swami versucht mich zu überreden, neue Buchungen zu machen, z. B. mit Swiss Air oder über Moskau. Meine Güte. Ich hab’s satt zu reisen, ehrlich. Was finde ich dort, das es hier nicht gibt? Die Argumente, die Swami für die Reise vorbringt, gefallen mir nur zum Teil nicht. Vielleicht ist es auch die Art, wie er sie mir vermitteln will, die mich endgülig abschreckt. Meine Entscheidung, auf die Reise zu verzichten, fällt in wenigen Augenblicken, ohne den geringsten Zweifel und so will ich sie auch lassen. Als ein Zeichen, nicht zu fahren. Ob man denn überhaupt fähig sei, Zeichen richtig zu deuten, fällt Swami mir auch dazu ins Wort. Tja, wenn ich so daran ginge, könnte ich gleich alles in Zweifel ziehen. Was ich auch tue.

Ein Abschied, oder? Mit aller gebührenden Trauer während des ernüchternden Rückblicks auf die letzten 13 Jahre. Eine andere Art von Zweifel befällt mich – an Swamis Vorbildfunktion, an der Wissbegier, die auch nur eine Art von Gier ist, ein Zweifel am spirituellen Ziel, das im Licht der Ewigkeit albern erscheint. Meditationstechniken? Braucht es wirklich eine Technik, um sich mit dem Absoluten eins zu fühlen? Ob mein natürliches Drängen nach Wahrheit unter all dem theoretischen Wissen und den Techniken verloren ging? Ich fürchte wohl.




Samstag, 16. Mai 2015
So als würde die Persönlichkeit verschwinden zugunsten einer Beobachterin, die wahrnimmt ohne zu bewerten. Die Aufgaben meistert und Resultate gelassen nimmt. Es gefällt mir, wie die Schwere nachlässt – ja, da ist noch Gefallen, warum auch nicht. Und als wollte ich Vergangenes auslöschen, werfe ich ein letztes Mal den Diaprojektor an und betrachte hunderte Bilder, wähle nur einige aus jedem Magazin zur Bewahrung aus, vornehmlich Portraits von lieben Menschen, die man vielleicht in zehn Jahren gern noch einmal ansieht, vielleicht aber auch nie mehr. Die anderen kippe ich aus in eine Plastiktüte – später werde ich ein Räucherstäbchen anzünden, wenn ich sie in den Müll bringe. Als nähme ich einen Abschied vorweg. Und bleibe doch, befreit.




Sonntag, 3. August 2014
Hin und zurück, dauernd, zum See, zum Garten der Ausstellung, in den anderen Stadtteil zur Wohnung des Bildhauers, hier übernachten oder da, mit vielen Menschen gesprochen und Martinis auf Geburtstagen getrunken, hin und zurück, durch die Natur, durch die Straßen, und dabei dieses Glühen und ein großer Wunsch, bei irgendwo-er Ankunft sofort unter die Dusche zu springen und dort zu weilen und sich mit frischen Getränken versorgt zu wissen. Kaltauszüge von Minze und Brennessel, oder Zitronenwasser, ab und zu Bier und zum Essen Pommes Schranke nach dem Schwimmen, wo Frauen ihre Esel ausführen, Männer auf Brüste glotzen, und Mücken und Bremsen rote Flatschen an Armen und Beinen hinterlassen, nicht nur das – am Hals trage ich einen Knutschfleck als wäre ich 17.

Bin 17 und habe einen tollen Freund. Man kann tatsächlich vieles nachholen, trotz Zeichen des Alters an unseren jeweiligen Körpern, trotz grauer Haare und leiser Erschöpfung, weil Sich-Kennenlernen ist irgendwie echt anstrengend, wenn man probiert, wie sich die andere Person ins Leben fügt, und all das Gelächter, wenn es das tut, über kleine und umso schönere Vorlieben und Vorgefundenes am anderen. Wir lesen uns gegenseitig Die Höhlenkinder vor bis wir einschlafen und es ist berührend, dass der Bildhauer eigentlich der Peter des großen Naturromans aus den 20er Jahren ist, der Gegenstände sammelt, Steine, Pflanzen, Knochen, und Hölzer schnitzt, um alles miteinander zu anderen, künstlichen Formen zusammenzufügen, zu bemalen und die Schätze seiner Eva zu zeigen und ich stehe staunend und befühle jeden Grat, jede Erhebung, jede glatte und rauhe Fläche, sehe Rotorange leuchten oder Hellgrün, der ganze Mann strahlt dann und ich auch.

