Topic: Arbeitstisch
Jetzt habe ich endlich einen definierten Anker, der sich in meine unbenannten Aggressionen einhaken kann: Ein Missverständnis über einen Kostenvoranschlag, der meinerseits sicherlich etwas hoch angegangen war, aber äußerst tief von der Kollegin weitergegeben wurde und dann auch noch halbiert durch die Sprachkreise, die ich einzeln kalkuliert hatte. Dreieinhalb Stunden für die Aktualisierung einer Website incl. diverser Flashfilme, die ebenfalls geändert werden sollen – mittlerweile bin ich bei knapp sieben Stunden.

Von Ferne nur beobachte ich die Grabeslegung der Agentur, erheische ab und zu knappe Berichte der Busenfreundin über Vorgänge, die dort mit einer mir unverständlichen Unterwürfigkeit hingenommen werden, bei mir allerdings größte Streitlust auslösen. Ungerechtigkeit, Respektlosigkeit, Missachtung. Nach einem längeren Telefonat mit der Lieblingschefin gestern, die mich in Details einweiht, verstehe ich noch weniger, warum sie sich das antut.
Zeitgleich ist mein Arbeitspensum übersichtlich. Längerlaufende Projekte sind abgeschlossen, die kleineren Sachen, die regelmäßig gepflegt werden müssen, machen Pause. Es könnte also eine entspannte Zeit sein, die ich für Muße nutze, zum Ruhefinden, zum Gutsein zu mir. Statt dessen stresse ich mich selbst und grübele wie verrückt, lange Listen von immer wieder auftauchenden Gedanken erstelle ich im Geiste.
Die Lieblingschefin, so gern ich sie mag, hat einen großen Anteil an Schuldgefühlen zum Thema Arbeiten. Nicht nur seit ich mich vor gut einem Jahr aus der Firma zurückgezogen hatte, sondern schon vorher, 2009, als ich ins eigene Büro zog, weil mir die Fahrerei aufs Land und die Kollegennähe zu viel wurde – es war als hätte ich keine Erlaubnis dazu. Noch heute spricht die Busenfreundin davon, ich hätte sie im Stich gelassen. Tatsächlich hatten sich da Fronten aufgebaut, die eine deutliche Entscheidung forderten, entweder ich lasse sie (die Firma) im Stich oder mich selbst. Ich war (und bin) finanziell in der Lage, eine Art Neustart zu wagen, die Kollegen sich selbst zu überlassen und meinem Herzen zu folgen, wie man so schön sagt, auch wenn es bedeutete, eine Weile keine Arbeit zu haben.
Nicht zu arbeiten ist gewissermaßen anstrengend – eher noch das reine Nichtstun. Wie sehr unsere Gesellschaft davon geprägt ist, tätig zu sein. Und wenn es nur das Rumfriemeln am Mobiltelefon ist, das Rauchen, das Kaffeetrinken, und wieder sind zehn Minuten rum, wieder eine Stunde mit ein bisschen Hausputz oder Kochen verbracht, wer sitzt schon rum und macht gar nichts?
Zur Zeit versuche ich ebenfalls zu begreifen, welche Gruppe DIE Gruppe ist, jene auf die alles zuläuft, alles zugeschnitten ist, die mit den Vintage-Fahrrädern oder die mit den Kindern. Die, die Steuern hinterziehen oder Yachten besitzen, die ihr Wochenende glücklich mit Yoghurt beginnen oder die mit den Schals ihrer Mannschaft ums Handgelenk. Jene, die endlich den Deal oder das Ziel ihres Lebens erreicht haben oder die, die regelmäßig Sport machen? Sind es gar die, die sich aus alldem nichts machen und gar nicht auftauchen in Berichten, Statistiken und Kommentaren von Online-Magazinen? Was wenn es DIE Gruppe gar nicht gibt?
