Freitag, 22. November 2019
Da das hier immer so in Zyklen abläuft, kann ich nie sagen, ob ich endgültig durch bin durch Sachen. Oft sind es nur kleine Schritte, die sich dann wieder ähnlich anfühlen wie andere kleine Schritte, welche das Gehen langweilig machen. Nach einem rauhen Wochenende mit meiner Schwester Dudi und intensiven Aussprachen ist es nun wieder stiller hier in meinem Refugium. Das Arbeitszimmer befindet sich jetzt im Zustand einer Werkstatt, wenn dann wieder Aufgaben am Rechner zu erledigen sind, räume ich Garne und Werkzeuge in ihre Schubladen, wische Flusen fort und stelle den Bildschirm auf den leeren Tisch.

Unsere geschwisterliche Zweckgemeinschaft, die einen regelmäßigen Besuch Dudis bei mir und hauptsächlich bei der kleinen Mutter vorsieht, geht uns beiden gehörig auf die Nerven. Unsere Gespräche wirken aufgebracht und unzufrieden, wir treffen uns ja nicht, weil wir uns so gerne treffen. Obwohl wir uns natürlich liebhaben, das kann man aber auch per Telefon, alle einzwei Wochen. Ich beschwere mich, dass sie sich komplett gehen lässt, mental, emotional, auch körperlich, so als wäre ich Herd für alle gesammelten Probleme der letzen 60 Jahre. Ja, sie wird 60 nächste Woche, und auch sie hat das Gefühl, ihr liefe die Zeit davon. Es ist eng in ihrer Nähe, und ich kann nicht klar denken, so als wäre alles vollgestopft mit Bedürfnisbefriedigung auf niedrigstem Niveau – Essen gehen oder shoppen, Gedankenkreise um den doofen Mann, aus Erschöpfung schlafen müssen, Filme schauen. Diese Geistesenge macht mich aggressiv, um das zu mildern, bin ich einfach muffelig, willst du jetzt den ganzen Tag so weitermuffeln, weht es mich mitten auf der Fußgängergrünphase roh an und ich sage, ich will nur einfach rüber. Sie geht so langsam, das macht mich fertig.

Am Ende des überaus dramatischen Auseinandersetzens erkennen wir, dass es uns beiden nicht gut tut, weiterhin in dieser Art und Weise zusammenzukommen und wir beschließen, das ganze erstmal auszusetzen. Dass sie mir bei der Sorge ums Mütterlein keine Hilfe ist, sondern dass sich meine Sorge/Wohltat komplett auf sie verschiebt, ist nun uns beiden deutlich, wir konnten ehrliche und auch traurig-trennende Worte finden. Haben aber gleichzeitig keine Ahnung wie es weitergehen kann. Dudi im Hotel um die Ecke? Ich weg im Urlaub/Kloster, während sie bei mir ist? Keine Ahnung.

Am gleichen Wochenende sahen wir im TV diesen Hannah Arendt-Film. Ich wusste fast nichts von der großen Denkerin. Frau Arendt wird gespielt von Barbara Sukowa, an ihrer Seite Axel Milberg als Ehemann mit angeklebten Augenbrauen. Wie ich diesen Film verschlinge mit allen Sinnen! Wie sich plötzlich, fast körperlich, Räume öffnen, mir wieder klare Gedanken zuströmen, wie sich endlich der Dudi'sche Nebel hebt! – Im Anschluss finde ich noch das Gespräch Arendt/Gaus, das wie frisches Quellwasser mein Innerstes ausspült (so müssen Menschen nämlich miteinander reden) und ich bin wieder ich. Wie ich das unpersönliche Denken liebe und das reine Betrachten aus der Ferne. Hier bin ich zuhause. Ich hatte es bloß vergessen.




Freitag, 28. Juni 2019
Ich hatte dies alles als mein persönliches Scheitern hingestellt. Es blieb nicht allein beim Schuldgefühl – das ja vielleicht so eine Art Schwelen bedeutet, an dem sich noch arbeiten lässt – nein, das Scheitern hat ganz andere Maße, es ist ein abgeschlossenes, endgültiges, unveränderliches. Für alle Zeit. Wie ich mir aneignete, das gar nicht meines ist. Wie die Mutter vor sich hinstarrt und ich denke, es hätte etwas mit meinem Fehlen zu tun. Wie ich versuche, es gut zu machen und wieder heil. Und wie ich nur langsam/langsam erkenne, dass das gar nicht geht. Möchte meinen, das sei klar, aber mir war das im tiefsten Herzen nicht klar.

Das Eigene. Das etymologische Wörterbuch zeigt dazu eine Reihe von verwandten Wörtern, von leibeigen, eignen über an- und enteignen. Ich möchte mich nun gerne enteignen. Ich eigne mich gut dazu.

Auf dem Balkon mit der Busenfreundin. Sie läuft hin und her, sobald ich was längeres sagen möchte, aus der Rufweite heraus, zum Kühlschrank, der im Arbeitszimmer steht, weil in der Küche kein Platz ist. Wieder versuche ich, ihrem Ansammelwunsch auf den Grund zu gehen. Man kann die Dinge noch benutzen, wieder- und weiterverwerten. Zu was, frage ich. Das Aufräumen des Elternhauses geht nicht voran, sie streitet sich mit ihren Brüdern, die ebenfalls undurchsichtige Leben führen mit unheilbaren Krankheiten oder Geldmangel bzw. gewissem Wohlstand, je nachdem. Ich versuche mich rauszuhalten so gut es geht. Es ist ja ihres. Zum Gefühl, zum ursprünglichen Bedürfnis des Sammelns gelangt sie nicht. Ich schon, es trägt zu meinem wilden Wunsch, mich zu enteignen, nur weiteres bei.




