Freitag, 30. Mai 2014
Ich mach jetzt auch in Büchern, und zwar in Bücher abstoßen. Meine erste Sammlung bestand aus 22 gut erhaltenen und halbwegs interessanten Exemplaren, für die mir momox knapp 65 Euro bezahlte. Eines war ein philosophisch-esoterisches von Wayne Dyer und brachte immerhin 17 Euro, kostete mich damals nur 12. Der Rest der Bücher fiel ordentlich ab. Taschenbücher bringen nur Groschenbeträge, über zweidrei Euro sind schon ziemlich viel. Trotzdem immer noch besser als ein Euro Stückzahl beim Antiquariat.

Die Qualität der Bücher im zweiten Paket war nicht mehr ganz so brilliant, schließlich behalte ich meine Lieblingsbücher und es waren nur noch einige Restschätzchen abzustoßen. Brachten 39 Euro für 31 Stück. Mehr Gutes hab ich jetzt auch nicht. Taschenbücher dürfen im Rücken keine Knicke haben und die Umschläge Gebundener keine auffallende Beschädigungen. Vieles reicht nur noch fürs öffentliche Bücherregal im Stadtteil.

Jetzt hab ich ein Fach frei und der Rest steht recht lose auf den Brettern und kippt zur Seite. Ordnung mach ich nächste Woche. Vielleicht auch mal Staub wischen. Ich erwäge die Anschaffung eines E-Book-Readers.




Mittwoch, 7. Mai 2014
Die Lesung hatte mich sehr aufgewühlt. Zurück blieb ein Gefühl von Versagen und die Frage und was ist mit meinen Talenten? Ich las mich Stunden durch die alten Dokumente des Literaturforums, das ich damals mit den anderen, auch S. war dabei, vollgeschrieben hatte. Zwölf, fünfzehn Jahre ist das her. Es hatte eher die Funktion eines gemeinsamen Blogs, das sogenannte Gästebuch eines tatsächlichen Forums für Literatur. Als dies zu Ende ging, fing Neues an, mit dem eigenen Blog, jeder schrieb für sich. Ob das eine das andere ausgelöst hat, ist schwer zu sagen. Das Gästebuch besteht immer noch, die richtig guten Schreiber, wie S., tauchen dort aber nicht mehr auf. Zurück blieben z. B. G., der weiterhin mit seiner fast unerträglichen Penetranz das Geschehen dominiert und nur wenige andere, die noch lesbar sind.

Ich habe ungefähr zwei Jahre dort mitgeschrieben. Beim Durchscrollen und Suchen lese ich hauptsächlich meine eigenen Sachen, es wäre sonst viel zu viel, ich lese S. und auch Frl. Montez, die ich von damals kenne. Meine Texte sind größtenteils Tagebucheinträge der Reise in die große Stadt und beschäftigen sich mit den Erlebnissen, die mir eine unmögliche und zugleich äußerst romantische Liebschaft bescherte.

Wir Schreiber waren im Aufbruch, damals. Wir wollten hinaus mit unserem Geschriebenen, und dass die Welt nun lesen konnte, was unsere intimsten Gedanken waren, erregte jede/n gleichermaßen. Es entstanden Freundschaften, Liebes- und andere Arten von Beziehungen, genau wie das später unter den bekannten Bloggern üblich war (hab ich mir sagen lassen). Gut gesetzte Worte waren für mich große Schätze, und ich wäre zu Vielem bereit gewesen, würden solche Worte nur für mich erdacht.

Einige meiner eigene Sachen überraschten mich gestern beim neu Nachlesen. Wie gern hatte ich das Lob dafür entgegengenommen. Es war alles drin, Beobachtungsgabe, Frechheit und ein recht reichhaltiges Vokabular, mit dem ich mir Ausdruck zu schaffen vermochte. Und vielmehr noch: das Staunen.