Und trotzdem. Er ist immer noch da, der Wunsch Teil einer Jugendbewegung zu sein. Oder irgendeiner Bewegung. Eine, die was ausmacht, die wichtig ist und Kraft hat, die Welt, wenn nicht zu verändern, so wenigstens zu bereichern. Auf der Welt sein, um dazuzugehören, zu meinen Leuten da draußen. Wo seid ihr? In den Monaten, die ich mit dem Esoteriker verbracht hatte, dachte ich, ich hätte sie gefunden. Genau betrachtet, war es eine der bescheuertsten Abschnitte meines Lebens und ich musste fliehen vor ihren geposteten Dauerherzchen und psychedelischen Bildlein, vor ihren irren Kommentaren in spirituellen Foren und den Drogenausdünstungen, die sie seit den 90ern immer noch umwehen.
Zu einem Kollegium zu gehören, das sich mit Gestaltung beschäftigt, war natürlich gut und machte großen Spaß. Die Lieblingschefin hat immer dafür gesorgt, das Gruppengefühl lebendig und stark zu halten, aber manchmal dachte ich, sie tut es nur ihretwegen. Als es darum ging, sich gemeinsam an der Firma zu beteiligen, dachte ich bei mir, mit der Busenfreundin möchte ich mein Geld nicht mischen, wo doch schon das Zusammenwohnen eine Katastrophe war und mit B. habe ich eigentlich so gar nichts zu schaffen, wieso sollte ich mich finanziell und somit langfristig an diese Menschen binden? Nicht mal würde ich sie als meine Freunde bezeichnen. Die Idee ging mangels Resonanz ein, und die Lieblingschefin, damals noch hierarchisch auf Augenhöhe, übernahm die Geschäftsleitung, um den angegrauten Lieblingschef zu unterstützen. Komplizierte Verträge wurden unterschrieben, alles mit dieser bedingungslosen Wichtigkeit, wenn es ums Geld geht. Jetzt versucht sie, die Krise abzuwenden oder wenigstens im Zaum zu halten und ich sehe, dass sich ihre Kraft und ihr Mut langsam verbrauchen und ihre sagenhafte Freundlichkeit einer Ängstlichkeit gewichen ist, die sie mit Hartnäckigkeit verteidigt. Und ich immer schön so, wie lange willst du das noch machen, wenn du tot (oder krank) wirst, kannst du ja auch nicht mehr weitermachen. Dahinter steht die Idee eines fast größenwahnsinnig zu nennenden sich selbst für unersetzlich Halten. Vielleicht ist das ein schönes Gefühl in jungen Jahren, beim ersten richtigen Job, mittlerweile bin ich aber froh ersetzbar zu sein, das befreit von überzogenen Forderungen und Erwartungen. Einfach mal behaupten, das könne man nicht – sicherlich ist es ein großes Problem der Lieblingschefin da loszulassen. Und ebenso sicherlich ist es ihr ganzer Stolz, sich aufzuopfern, und darin unterscheidet sie sich nicht von meiner Mutter und all den Müttern, die machen und tun und Anerkennung erwarten, ohne sie je zu bekommen.
Ich weiß nicht, wieso ich das so ausführlich beschreiben muss. Hinter die Vorgänge zu schauen, macht mich ratlos. Zu erkennen, was mit was anderem verknüpft ist, hilft gegen Ratlosigkeit. Tatkräftige Gruppenzugehörigkeit und Angst vor Nutzlosigkeit sind die Themen, die mich in diesen Wochen begleiten. Ich muss mal raus hier. Mit Fräulein Montez nach Lissabon zum Beispiel. Schöne Fotos, eigene Projekte, die ich mit Lust verfolgen kann und nicht mehr dieses blöde Hickhack mit der alten Firma. Loslassen.

Von Ferne nur beobachte ich die Grabeslegung der Agentur, erheische ab und zu knappe Berichte der Busenfreundin über Vorgänge, die dort mit einer mir unverständlichen Unterwürfigkeit hingenommen werden, bei mir allerdings größte Streitlust auslösen. Ungerechtigkeit, Respektlosigkeit, Missachtung. Nach einem längeren Telefonat mit der Lieblingschefin gestern, die mich in Details einweiht, verstehe ich noch weniger, warum sie sich das antut.
