Freitag, 24. April 2020
Zwischen Euphorie und ängstlichen Vorstellungen hin- und herpendelnd; allerdings hatten die Ängste überwogen. Nach der Osterpause wieder zum Gespräch. Mit dem Rad durch die Stadt und den Wald. Mir scheint, der Verkehr hat seit dem letzten Mal sehr zugenommen, ich sehe Jogger auf der Hauptstraße ihre Lungen überlasten. Mein Kalender zeigt eine zu frühe Uhrzeit, eine Stunde ist zu überbrücken. Im dortigen Bioladen werde ich von einem maskierten (ob ich nächste Woche auch so aussehe?), wie mir scheint boxkampferprobten (so sehe ich dann wohl doch nicht aus) Verkäufer angeraunzt, ich solle doch hinter die Linie treten (diesen Satz muss ich hoffentlich niemals zu irgendwem sagen). Um das Franzbrötchen zu bezahlen, muss ich doch über die Linie treten, ein Irrsinn. Wie mir scheint. Es scheint alles nur, es ist es nicht richtig.

Die Therapeutin lässt mich ausweinen, Angst und Mut- und Ziellosigkeit zugeben und eine große allgemeine Erschöpftheit. Überhaupt aber scheint das reine Aussprechen, liebevolle Ansprechen, Ansehen dieser lastenden Gefühle bereits das Heilmittel zu sein. Wir machen eine meditative Übung mit Licht, ich liege dabei auf einer hübschen, wertvoll wirkenden Decke, die sanftes Umfangensein fühlbar machen soll. Später am Tag gehe ich leicht und unbeschwert zum Einkaufen, scherze mit Verkäuferinnen und alles erscheint, tatsächlich, in einem anderen Licht.

Ich hatte zu viele Sachen geschaut, ich war neugierig und wollte (mal wieder) die Wahrheit herausfinden. Wie ist es denn nun um diesen Planeten bestellt? Alles zu Ende? Müssen wir jetzt alle sterben? Ich fand Geschichten und Meinungen, die mir gefielen und welche, die ich nicht teilen konnte. Ich fand Schönes, Zukunftsweisendes, Tröstendes. Und ich fand Schauderliches, Abgrundböses. Die Frage, ob das Böse wahr (bzw. eine eigene Realität hat als Opposition oder nur in das Wahre eingehängt) ist, wird kontrovers diskutiert, von Philosophen, Gläubigen und Atheisten, von Yogis, Buddhisten, von dir und mir. Die Therapeutin schlug vor, dass es die eine Wahrheit nicht gäbe, vielmehr säße jeder in seiner eigenen Blase. Als Arbeitshypothese für den Tag ok, aber letztlich scheint mir eine absolute Wahrheit wahrscheinlicher.

Der Bildhauer und ich waren an der Weser, vorbei an einem Ort, den Th. Zigarettenpause genannt hat. Die Erinnerungen mischen sich sich mit den jetzigen Eindrücken (der Bildhauer raucht allerdings nicht, hat aber Kaffee und Käsekuchen dabei), das ist irgendwie sehr schön. Meist waren Th. und ich gern bei ebensolchem Sonnenwetter mit dem Krad unterwegs; vis-à-vis AKW steht das Fährhaus, vor 20 oder mehr Jahren war es ein geducktes Fachwerkgebäude mit einem fast einsamen Biergarten unter alten Bäumen, dazu Wurst- oder Käsebrot mit Gürkchen und einem schönen Bier. Jetzt wird dort ein weiteres, bestimmt doppelt so großes Haus danebengestellt, der Parkplatz wirkt wie ein eigenes Ereignis und reicht für die Vielen, die da kommen sollen; früher stellte man das Auto irgendwo an die Straße. Der Bildhauer mag nicht bleiben und auch ich finde den Ort nicht mehr reizvoll. Zurück nochmal kurz in die Erinnerung an ein stürmisches, blitzreiches Gewitter vor Jahrzehnten, das ich mit Th. auf einer Bank unterm Dachvorsprung des kleinen Nebengebäudes verbracht hatte, ich zitternd, wir frierend vor Nässe, wenn jetzt das AKW hochgeht, sind wir alle geliefert.

Ich kenne das Bergland hier auswendig, aber anscheinend gibt es neu gebaute Straßen und unsere Karte ist gerade knapp oberhalb zu Ende; als ich verunsichtert das uralte Navi anschalte, führt es uns an einen Feldrand. Wir suchen den richtigen (den wahren) Weg, derweil das Navi durchdreht, weil wir seiner Meinung nach mitten übers Gelände fahren. An der Pass-Straße, die ich nicht wiederfinde, liegt eine Wiese, an der man hochsteigen muss, von dort hat man einen weiten Blick in alle Richtungen. Das nächste Mal, tröste ich uns.