Mittwoch, 15. März 2017
Die Bienen sind geschlüpft und tummeln sich vor dem Fenster. Niedlich! Auch ist es wieder Zeit für ein wenig Heuschnupfen, es ist gar nicht der Hasel, sondern wohl die Erle. Mama kann noch den Erlkönig auswendig und sagt ihn mit reger Betonung auf. Da spürt man Angst und Eile, siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? Wie der Vater dann mit ihrer Stimme beschwichtigt – wir finden diese Verse schön. Und vorher hatte ich noch gefragt, ob sie sich erinnern könne, dass sie seit dem Tod meines Vaters ein paar Jahre allein gelebt hat. Nein, weiß ich nicht mehr. Sie sagt diesen Satz oft, ganz ohne Bedauern und in vollem Vertrauen, dass sie sich für ihre Vergesslichkeit vor mir nicht schämen muss.

Anselm Grün beleuchtet in seinem Buch „Gut mit sich selbst umgehen“ Formen und Gründe von Grausamkeit gegen sich selbst. Diese mag z. B. als Abwertung des eigenen Bemühens, als strenge Askese oder auch als Hörigkeit auftauchen. In vielen finde ich mich wieder und oft genug höre ich nicht auf mein eigenes Gefühl, sondern versuche Erwartungen anderer zu erfüllen, der Eltern oder der Lehrer, welche möglicherweise in Besitz der absoluten Wahrheit sind. Hoffe ich zumindest. Wenn ich nur der absoluten Wahrheit folgte, würde ich nämlich Freiheit, moksha, erreichen.

Das stresst mich grad. Am besten alles aufgeben. Dauernd rechtfertige ich mich. Ich tue so, als besäße ich unendliche Kräfte. Als könnte ich Mama vor unangenehmen Gefühlen retten, oder dafür sorgen, dass die nachtodlichen bardos sie nicht allzu grausam anfallen –

Und so weiter. In den letzten Monaten ist mir so vieles klar geworden. Wenn das Verstehen intellektuell geschieht, bleibt nicht so viel in Erinnerung, als würde ich es fühlend begreifen. Ich habe das Gefühl nun als eine Art Sinnesorgan erlebt, als ganzkörperliche Erfahrung der Wahrheit. Dauert oft länger als sehen oder hören und geht mit weiteren Erscheinungen einher, wie z. B. Grübeln, das sich allerdings als Markstein von Unwahrheit herausstellt. Denn was genau hatte ich bisher durch Grübeln klären können?

Oder so. Die Aussage dieses Textes ist mir jetzt entwischt. So wie manchmal, wenn die Gedanken sehr nervig um ein Thema kreisen, ich mir befehle, denke jetzt daran! Wenn ich dann versuche, richtig und effektiv darüber nachzudenken, hört das Denken sofort auf. Denk jetzt an Mama, geht dann nicht mehr. Ich mache dann statt dessen was anderes.




Mittwoch, 31. Juli 2013
Jemand hat ein Badethermometer am Steg befestigt, 24 Grad Wassertemperatur. Ich schwimme meine Runde, nach dem Regen ist das Wasser so klar wie den ganzen Sommer nicht, 24 Grad, das ist weder kalt noch warm, sondern fühlt sich an wie etwas, das sicher trägt, ein unauffälliges Medium, mit dem der Körper sich nahtlos verbindet. Gelassenheit.

In den letzten Wochen scheint in mir ein Widerstreit geschlichtet, den ich herumtrage, seit ich mich ernsthaft mit Yoga-Philosophie beschäftige. Wer Yoga immer noch für eine Art Gymnastik aus dem Osten hält, die von betuchten Mittelschichtsdamen betrieben wird, irrt (immer noch). Schlicht gesagt, ist er ein Hilfsmittel auf dem Weg zu erfülltem Menschsein und Sieg über den Tod unter Nutzung des gesamten menschlichen Potentials, mental, seelisch und körperlich. Dass Hatha-Yoga, der Teil, der sich mit den Körperübungen beschäftigt, im Westen so falsch verstanden wird, muss man erstmal so hinnehmen. Als die ersten Yogis in den Westen (meint die USA) gingen, (z. B. Yogananda oder Swami R., der Guru meines Lehrers Swami VB) waren sie sich klar darüber, dass sie nicht mit dem gesamten Paket rüberkommen, sondern die zunehmend körperfixierten AmerikanerInnen nur austricksen konnten, indem sie (erstmal) einen neuen Kult für den Körper installierten, so erzählt es jedenfalls Swamiji (VB). Kichernd berichtet er von seinen ersten Vorträgen vor einem verständnislos dreinblickenden Publikum, das in Erwartung entspannender Yoga-Classes (womöglich in sexy Yoga-Outfits gekleidet [Ausschmückung von mir]), nun gar nicht nicht damit gerechnet hat, von einem Mönch philosophisch belehrt zu werden.