Zeitgleich ist mein Arbeitspensum übersichtlich. Längerlaufende Projekte sind abgeschlossen, die kleineren Sachen, die regelmäßig gepflegt werden müssen, machen Pause. Es könnte also eine entspannte Zeit sein, die ich für Muße nutze, zum Ruhefinden, zum Gutsein zu mir. Statt dessen stresse ich mich selbst und grübele wie verrückt, lange Listen von immer wieder auftauchenden Gedanken erstelle ich im Geiste.
Die Lieblingschefin, so gern ich sie mag, hat einen großen Anteil an Schuldgefühlen zum Thema Arbeiten. Nicht nur seit ich mich vor gut einem Jahr aus der Firma zurückgezogen hatte, sondern schon vorher, 2009, als ich ins eigene Büro zog, weil mir die Fahrerei aufs Land und die Kollegennähe zu viel wurde – es war als hätte ich keine Erlaubnis dazu. Noch heute spricht die Busenfreundin davon, ich hätte sie im Stich gelassen. Tatsächlich hatten sich da Fronten aufgebaut, die eine deutliche Entscheidung forderten, entweder ich lasse sie (die Firma) im Stich oder mich selbst. Ich war (und bin) finanziell in der Lage, eine Art Neustart zu wagen, die Kollegen sich selbst zu überlassen und meinem Herzen zu folgen, wie man so schön sagt, auch wenn es bedeutete, eine Weile keine Arbeit zu haben.
Nicht zu arbeiten ist gewissermaßen anstrengend – eher noch das reine Nichtstun. Wie sehr unsere Gesellschaft davon geprägt ist, tätig zu sein. Und wenn es nur das Rumfriemeln am Mobiltelefon ist, das Rauchen, das Kaffeetrinken, und wieder sind zehn Minuten rum, wieder eine Stunde mit ein bisschen Hausputz oder Kochen verbracht, wer sitzt schon rum und macht gar nichts?
Zur Zeit versuche ich ebenfalls zu begreifen, welche Gruppe DIE Gruppe ist, jene auf die alles zuläuft, alles zugeschnitten ist, die mit den Vintage-Fahrrädern oder die mit den Kindern. Die, die Steuern hinterziehen oder Yachten besitzen, die ihr Wochenende glücklich mit Yoghurt beginnen oder die mit den Schals ihrer Mannschaft ums Handgelenk. Jene, die endlich den Deal oder das Ziel ihres Lebens erreicht haben oder die, die regelmäßig Sport machen? Sind es gar die, die sich aus alldem nichts machen und gar nicht auftauchen in Berichten, Statistiken und Kommentaren von Online-Magazinen? Was wenn es DIE Gruppe gar nicht gibt?
Und trotzdem. Er ist immer noch da, der Wunsch Teil einer Jugendbewegung zu sein. Oder irgendeiner Bewegung. Eine, die was ausmacht, die wichtig ist und Kraft hat, die Welt, wenn nicht zu verändern, so wenigstens zu bereichern. Auf der Welt sein, um dazuzugehören, zu meinen Leuten da draußen. Wo seid ihr? In den Monaten, die ich mit dem Esoteriker verbracht hatte, dachte ich, ich hätte sie gefunden. Genau betrachtet, war es eine der bescheuertsten Abschnitte meines Lebens und ich musste fliehen vor ihren geposteten Dauerherzchen und psychedelischen Bildlein, vor ihren irren Kommentaren in spirituellen Foren und den Drogenausdünstungen, die sie seit den 90ern immer noch umwehen.
