Sind selten geworden, die schlaflosen Nächte. Nach einer Stunde stehe ich um vier auf und mache mir einen Kaffee. Eigentlich mag ich es nicht, bei dem gleichen künstlichen Licht des Abends den frühen Morgen zu verbringen. Im Sommer wäre es jetzt schon hell. Vielleicht erinnert mich das an etwas, dazu die Kühle der Räume, die es noch nicht erlauben, ohne warme Kleidung tätig zu sein.

Dudi war da und erst jetzt, nach unseren lebhaften Gesprächen, begreife ich das Ausmaß der Verwirrung ihres Sohnes. Er hat sich in ein Leben manövriert, das wir nicht gutheißen, dessen Ausweg sich schlichtweg dramatisch darstellen wird. Wahrscheinlich. Es sei denn, er führte die Wende selbst herbei, aber nach all den aufwendigen* Vorbereitungen auf dieses Leben scheint das (noch) nicht möglich. Er spricht Drohungen aus, wenn du Papa davon erzählst, bin ich weg. Was dieses weg bedeuten könnte, bleibt angedeutet. Dass wir Mitwisserinnen sind, macht die Sache auch nicht einfach eher noch komplizierter.

Bei der schlaflosen Grübelei (hin- und wieder umgedreht, und nochmal und nochmal) stehen mir die Lebenswege verschiedener geliebter Menschen klar vor Augen. Eine Art Unausweichlichkeit begleitet das Bild – einmal auf die Schiene gesetzt, scheint es keine Weiche zu geben. Natürlich gibt es die, ein Stellen erforderte wohl aber noch mehr von dem Mut, den es benötigt hatte, das Chaos erst anzurichten.

Ich ringe um eine Haltung. Die Frage, ob und was wir hätten anders machen können, führt uns nicht weit. Denn es geht gar nicht um uns (oder unsere Schuld), sondern allein um die jeweilige geliebte Person, die uns bekümmert. Genauso wie wir gern selbstbestimmt leben wollen, so möchten das auch jene; das Mütterlein, der Sohn/Neffe, ferner die Busenfreundin, die Buddhistin. Ist das so gedacht? Dieses selbstgewählte Leben erfahren wollen mit allen Konsequenzen? (Dudi behauptet dann meist, sie hätte ihres nicht selbstgewählt, es sei eine Entscheidung unserer Eltern gewesen. Darauf kann ich nicht eingehen, ohne mich aufzuregen. Auch dies wäre eine Einmischung.)

*Ich suche noch nach einem ähnlichen Wort für das obige aufwendig, denn das folgende Wende klingt mir zu gleich. Das Synonymwörterbuch schlägt mir erstklassig, exquisit, exzellent, feudal, fürstlich, komfortabel, prunkvoll, teuer, überreich, üppig, wertvoll, lukullisch, aufwendig, auserlesen, ausgesucht, luxuriös vor. Das erhellt mir den Morgen. Was, wenn es mir gelänge, das Leben meines Neffen als all dieses zu würdigen? Auserlesen? Auserlesen aus all den möglichen Leben.

Immer noch klarer wird mir, dass ich nicht Schuld bin, Schuld sein kann. (Ich mit meinen ewigen Schuldgefühlen.) Wenn ich endlich akzeptieren könnte, dass jeder sein Leben full on lebt, genauso wie ich es tue/versuche zu tun, bin ich frei von Schuld am Leben/Sterben/Glück/Unglück der anderen. Und wenn ich im letzten Schritt (oder bereits im Voraus) den Begriff Schuld in die weitaus selbstbestimmtere Verantwortung wandele –
es fällt Last von mir.