Natürlich fällt einem das Staunen in einer südostasiatischen Metropole leichter als zuhause, wo man jeden Bordstein und jeden Mülleimer kennt. Dort aber sah alles anders aus, die Gesichter der Menschen, die langen Hochhäuser, das Licht, die Insel selbst, auf der das schroffe Leben vor sich hinlärmte. Und die Liebe, die mich mit ihrer Zartheit einfach umhaute, nie wieder so erlebt. Beinahe ein Dutzend Jahre ist es her, dass ich losfuhr und die Erinnerung ist immer noch verdammt leuchtend.

Wo ist das Staunen hin? Ist danach dergleichen nicht mehr passiert?

Als ich ein halbes Jahr später zurückkam, verunglückte eine Freundin, die Fahrerin, mit dem Krad und starb beinahe. Ich trug schwer daran und konnte noch weniger begreifen, dass ihr geliebter Bruder kurz danach wirklich starb, ebenfalls beim Motorradfahren. Ich musste mich losmachen, das Sterben ergründen und ebenso das Leben. Nach einigen odysseehaften Ausflügen in die Esoszene landete ich schließlich nach Monaten und Jahren bei den Yogis und studierte Philosophie – Vedanta, Tantra, die alten Schriften, Meditation und begegnete meinem Lehrer Swami V.

Ich hab das schon mal versucht zu erklären, Yoga ist eine Wissenschaft über das Bewusstsein (und kein Rumgehopse, das ist nur dazu da, den Körper geschmeidig zu halten) und ebenso eine Landkarte durch die Hindernisse, die einem auf dem Weg zur Erleuchtung begegnen. Die nicht unbedingt garantiert wird, die aber klare Definitionen besitzt. Diese Landkarte ist äußerst genau und wenn du sie benutzt und mit ihr nach Innen gehst, gibt es, zumindest theoretisch, keine Fragen mehr.

Keine Fragen. Irgendwann ist wirklich alles durcherklärt, durchnummeriert, verschlagwortet, eingeordnet und durchgequatscht. Jedes Problem, jede unangeneme und auch angenehme Gefühlsregung lässt sich zurückverfolgen auf ein paar wenige Konstanten, du gehst eher und lieber in die Beobachterposition als dich mit dem Durcheinander zu beschäftigen, das menschliches Sein so mit sich bringt. Das heißt nicht, dass es gar keine Beschäftigung damit gibt, aber die Sichtweise ist eine gänzlich andere, entferntere.

Es ist etwas traurig vielleicht eingestehen zu müssen, dass die yogische Sichtweise dich des Staunens berauben kann. Die Lust, sich auf Intensives einzulassen, schwindet, weil aller Voraussicht nach das Intensive nur aus bestimmten Gründen intensiv sein wird, die du im Vorfeld klärst und deshalb ein Einlassen unnötig oder sogar unmöglich machen. Das gilt sicher für die Liebe, die Menschen so als Liebe bezeichnen, aus Gier oder Eitelkeit betrieben, und solcher Grundgefühle mehr, die wiederum aufgelistet und durchgequatscht wurden bis auf die Knochen.

Was meine Texte von damals und auch die der Anderen auszeichnet, ist die Bedingungslosigkeit, mit der wir uns einlassen und schreiben. Wir waren bereit zu erforschen, was da ist und uns nicht ruhen lässt. Da wurde gefühlt, gelacht und geweint, auch gestritten und reingegrätscht, mit einer Eindringlichkeit, zu der ich heute einfach keine Lust mehr habe. Sie würde mir nämlich die Stille nehmen, nach der es mich noch mehr sehnt.

Stimmt das denn? Ist da kein anderes Sehnen mehr? Kommt das Staunen aus der Erfüllung der Sehnsucht?

Sicherlich, jene Liebe hat viele Aspekte meiner eigenen Sehnsucht stillen können und vielleicht auch die der geliebten Person, trotzdem blieb die Liebe begrenzt – örtlich, zeitlich, alles-lich.