Wir hatten festgestellt, dass wir die gleiche Hochschule besucht haben, sogar zeitgleich, er länger, ich kürzer und während meiner gesamten Zeit des Glücks dort überlappten wir uns unwissentlich; auch an anderen Orten von gemeinsamen Freunden. Heute waren wir im alten Hinterhof, wo die Studierenden ihre Objekte behauen hatten, der liegt verwaist, denn die FH ist vor Jahren schon aufs Messegelände gezogen. Wir finden Reste und auch den obligatorischen Grill und ich nehme einen kleinen Lehmziegel als Andenken. Ich erinnere mich an ein großes schwarzes eiförmiges Objekt, das dort stand; mir war nicht geheuer, was der Künstler damit bezwecken wollte und ich kam mir dumm vor in meiner Unkenntnis etwaiger Konzepte – es war von ihm. Ein schwarzes, bös' aussehendes Ei, so ganz anders als seine fröhlich-sinnlichen Objekte, die jetzt seine Räume beseelen. Ich vergleiche alte Fotos in seiner Küche mit meinen Erinnerungen, da ist ein schwacher Klang, aber nichts Konkretes. Sein Gesicht ist mir trotzdem Freund.




Donnerstag, 15. Mai 2014
Es ist betrüblich, wie wenig Geld ich für die CDs bekommen habe. Bei momox hab ich zuvor Preise angetestet, da gibt es bloß Cent-Beträge. Für Phil Collins und Alanis Morisette nichts bzw. die werden erst gar nicht genommen. Netter Versuch, lieber packe ich den Plastikkram in den großen Rucksack und versuch's damit beim nahegelegenen An- und Verkaufshaus. Nachdem der Mann hinter dem Blechtresen die Scheiben durchgesehen hat, krieg' ich 100 Euro auf die Hand. Ungefähr ein Viertel der CDs nehme ich wieder mit nach Haus, ich hab nicht gezählt. Den Rest stelle ich in einer Tüte an die Straße, nach knapp einer Stunde ist sie verschwunden.

Und mit ihr die Erinnerungen an eine Zeit. Heimliche Affäre mit dem Appetitlichen. Wollte ihm nah sein über die Musik. Nicht mit Herrn Collins oder Frau Morissette, das war noch vor seiner Zeit, aber mit dem Britpop-Zeugs. Wir beide seit ewigen Zeiten Beatles-Fans, sentimentale Gespräche über Texte und Melodien in der WG-Küche, nebst eifersüchtiger Busenfreundin. Da waren sie noch zusammen. Erst nachdem wir alle auszogen und jeder allein wohnte und etwas Ruhe eingekehrt war nach der bescheuerten Trennungsphase, kamen der Appetitliche und ich uns näher, diesmal auch körperlich. Eine dieser anstrengenden Liebesgeschichten, wenn man überhaupt von Liebe sprechen konnte. Zuneigung sicherlich, Begehren auch; aber die anderen Frauen in seiner Warteschleife machten mich fertig. Ich verkaufte mich deutlich unter Preis.

Hinzu kamen die Ausgaben für die CDs. Jetzt will ich nichts mehr davon hören. Wir hatten gemeinsame Lieblingsplatten, Travis, Blur, eine Zeit mit Aimee Man (wird die so geschrieben, ich hab nichtmal Lust nachzusehen). Einmal, die Sache mit den Keksen – es stellte sich heraus, dass da nicht nur Hasch drin war, wir hatten Writing to reach you als Schleife laufen. Stundenlang, und sehr laut. Arme Nachbarn. Durch die Kekse landeten wir wer weiß wo, das war nicht so richtig schön, tolle Farben zwar, am Ende eine Ernüchterung. Danach gingen wir ins Bett.

Von Chaos war die Zeit getränkt, aufregend durch die Heimlichkeiten, oft vergaß sogar ich uns, wenn wir mit den anderen unterwegs waren und nichts darauf hindeutete, dass wir ... naja, wie sagt man das jetzt – heimlich fickten, hört sich cool an, so als bedeutete das nicht viel. In Wahrheit war ich erschreckend süchtig danach. Eine erregende Mischung aus Aufmerksamkeit, guten Gesprächen, gemeinsamem Musikhören und Akte X schauen und dem unweigerlichen Aufeinandertreffen unserer Körper im zweiten Teil der Nacht.