Zu einem Kollegium zu gehören, das sich mit Gestaltung beschäftigt, war natürlich gut und machte großen Spaß. Die Lieblingschefin hat immer dafür gesorgt, das Gruppengefühl lebendig und stark zu halten, aber manchmal dachte ich, sie tut es nur ihretwegen. Als es darum ging, sich gemeinsam an der Firma zu beteiligen, dachte ich bei mir, mit der Busenfreundin möchte ich mein Geld nicht mischen, wo doch schon das Zusammenwohnen eine Katastrophe war und mit B. habe ich eigentlich so gar nichts zu schaffen, wieso sollte ich mich finanziell und somit langfristig an diese Menschen binden? Nicht mal würde ich sie als meine Freunde bezeichnen. Die Idee ging mangels Resonanz ein, und die Lieblingschefin, damals noch hierarchisch auf Augenhöhe, übernahm die Geschäftsleitung, um den angegrauten Lieblingschef zu unterstützen. Komplizierte Verträge wurden unterschrieben, alles mit dieser bedingungslosen Wichtigkeit, wenn es ums Geld geht. Jetzt versucht sie, die Krise abzuwenden oder wenigstens im Zaum zu halten und ich sehe, dass sich ihre Kraft und ihr Mut langsam verbrauchen und ihre sagenhafte Freundlichkeit einer Ängstlichkeit gewichen ist, die sie mit Hartnäckigkeit verteidigt. Und ich immer schön so, wie lange willst du das noch machen, wenn du tot (oder krank) wirst, kannst du ja auch nicht mehr weitermachen. Dahinter steht die Idee eines fast größenwahnsinnig zu nennenden sich selbst für unersetzlich Halten. Vielleicht ist das ein schönes Gefühl in jungen Jahren, beim ersten richtigen Job, mittlerweile bin ich aber froh ersetzbar zu sein, das befreit von überzogenen Forderungen und Erwartungen. Einfach mal behaupten, das könne man nicht – sicherlich ist es ein großes Problem der Lieblingschefin da loszulassen. Und ebenso sicherlich ist es ihr ganzer Stolz, sich aufzuopfern, und darin unterscheidet sie sich nicht von meiner Mutter und all den Müttern, die machen und tun und Anerkennung erwarten, ohne sie je zu bekommen.
Ich weiß nicht, wieso ich das so ausführlich beschreiben muss. Hinter die Vorgänge zu schauen, macht mich ratlos. Zu erkennen, was mit was anderem verknüpft ist, hilft gegen Ratlosigkeit. Tatkräftige Gruppenzugehörigkeit und Angst vor Nutzlosigkeit sind die Themen, die mich in diesen Wochen begleiten. Ich muss mal raus hier. Mit Fräulein Montez nach Lissabon zum Beispiel. Schöne Fotos, eigene Projekte, die ich mit Lust verfolgen kann und nicht mehr dieses blöde Hickhack mit der alten Firma. Loslassen.
akrabke | 15. Mai 2013, 16:23 | 0 Kommentare
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Topic: Arbeitstisch
Die Küche ist nicht sehr groß, es gibt dennoch einen vorderen und einen hinteren Bereich. Hinten ist der Platz an den zwei kleinen Fenstern, da gibt es die tiefe Bank mit Kissen, auf der man am praktischsten im Schneidersitz oder liegend sich lümmmelt und man schaut zurück in den vorderen Bereich durch den Türrahmen in den Flur. Das Türblatt ist ausgehängt und liegt auf dem Speicher. Wegen der Dachschräge konnte ich die Tür nicht vollständig öffnen und es hatte sich dahinter in der toten Ecke allerlei Krempel angesammelt. Jetzt steht an der kurzen Seite im vorderen Bereich ein niedriger Schrank mit Schubladen, in dem die Nahrungsmittel lagern, darauf Behältnisse mit Getreide, Kaffee und Tee, Ölflaschen, der Altar mit einem silbernen Buddha und einge Gläser. Darüber an die Wand geklebt, eine Postkarte mit Maria und dem Kinde aus dem Mindener Dom.

In den Flur
Auch im vorderen Bereich gibt es eine Bank, nicht so tief wie die andere in der Fensterecke, dafür aber länger. Ich habe den Tisch hierher gezogen und sitze nun unter der Schräge, rechts die kleinen Fenster, hinter denen Ausschnitte der Backsteinfassade des Vorderhauses zu sehen sind, und der Ahorn, der hellgrün noch leuchtet, später dann rotbraun. Weil ich hier vorn sitze, kann ich schräg links in den Flur sehen, da gibt es eine Sammlung perspektivischer Linien, die des alten Holzbretterbodens zum Beispiel, die Schwelle zur Schlafkammer, aus der vom Vorhangtuch gefiltertes Licht in den Flur fällt, die Zarge der Küche in einem schrägen Winkel dazu, die Senkrechten stützen, weiter hinten die Tür zur Wohnstube, zwischen beiden ein Gemälde, die erste Kunst, die ich gekauft hatte, 24 Felder mit Hamburgern in verschiedenen Farben, mit einem schönen lockeren Duktus mehr hingeworfen als gemalt von Stella Hagemann, der ich eine große Karriere vorausgesagt hatte – heute macht sie was anderes.