Beim Versuch ein passendes Foto zu finden, das diesen Eintrag begleitet, ist mir einzig dieses würdig erschienen: DJ Nicki legt auf, Rishikesh März 2005.

Mein Dilemma bestand aus Mitgefühl vs. Leidenschaftslosigkeit, beides (Lebens-)Haltungen, die im Yoga empfohlen werden. Ich empfinde die englischen Begriffe noch gegensätzlicher: Compassion vs. Dispassion (vairagya in sanskrit, interessant übrigens wie es dem Namen der Pille ähnelt, die Leidenschaft hervorrufen soll). (Weil ich die bhagavad gita oder die yoga sutras zuerst in englisch kennengelernt habe, sind sie mir in der Fremdsprache geläufiger.) Mitgefühl haben, ohne selbst emotional beteiligt zu sein, bedeutete das für mich – wie soll das überhaupt gehen? Und war Leidenschaftslosigkeit nicht gleichbedeutend mit Desinteresse und Langweile? Was ist mit der Liebe? Sex ohne Leidenschaft? Ich glaube, ich habe mich die letzten acht Jahre mit den beiden tatkräftig herumgeschlagen. Auch wenn es nach Außen in Gesprächen oder Handlungen nicht darum ging, stets blieb ich doch Beobachterin der inneren Vorgänge des mind, bis mich im Angesicht der Ausweglosigkeit Leidenschaftlichkeit davontrug und klares Denken unmöglich machte.

Dispassion mit Gleichmut zu übersetzen, ist mir bisher nicht eingefallen. Während in Leidenschaftslosigkeit Kälte mitschwingt, ist Gleichmut eine freundlichere Übertragung. Gleichmut, ich kenne dich doch! Die Momente, wenn ich den wirren (und sie selbst aufregenden) Geschichten der Busenfreundin zuhöre – und mich nicht aufrege, mich nicht ereifere, Schlaues beizusteuern und vermeintlich Hilfreiches, das ihre Situation entspannen könnte. Sitzen und zuhören – und mitfühlen. Erstaunlicherweise geht nur beides zusammen: Mitgefühl und Gleichmut. Gleiches erfahre ich auch im Umgang mit der Mutter. Es gefällt mir nicht, ihrem Altwerden zuzusehen, genausowenig wie eigene ähnliche Prozesse wahrzunehmen. Aber – es gibt dafür keine Lösung! Ich und niemand anderes hat die Macht, Vergänglichkeit zu stoppen, und sie ist es, die mir so Angst macht.

Ich kann nur zusehen. Ihren klein gewordenen Rücken, ihre dünnen Arme und die runzelige Haut, die Kraftlosigkeit in den Beinen, ich kann sie stützen, wenn wir gehen, ich kann sie zum Lachen bringen, wenn sie verzagt. Vielleicht ist Leidenschaft mit Angst besetzt oder entsteht sogar aus der Angst – und nicht aus Freude, vielleicht habe ich das die ganze Zeit falsch verstanden. Ohne Leidenschaft keine Lust, ohne Lust keine Liebe und ohne Liebe alles öd, dacht' ich. Welche Schönheit Mitgefühl besitzt, hatte ich nicht begriffen. Dass Mitgefühl nicht Leidenschaft ist, sondern im Mitgefühl Gleichmut sein muss, damit ich nicht daran verbrenne, hatte ich nicht begriffen. Es war das Verbrennen, vor dem ich solche Angst hatte. Das Vergehen.

Bei 24 Grad brennt nichts. Der Körper schwimmt in einer weichen neutralen Flüssigkeit, die ihn trägt und stützt. Geschmeidig arbeiten Muskeln und Sehnen zusammen mit dem Knochengerüst und den Sinnen, Beobachtung, der Atem fließt aus und ein und obendrüber fliegen Wolken dahin, ihr Aussehen verändert sich ständig, das ist ihre Natur. Gelassenheit.