Wenn er nicht bei mir war, gab es die Musik, die alle Gefühle nochmal hochkochen ließen. Vorranging waren das wohl meine eigenen Empfindungen – in dem romantischen Garten meiner Selbst wucherten sie vor sich hin, um sich bedürftig am Appetitlichen festzukrallen. Schrecklich. Aber so ist es wohl oft mit der Liebe. Alles bloß Projektion.

Musik und Gefühle hängen eng zusammen und die CDs, die ich nun an die Allgemeinheit zurückgegeben habe, waren Symbol und Ausdruck dieser oft so unseligen Mixtur. Jetzt sind sie weg. Behalten habe ich Beatles, Blur, Oasis, Graham Coxon und ein paar andere Perlen des Brit-Pop. Jene gefühlsunbelasteten Zeugen meines Lebens, als ich noch bzw. wieder ich selbst war. Passen in zwei Schubladen. Das ist echt schön.




Dienstag, 11. Februar 2014
Ja, liebes Tagebuch. Du siehst mich hier in einer seltsamen Verfassung beim Vata-Tee. Ich hatte ja heute schon einen Kaffee mit der Leserin. Auf meinem Pfad der Entscheidungen bin ich nun an diesem Punkt angelangt, von dem ich dachte, ich würde ihn nie erreichen. In den letzten Monaten und Jahren habe ich vieles beendet. Nicht weil es nervt oder etwas daran falsch gewesen wäre, sondern weil es einfach zu Ende war. Aus einem intuitiven Verlangen heraus war ich ohne Zögern auf Züge aufgesprungen, die mich fort führten, bildlich gesprochen, und habe wieder andere Züge fahren lassen – mit einer Leichtigkeit, die mich selbst überraschte.

Eigentlich wollte ich ein bisschen über Woody Allen schreiben (ohne zu dem Drama nun auch noch mein Fett dazugeben zu wollen). In der zweiten Hälfte meiner 20er, als ich studierte, hegte ich eine äußerst romantische Liebe zu ihm. Während einiger Semester rund um das Vordiplom hatten die meisten meiner Arbeiten ihn zum Thema, ob Buchtitelgestaltung, Portraitzeichnen, Plakatillustration, Verpackungsdesign, alles was ging. Sehr auffallend wohl, aber mir wenig peinlich. Vielleicht belächelte die Lieblingsprofessorin auch meine Hingabe. Ich besaß alle Bücher und Magazine, die es von und über ihn gab, ich bestellte mir sogar Drehbücher aus New York. Einmal schrieb ich einen langen Brief an ihn, den ich aber nie abschickte. Der Altersunterschied war durch meine zeitversetzte Entdeckung der Filme bzw. seiner Person eher unwesentlich.

Irgendwann war das vorbei, wahrscheinlich im Verlauf des Trennungsdramas Farrow gegen Allen Ende der 80er. Da wusste ich nicht, wem ich Glauben schenken konnte. Ich fand auch Woodys Filme nicht mehr so interessant, vielleicht fehlte mir mehr und mehr das Metaphysische oder die Witze darüber, vielleicht wurden die Themen der doch viel älteren Protagonisten mir ferner, und die meisten Filme nach Hanna und ihre Schwestern habe ich nicht gesehen, schon gar nicht, als er selbst nicht mehr mitspielte.

Vor ein paar Tagen, als Dylan Farrow ihre Vorwürfe erneut erhob und Woody darauf mit seiner Sicht der Dinge reagierte, begann auch ich wieder, hinter ihm herzuforschen. Er ist alt geworden (bloß drei Jahre jünger als meine Mutter), meine Liebe war ja nun auch schon ein Vierteljahrhundert her. Ich schaute mir alte late-night shows an, und Manhattan und Annie Hall in OF, und habe sie sehr genossen. Die Hummerszene in Annie Hall scheint mir wie aus dem echten Leben, Diane und Woody lachen ausgelassen ob ihrer eigenen Scherze. Und Paul Simon ist toll, George Gershwins Musik in Manhattan, die Szene, als er auf dem Sofa liegend in den Cassettenrecorder spricht, was sein Leben lebenswert macht. Die Dialoge aus Manhattan kenne ich fast auswendig, und die Originalfassung hat mich umgehauen. Vor zwanzig Jahren hätte ich kein Wort verstanden. – Ach, und da fällt mir noch ein, dass ein damaliger Freund, den ich beinahe zwingen musste, sich den Film mit mir anzusehen, unglaublich eifersüchtig wurde, weil ich offensichtlich viel mehr in love mit Woody war als mit ihm, der neben mir saß und jedes Lächeln und jeden meiner sehnenden Blicke auf die Leinwand beleidigt registrierte.