Direkt vor mir, wenn ich geradeaus sehe, befindet sich die Zeile mit Spüle, Herd und Kühlschrank, drei Einzelstücke, zwischen denen sich Heruntergefallenes sammelt und im besten Fall vertrocknet und ab und zu zusammengefegt werden kann. Darüber stehen auf einem schmalen Bord Gewürze aller Art und weitere Ölflaschen, alles, was ich zum Kochen benötige ist armweit erreichbar. An Saugkaken hängen Gerätschaften, Kochlöffel, Reibe, Gemüsebürsten, Topflappen, Schere, Flaschenöffner. Auf dem Herd Kessel und Kaffeemaschine, auf dem summenden Kühlschrank ein großes Holzbrett zum Schneiden. Weiter rechts an der rauhen Wand ein monocromes Gemälde mit einer Tasse in orange, darangehängt ein Strauß ge- oder eher vertrockneten Thymians.

Durchs Fenster
Auf der kurzen Seite rechts neben den Fenstern eine kleine Leinwand mit einer schnellen orange-roten Acryl-Skizze von T., die offentsichtlich unsere beiden Köpfe von der Seite zeigt, wir küssen, meine Hand an seiner Wange, er hält die Augen geschlossen. Auf dem Brett des rechten Fensters gedeihen Salbei und Johanniskraut, das schon im Winter geblüht hat, zwischen den Töpfen die nachgemacht-chinesische Schlaflampe aus T.s Kindheit. Das linke Fenster ist frei von Gegenständen und lässt sich jederzeit öffnen.
Und hier unter der Schräge sitze ich. Genieße den veränderten Blickwinkel und denke darüber nach, ob ich mich nun am Deutschen Literaturinstitut als Gasthörerin bewerben soll oder nicht. Dienstag ist Bewerbungsschluss.

In den Flur
Auch im vorderen Bereich gibt es eine Bank, nicht so tief wie die andere in der Fensterecke, dafür aber länger. Ich habe den Tisch hierher gezogen und sitze nun unter der Schräge, rechts die kleinen Fenster, hinter denen Ausschnitte der Backsteinfassade des Vorderhauses zu sehen sind, und der Ahorn, der hellgrün noch leuchtet, später dann rotbraun. Weil ich hier vorn sitze, kann ich schräg links in den Flur sehen, da gibt es eine Sammlung perspektivischer Linien, die des alten Holzbretterbodens zum Beispiel, die Schwelle zur Schlafkammer, aus der vom Vorhangtuch gefiltertes Licht in den Flur fällt, die Zarge der Küche in einem schrägen Winkel dazu, die Senkrechten stützen, weiter hinten die Tür zur Wohnstube, zwischen beiden ein Gemälde, die erste Kunst, die ich gekauft hatte, 24 Felder mit Hamburgern in verschiedenen Farben, mit einem schönen lockeren Duktus mehr hingeworfen als gemalt von Stella Hagemann, der ich eine große Karriere vorausgesagt hatte – heute macht sie was anderes.
Direkt vor mir, wenn ich geradeaus sehe, befindet sich die Zeile mit Spüle, Herd und Kühlschrank, drei Einzelstücke, zwischen denen sich Heruntergefallenes sammelt und im besten Fall vertrocknet und ab und zu zusammengefegt werden kann. Darüber stehen auf einem schmalen Bord Gewürze aller Art und weitere Ölflaschen, alles, was ich zum Kochen benötige ist armweit erreichbar. An Saugkaken hängen Gerätschaften, Kochlöffel, Reibe, Gemüsebürsten, Topflappen, Schere, Flaschenöffner. Auf dem Herd Kessel und Kaffeemaschine, auf dem summenden Kühlschrank ein großes Holzbrett zum Schneiden. Weiter rechts an der rauhen Wand ein monocromes Gemälde mit einer Tasse in orange, darangehängt ein Strauß ge- oder eher vertrockneten Thymians.