Sonntag, 16. Juni 2019
Der beliebte Tambour Phil Collins (Ex-Genesis) ist zur Zeit auf den Bühnen anzutreffen. Da ich bereits vor ca. 15 oder 20 Jahren auf einem seiner Konzerte war – das ist wirklich noch nicht sehr lange her – habe ich mir diesmal den Eintritt gespart, konnte ich ihn doch durch meine Wohnung wehen hören, so nah war er. Bei der Rückschau stellte ich mit wundem Herzen fest, dass das Musikerlebnis um Genesis bzw. Phil Collins – im Gegensatz zu den Beatles, die meine eigene Band sind – immer gefärbt war von obskuren Liebesgeschichten. Die schlimmste, an die ich mich erst gestern wieder erinnern konnte, fand im Länderaustausch D/NL statt; ich verknallte mich blindlings in einen guten Freund meiner Schwester. Es war Face Value, die Dudi über Stunden in Dauerschleife spielte, während ich auf das Ende des Abends/der Nacht wartete, in der ich G. ins Bett bekommen sollte. Es lief auf eine dieser qualvollen Dramen hinaus, die eine Weile typisch für mein Liebesleben sein sollten und hier nur kurz als hinter Männern herlaufen benannt werden kann. Then there were three wiederum bezeichnet jene unerquickliche, ähm Sache mit M., der sich sofort in die Bestefreundin verliebte, was ich aber erst später begriffen habe. Erst bei Duke wurde es besser, ich hatte die Platte (Jahre später) wegen des Covers gekauft, die Zeichnung gefiel mir. Bestes Stück Behind the lines.

Vieles wieder und neu gehört, Alben, clips und live-Auftritte bei utube – so verbrachte ich die kühle Mondnacht, die meine ganz eigene war.




Dienstag, 8. Januar 2019
Von Nord kommt der Sturm und lässt Fenster und Kamin brummen. Jetzt soll eine Zeit des Rückzugs sein. Nächste Woche begebe ich mich wieder nach Bursfelde. Im letzten Jahr war ich dreimal dort einquartiert, einmal mit G., einmal mit dem Bildhauer und ein weiteres Mal mit beiden. Mit G., die in einer Sufi-Tradition meditiert, führe ich die kleine Meditationsgruppe weiter, die ich mit der Buddhistin begonnen hatte. Mit dieser habe ich fast das ganze Jahr keinen Kontakt mehr gehabt. Ich kann nur ahnen, was sie bewogen hat, unsere Kameradschaft zu beenden, und ich merke, dass mich unsere Stille erleichtert. In der Rückschau erkenne ich, wie sehr wir aneinander vorbeigeredet haben in dem Sinne, dass meine spirituelle Absicht mit ihren psychosozialen Selbstoptimierungsbemühungen unvereinbar waren. Diese Gespräche waren sehr anstrengend und haben mich oft schlaflos zurückgelassen, weil ich keine Lösung finden konnte. Weil es keine Lösung gab.


Das Kloster Bursfelde liegt einsam an der Weser auf der Höhe von Göttingen. Die romanische Kirche feierte im letzten Jahr ihr 925-jähriges Bestehen, und da weder Krieg noch geografisches Geschiebe des Urstromtales dem Gebäude etwas anhaben konnten, ist es, bis auf hölzernes Dachgestühl und Glasfenster, wohl im Originalzustand. Alte Fresken wurden freigelegt, es gibt eine Ost- und eine Westseite unterschiedlicher Bauphasen, einen Innenhof und anliegendes Gelände mit Pilgerherberge, Fischteich, Obstbäumen, Blumenbeeten und Schafsweiden. Der Pastor wohnt mit seiner Familie in einem Nebengebäude, auf das man schaut, wenn man sich unterm Dach völlig selbstbestimmt einmietet in der sogenannten Oase, mit schönen Zimmern nebst Dachbalken und hübschen Holzmöbeln, dazu eine vollausgestattete Küche für Selbstversorger, in der der Bildhauer uns schon manchen Apfelkuchen gebacken hat.

Hinter der Wiese fließt die Weser, gleichmäßig und unerschöpflich. Beim letzten Abendgang an ihr Ufer hegte ich oft einen Gedanken, ob der Fluss weiterfließt oder, ökologisch wassersparend, über Nacht abgedreht würde, so als wäre fließendes Wasser ohne Nutzung oder Betrachter reine Verschwendung. Tatsächlich bewegt mich auf eine unergründliche Weise die Idee, dass ein Fluss überhaupt fließt, als ein eigenes Wesen, das sich dort durchs Bergland windet.

Im Seitenschiff des östlichen Gebäudeteils markiert ein großer handgewebter Wollteppich einen Meditationsbereich. Dort habe ich Stunden gesessen, mich selbst belauscht oder die Atmosphäre und den ganz eigenen Klang der Kirche – es ist eine Art Raum-Rauschen, das das Körpergefühl erweitert und ehrfürchtig macht. Das Glockenläuten hingegen erzeugt neben seinen Klangwellen ein hölzernes Rumpeln mit einer Ahnung des Gewichts, das auf den Glockenstuhl einwirken muss. Wenn dann alles ganz Stille war, kein pilgernder Besucher sich lauthals über die Historie des Ortes ergehen muss, dann habe ich ab und zu ein hauchwinziges Beben im Boden spüren können. Ein Moment größter Intimität mit dem Ort und der Stelle, an der mein Körper ihn berührt. Ich saß dort mehrmals am Tag lange mit großer Mühelosigkeit und leichtem Herzen.