Wenn ich jetzt nochmal darüber lese, erstaunt mich eines: mein Staunen. Du bist der stürmische Morgen, so ganz plötzlich wehst du zu mir herüber, du Eskimoauge mit dreieckigen Brauen darüber als Segel, du Wüstenwind, der fremde Gewürze bringt aus dem Norden, du sonnenstrahlendes Lachen, du südliches Kissen, um das ich mich schlinge und dessen Goldstaub auf mir liegt den ganzen Tag. Wir unentdecktes Land.




Samstag, 22. Februar 2014

Meine neueste Kreation und diese Woche schon dreimal bereitet: Dhal-Gemüse-Bratlinge mit Dings. Sehr lecker!




Samstag, 11. Januar 2014
Wie sehr ich Märchen geliebt habe! Sie waren mein größter Schatz. Als ich klein war und noch nicht selbst lesen konnte, las mir Mama aus ihrem in rotes Leinen gebundenen Märchenbuch vor. Ich besitze es heute noch. Vorn steht ihr Mädchenname in grün verblichener Tinte und mittlerweile ist der Buchrücken etwas zerfleddert. Es wird von regelmäßig zwischengelegten ganzseitigen farbigen und vielen Illustrationen in schwarz-weiß belebt und später konnte ich die eigenartigen Buchstaben der Fraktur selbst entziffern.

Ob Märchen gut für Kinder sind oder nicht, haben einige wissenschaftliche Zweige zu ergründen versucht. Die meisten Märchen waren eine Wohltat für mein Gemüt, das noch völlig im Vertrauen auf Gerechtigkeit wurzelte, wenn das Gute stets über das Böse siegte. Aber eines hat mich verwirrt und tut es heute noch: Marienkind von den Grimm-Brüdern. (Hier z. B. nochmal nachzulesen).

Die Jungfrau Maria daselbst setzt in dieser Mär das Marienkind, das sie mit ins Himmelreich genommen hat, weil sein Vater es nicht mehr ernähren konnte, einer unfassbaren Versuchung aus: Erst wird es jahrelang mit süßem Brot und Milch verhätschelt und dann mit 14, die Jungfrau Maria muss sich auf Reisen begeben, bekommt es die Schlüssel für 13 Türen, von denen es zwölf öffnen darf, die 13. ihm aber auf Verderb verboten wird.

Natürlich, wer täte das nicht, öffnet das Kind, mit großer Angst zwar, auch die 13. Tür und sieht dahinter die Dreieinigkeit in ihrer ganzen Herrlichkeit. Maria kommt nach Hause und erkennt an dem mit Gold behafteten Finger, den das Kind nach der Tat verzweifelt zu reinigen versucht hat, natürlich sofort, dass es das Verbot gebrochen hat. Maria befragt das Kind eindringlich, es verleugnet ebenso beharrlich. Man muss den Text lesen, um mitfühlen zu können, welche große Angst das Kind hat, was es einerseits bewegt hat, ungehorsam zu sein und was es in der Folge erleiden muss, weil es seine angebliche Sünde, nämlich die Lüge, die 13. Tür nicht angerührt zu haben, leugnen muss, aus Angst vor der Strafe. So oder so, das Kind wird mit einer Vergeltungsmaßnahme bedacht, die schlimmer nicht sein kann, es wird, verstummt, auf die Erde zurückgebracht, die Kinder, die die junge Frau bald darauf mit einem Königssohn hat, werden ihr weggenommen und sie landet als vermeintliche Menschenfresserin auf dem Scheiterhaufen. Es ist wiederum Maria, die sie vom drohenden Tod erlöst, als Marienkind endlich ihre Tat zugeben kann.