Liebes Tagebuch, jetzt habe ich mich gerade in der Erzählung verloren. Ich denke, du weißt, was ich dir berichten möchte. Ja genau, es geht gar nicht um Woody Allen. Sondern um die Vorbilder, die männlichen, um das, was sie zu sagen haben, das was ich davon befolgt und gewonnen habe. Und dass ich sie alle nach und nach verlassen musste, in dem Moment als ihre Botschaft in mir keimte und dann aufblühte. Du weißt, die berühmte Anweisung, den Buddha zu töten, wenn man ihn trifft.

Was ich übrigens damals nicht verstanden habe. Aber jetzt. Es gehört mehr Mut dazu, als ich dachte und noch zögere ich eine Weile.




Samstag, 21. September 2013
Diesmal ist es schlimmer denn je. Ich fühl mich wie das Häschen in der Grube, das saß und schlief. Streit mit der Busenfreundin, der mich zurückführt in die Jugendzeit – zwischen den regelmäßig aufkommenden Wutanfällen meines Vaters, nach denen die Welt sich für ein paar Tage anfühlte wie untergegangen, wieder Wochen des halben Frohsinns mit vorsichtigem Vertrauen, dass das Schlimme nicht wieder passieren würde. Dann plötzlich aus heiterem Himmel, ich ein Kind und ein Mädchen, das Liebes will, seine Wut, seine verheerende Zerstörung des mühsam wieder Aufgebauten. Schreib ich dies, kommen wieder Tränen, so weh tat es. Die Busenfreundin, selbst mit einem cholerischen Vater – wegen eines Witzes, den ich danach noch dreimal extra als Witz ausgezeichnet hatte, aber sie hört nicht auf mich, gerät sie so in Wut, dass einige bitterböse Mails zwischen uns hergehen, die ihren lang mit unsinigen Argumenten und Rechtfertigungen, in der Erregung gespickt mit Fehlern, senden ohne nochmal drüberzulesen, meine Antworten kurz und auf dem Punkt ihrer diesmaligen Schuld, innerlich wütend über die Unterstellung einer bösen Absicht, und dann zum ersten Mal sage, schreibe ich: Du tust mir weh!

Ich brauchte die ganze Woche oder noch mehr, um mich halbwegs von der Attacke zu erholen. Es ist mir unmöglich, ihre Annäherungen zu akzeptieren, sind wir wieder gut, ruft sie mich an, ich bin gerade beim Frühstück und möchte jetzt nicht sprechen, eine SMS zum gemeinsamen Abendbrot, ich komme nicht, schreibe ich zurück, sie auf der Mailbox, sie führe jetzt zum Dalai Lama, was soll ich antworten, der Dalai Lama ist mir egal.

Ich schlafe viel und bemühe mich zu fühlen. Wenn ich davon erzähle, wird mir schlecht, ich träume, dass ich ihr ins Gesicht schlage, immer wieder, sie grinst nur und merkt nichts, wie oft hatte ich diesen Traum mit meinem Vater, unzählige Male drischt meine Faust auf seine Nase, seine Stirn, seine Augen, seine Lippen ein, treten meine Füße in seinen Bauch. Er bleibt bewegungslos.

Ich habe ihm nie gesagt, dass er mir weh tut. Du kannst mir gar nichts, sollte ein Zeichen von Überlegenheit sein. Die es nie gab. Sein Handeln war ungerecht, unangemessen und blieb unverständlich. Ja, die Ungerechtigkeit und die Grundlosigkeit seiner Wut waren am schlimmsten, ich habe doch gar nichts getan! Sieh mich an, ich bin dein Kind, wie kannst du so wütend sein, wenn du mich angeblich liebst?

Die Busenfreundin hat sicher Ähnliches erfahren mit ihrem Vater und möglicherweise ist genau dies, was uns verbindet. Ein grundlos wütender und um sich schlagender Vater, verbal oder tätlich. Umso schlimmer, dass wir uns ebenso verhalten. Dieses Mal hat sie seine Rolle eingenommen, perfekter denn je, und genau deshalb endlich durchschaubar.

Wir werden miteinander reden (müssen), aber jetzt kann ich das nicht.