Durchs Fenster
Auf der kurzen Seite rechts neben den Fenstern eine kleine Leinwand mit einer schnellen orange-roten Acryl-Skizze von T., die offentsichtlich unsere beiden Köpfe von der Seite zeigt, wir küssen, meine Hand an seiner Wange, er hält die Augen geschlossen. Auf dem Brett des rechten Fensters gedeihen Salbei und Johanniskraut, das schon im Winter geblüht hat, zwischen den Töpfen die nachgemacht-chinesische Schlaflampe aus T.s Kindheit. Das linke Fenster ist frei von Gegenständen und lässt sich jederzeit öffnen.
Und hier unter der Schräge sitze ich. Genieße den veränderten Blickwinkel und denke darüber nach, ob ich mich nun am Deutschen Literaturinstitut als Gasthörerin bewerben soll oder nicht. Dienstag ist Bewerbungsschluss.
Topic: Arbeitstisch
Eigentlich genieße ich den Sonntag. Lange schlafen, ein halbes Stündchen Yoga, dann Frühstück und Internetrecherche und danach mit der Busenfreundin und ihrem Patenkind auf einen schnellen Kaffee beim Spanier mit Gesicht in der Sonne. Fotos machen im Park, rumkichern.
Wenn da nicht der nagende Gedanke wäre, dass die Festschrift, die ich für den Obdachlosentreff gestaltet habe, vielleicht nicht rechtzeitig zum Fest am Mittwoch fertig gedruckt und geliefert wird. Ein Fest ohne Festschrift wär das dann. Peinlich. Auch Nachfragen bei der ungeschlagen günstigen Online-Druckerei bezüglich einer ausnahmsweise bevorzugten Behandlung meines Objektes schallen ins Vergebliche. Das seien alles automatische Prozesse, auf die man keinen Einfluss hätte. Eine leblose Großdruckerei stelle ich mir sofort vor, ohne Menschen, wie in diesen Filmen auf N24 Zukunft ohne Menschen, wo die Druckaufträge noch wochenlang weiterlaufen solange es Strom gibt, nuten, heften, schneiden, verpacken, sich in der Halle stapeln, da ist auch niemand mehr, der das alles abholt und verteilt, denn automatisches UPS gibt es noch nicht.
Geduld üben. Den Sonntag genießen. Ich kann sowieso nichts machen. In der Zwischenzeit erfreue ich mich am durchaus künstlerischen Einsatz von Korrekturzeichen:

Jandl im Literaturarchiv
::: Nachtrag: Die Frau Montez hat mir verboten, bei Internet-Druckerien drucken zu lassen. Für dieses Mal ist es noch gut gegangen. Mein Dauergenösel im Callcenter – ich kann nicht sagen, ob es Früchte getragen hat, oder ob die "automatischen Prozesse" einfach zu meinen Gunsten abliefen. Die Festschrift wird jedenfalls heute, Dienstag, ausgeliefert, morgen ist das Fest, zu dem ich mich nun auch trauen darf. Ein Stein vom Herzen gefallen, dass kann ich wohl sagen. Folgeaufträge, ihr könnt kommen!
::: Noch'n Nachtrag: Ich sollte das gaaanzknapprechtzeitig Ankommen kultivieren. Als ich zum Fest (der Festschrift) fuhr und in der nahen Kleinstadt ankam, war weder Taxi zur Hand noch wusste man etwas über meinen Zielpunkt bei der Busauskunft, die mich wie einen unhöflichen Fremdkörper behandelte, als wäre ich zehn. Zehn Uhr ist zu spät, raunte ich dem Mann zu, der daraufhin unwirsch das Fensterchen vor meiner Nase schloss. Schon wieder alles viel zu spät. Ein einsames Taxi kam an in dieser Wüste, freundlicherweise wurde es mir von einem ebenfalls Taxiwartenden überlassen, ein Zeig des Himmels, allerdings hatte ich nur einen Fuffziger, das den Fahrer ebenso unwirsch zurück ließ, ja, Sie sind jetzt gerettet, ich aber nicht. Er solle mich zur Abtei fahren, wie, nach Loccum oder was? Doch nicht nach Loccum, das muss irgendwo hier im Ort sein. Lange Rede.