Die verwirrenden Hintergründe dieser Geschichte waren als Kind für mich nicht zu durchschauen oder gar zu benennen. Es war eher so, als hätte ich sie als Bedingung bedenkenlos angenommen. Immerhin ist es die Mutter Maria selbst, also Jesus' Mutter, die das Kind aus der weltlichen Armut befreit und es liebevoll umsorgt. Aber just als das Kind erwachsen wird, mit 14, also wahrscheinlich pubertär und eigenwillig, geht Maria auf eine Reise – wohin muss eine Gottesmutter bloß reisen, könnte man sich fragen – und lässt das Kind mit einer monströsen Herausforderung allein, die es nicht bewältigen kann und wahrscheinlich auch nicht soll. Nun erkennen wir das andere Gesicht der Jungfrau Maria, das einer rachsüchtigen Frau mit unbegreiflichen Erziehungsmethoden und doppeldeutigen -zielen. Was sie ihrem Ziehkind antut, ist äußerst grausam und könnte seinen Tod bedeuten. Und allein sie hat die Macht inne, es davon zu befreien!

Warum macht sie das? Die Motive anderer Mutterfiguren in Märchen sind einfacher zu erklären. Da ist eine neidisch auf die Schönheit ihrer Stieftochter (Schneewittchen), eine andere zieht die eigene Tochter der Stieftochter vor (Aschenputtel). Und was ist überhaupt mit der Herrlichkeit? Ist es mit 14 zu früh, sie zu schauen? Muss man sie sich durch Gehorsamheit und Leid erst verdienen? Wieso ermöglicht Maria dem Kind durch Überlassen der Schlüssel Erwachsenwerdungs- und Erleuchtungserfahrungen einerseits und verbietet sie gleichzeitig? Was genau verspricht sie sich von des Kindes Gehorsamkeit? Wieso zwingt sie es zur Lüge? Verwechselt sie da nicht etwas? Was hat genau hat sie von ihrem bigotten Getue? Wieso ist diese Maria derart verschroben?

Es gibt eine Buchserie "Märchen tiefenpsychologisch gedeutet". Jenes über das Marienkind-Märchen hatte ich besessen, jetzt ist es aber unauffindbar und möglicherweise habe ich es einem Antiquariat verkauft. Ich erinnere mich, dass es ähnliche Fragen aufwarf, aber doch nicht die gleichen, die mich beschäftigen. Dieses Märchen vermag mich immer noch in Stimmungen zu versetzen, die ich damals empfunden habe. Die verschiedenen Ängste, die dort anklingen, vor Strafe, vor Entlarvung der Lüge, vor Verlassenwerden, aber auch die Besitzgier, Macht und Gnadenlosigkeit der Mutterperson etc., haben mich geprägt, begleiten mich in schlechten Zeiten immer noch und wurden wieder durch die Weihnachtsauseinandersetzung (s. u.) hochgespült. Es ist fast so, als spielte ich (oder wir) dieses eine besondere Märchen nach, jede Beteiligte in ihrer starren Rolle, jede mit ganzer Macht.

Man könnte sagen, es sei eine Geschichte über Machtmissbrauch und verlogene Liebe. Man könnte sagen, dass sie in schlichten Worten Unaussprechliches beschreibt. Man könnte sagen, es handelt sich um die Geschichte einer jungen Frau, die die Wahrheit bereits gesehen hat und sie bedingungslos lebt, auch wenn sie mit den schrecklichsten Konsequenzen zu rechnen hat. Und endlich könnte man sagen, diese Geschichte birgt, ebenso versteckt, ihre Lösung und die Erkenntnis der Welt.

Und ja, als ich 14 war, habe ich die Herrlichkeit schauen können. Auf eine unbefangene Art wusste ich, warum die Welt besteht und es mich gibt. Dieses Wissen scheint mir manchmal im Trubel der Ereignisse abhanden gekommen zu sein, denn ich war verstummt, mein Prinz hat nicht zu mir gestanden und ich habe meine Kinder opfern müssen und manchmal fühle ich mich tatsächlich wie in tausend Feuern. All dies ist geschehen. Aber tief in meinem Herzen ... – nein, nicht die Lüge wohnt dort. Sondern die Wahrheit.