Zum Lesen: Paramhansa Yogananda: Autobiografie eines Yogi




Dienstag, 16. Juli 2013
Neben dem unangenehm holzigen Kohlrabigemüse zur Mittagszeit gibt es wenig Schlimmes zu berichten. Ein paar Gedanken beschäftigen mich, z. B. wie ich überzähliges Interieur geschickt in der Wohnung verteile, damit es nicht nervt – vielleicht sollte ich es einfach verschenken. Drei Tatamis, je 90 x 90 cm, sind übrig und irgendwie auch eine der Küchenbänke. Ich habe nie mehr so viel Besuch, dass ich dringend beide Bänke brauchte, meinen Geburtstag Ende der Woche werde ich im Park feiern und da wird auf Decken gesessen.

Die freudig wachsenden Kapuzinerkresse- und Ringelblumensprösslinge wären da noch. Oder die Aussicht auf eine weitere zweistündige Thai-Massage am Donnerstag. Von fachkundigen Händen massiert zu werden, ist neben der Meditation das schönste Nicht-Tun, das ich nun kenne. Die Thai-Massage ist angeblich für buddhistische Mönche erfunden worden, um ihre vom langen Sitzen versteiften Körper geschmeidig zu machen und Blockaden zu lösen. Die Masseure selbst üben derweil metta (liebende Güte) aus, um karma abzubauen. So haben alle was davon.

Die Dame bittet um Entkleidung, obenrum frei und für die untere Hälfte reicht sie mir eine dünne schwarze Baumwollhose, anziehen, sagt sie, und auch sonst sind ihre Anordnungen einwortig, hinlegen, umdrehen, anfassen, der Rest ist Stille, bis auf die raschelnden Geräusche, die sie macht, während sie ihre Positionen ändert. Der Raum ist angenehm, buddhistische Wandbilder, sanftes Licht und in der Mitte die genau richtig graduierte Matte auf dem Holzboden. Drücken pressen biegen kneten bis an die Schmerzgrenze, manchmal sogar darüber, die Seiten der Oberschenkel und der rechte Arm tun besonders weh. Hauptsächlich bin ich wegen des mich nicht verlassen wollenden Schmerzes im Kreuzlendenbereich hier, zwei Stunden für 69 Euro, ich komme mir ein bisschen ausbeuterisch vor, die Thailänderin schuftet ja ohn' Unterlass mit vollen Kräften an mir herum.

Die schmerzende Stelle im Rücken geht sie nicht direkt an, aber alles, was sie macht, reicht bis dahin und tut wahnsinnig gut. Außerdem biegt sie meinen Körper in diverse Yoga-Asanas hinein, die Kobra z. B., dazu steht sie breitbeinig über mir, die ich auf dem Bauch liege, bittet mich, ihre Handgelenke 'anfassen', sie hält meine und dann zieht sie meinen Oberkörper zu sich nach hinten. Wow. Oder die Drehbewegung der gesamten Wirbelsäule, sie drückt mein Becken bis zum Anschlag zur Seite, da knackt es ordentlich im KLB wie ich es gern hab. Dem gesamten Rücken widmet sie sich mit besonderem Eifer, aber eigentlich bekommt jedes Körperteil ihre Aufmerksamkeit, manchmal stöhne ich voller Wonne, damit sie weiß, wie schön das ist, was sie da tut und manchmal lächeln wir uns an, wenn ich für einen Moment die Augen öffne, um zu sehen, wie sie das eigentlich tut.

Nach der Behandlung bin ich 90 % weniger holzig als vorher. Aufstehen. Anziehen. Schwupps (etwas zu schwupps für die zwei Stunden körperliche Nähe) ist sie in den hinteren Räumen verschwunden, wahrscheinlich um ein bisschen zu auszuruhen. Mir bleibt nur noch, das bereitgestellte Glas Wasser zu leeren, meine Bezahlung zu leisten und ein paar Worte des Wohlgefallens mit dem freundlichen älteren Herrn zu wechseln, der offensichtlich der Zuhälter Vater Ehemann der einen ist, sicherlich Thailandfahrer erster Stunde, komm' mit mir nach Deutschland, heirate mich, wird er ihr gesagt haben, und wir werden reich ich mache dich reich – über ihre Familienverhältnisse möchte ich dann aber doch lieber nicht nachdenken.

Jedenfalls geht so Sommer. Schwimmen, lesen, essen, schlafen. Mehr muss nicht.