Um drei Minuten nach zehn erreichte ich dann doch die Eingangstür, traf auch sofort auf Herrn R., er ganz entspannt, ich aber nicht, trotzdem. Alle waren sehr lieb, es wurden erhebende Reden gehalten und sogar gesungen, somewhere over the rainbow, ich war gerührt, die Tränen jedoch kamen vom Heuschnupfen.
Wenn da nicht der nagende Gedanke wäre, dass die Festschrift, die ich für den Obdachlosentreff gestaltet habe, vielleicht nicht rechtzeitig zum Fest am Mittwoch fertig gedruckt und geliefert wird. Ein Fest ohne Festschrift wär das dann. Peinlich. Auch Nachfragen bei der ungeschlagen günstigen Online-Druckerei bezüglich einer ausnahmsweise bevorzugten Behandlung meines Objektes schallen ins Vergebliche. Das seien alles automatische Prozesse, auf die man keinen Einfluss hätte. Eine leblose Großdruckerei stelle ich mir sofort vor, ohne Menschen, wie in diesen Filmen auf N24 Zukunft ohne Menschen, wo die Druckaufträge noch wochenlang weiterlaufen solange es Strom gibt, nuten, heften, schneiden, verpacken, sich in der Halle stapeln, da ist auch niemand mehr, der das alles abholt und verteilt, denn automatisches UPS gibt es noch nicht.
Geduld üben. Den Sonntag genießen. Ich kann sowieso nichts machen. In der Zwischenzeit erfreue ich mich am durchaus künstlerischen Einsatz von Korrekturzeichen:

Jandl im Literaturarchiv
::: Nachtrag: Die Frau Montez hat mir verboten, bei Internet-Druckerien drucken zu lassen. Für dieses Mal ist es noch gut gegangen. Mein Dauergenösel im Callcenter – ich kann nicht sagen, ob es Früchte getragen hat, oder ob die "automatischen Prozesse" einfach zu meinen Gunsten abliefen. Die Festschrift wird jedenfalls heute, Dienstag, ausgeliefert, morgen ist das Fest, zu dem ich mich nun auch trauen darf. Ein Stein vom Herzen gefallen, dass kann ich wohl sagen. Folgeaufträge, ihr könnt kommen!
::: Noch'n Nachtrag: Ich sollte das gaaanzknapprechtzeitig Ankommen kultivieren. Als ich zum Fest (der Festschrift) fuhr und in der nahen Kleinstadt ankam, war weder Taxi zur Hand noch wusste man etwas über meinen Zielpunkt bei der Busauskunft, die mich wie einen unhöflichen Fremdkörper behandelte, als wäre ich zehn. Zehn Uhr ist zu spät, raunte ich dem Mann zu, der daraufhin unwirsch das Fensterchen vor meiner Nase schloss. Schon wieder alles viel zu spät. Ein einsames Taxi kam an in dieser Wüste, freundlicherweise wurde es mir von einem ebenfalls Taxiwartenden überlassen, ein Zeig des Himmels, allerdings hatte ich nur einen Fuffziger, das den Fahrer ebenso unwirsch zurück ließ, ja, Sie sind jetzt gerettet, ich aber nicht. Er solle mich zur Abtei fahren, wie, nach Loccum oder was? Doch nicht nach Loccum, das muss irgendwo hier im Ort sein. Lange Rede.
Um drei Minuten nach zehn erreichte ich dann doch die Eingangstür, traf auch sofort auf Herrn R., er ganz entspannt, ich aber nicht, trotzdem. Alle waren sehr lieb, es wurden erhebende Reden gehalten und sogar gesungen, somewhere over the rainbow, ich war gerührt, die Tränen jedoch kamen vom Heuschnupfen.
akrabke | 21. April 2013, 15:39 | 0 Kommentare
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