Donnerstag, 14. Februar 2019
Diesmal, es ist die dritte Veranstaltung der Reihe für Angehörige, waren deutlich mehr Menschen anwesend. Man hatte explizit die Familie der Demenzklasse geladen. 16 Geschichten im Raum. Alle ähnlich, nur unterschiedlich in den Demenzgradationen des Elternteils. Drei Schwestern waren dazugekommen, betreut vom Sohn bzw. Neffen, es wirkte noch wie eine halbwegs lustige Geschichte über den Mann, der mit drei Frauen eingezogen war. Der Runde eigen war ein hohes Mitteilungsbedürfnis, natürlich. Auf mich wirkten die Töchter, Söhne, Nichten und Neffen erwachsen, erwachsener als ich, die ich seit Tagen wieder mit Tränen kämpfe, wegen der schlichten und überwältigenden Einsicht, dass ich nicht mehr weiß, wie meine Mutter einmal war, und dass ich sie schrecklich vermisse, und unsere lebhaften Gespräche über Gott und die Welt, und tatsächlich auch Gott.

Einer der Männer, mit einem bedruckten T-Shirt, cool und abgeklärt, hinweisend auf eine Band, die für Demente spielt und alles wäre sehr fröhlich und würde sogar die Lethargischsten wieder aufwecken und nicht so ein Trauergesang, den er hier im Heim schon erlebt hätte, meine Güte, das sind meine schönsten Stunden mit Mama, wenn wir gemeinsam Frühlingslieder singen, er erklärte, wie er geschmeidig die Zügel des Dramas doch in der Hand hielte, man solle sich mit Geduld und Humor der dementen Person widmen undsoweiter, und in mir brodelte es, und ich dachte bloß, ich kann’s einfach nicht mehr hören. Dieses Sich-Zusammenreißen, das Zurückhalten von Trauer und Schmerz, das mach dieses so und jenes so, verdammt, das ist ja gerade das Schlimme, dass man die ganze Zeit nur noch auf eine Weise funktioniert, damit die Mutter keinen Schreck kriegt, weil ja hinter ihrem Rücken alles zerfällt, und nur sie soll nichts davon merken.

Ich blieb still, nickte oder lächelte nur hier und da zu den Geschichten, die teils mit diesem seltsamen Lächeln vorgetragen wurde und dahinter sitzt die Verzweiflung, hinter ihren Rücken.

Die Frau mit der Schwester, so nennen Dudi und ich sie, weil wir uns keine Namen merken können, es gibt auch noch die Frau mit der Mutter, zu der gerade Dudi eine nähere Bekanntschaft hegt, und dann noch die Frau mit dem Mann, das ist diese wunderbare Dame, auch im Beirat tätig, klar und stark, mit Meinung. Sie sitzt neben mir und sagt sanft zu mir, Sie sind heute Abend aber sehr still und schon laufen mir die Tränen aus den Augen, und dann bin ich die letzte des Gesprächskreis und haue unter noch mehr Tänen alle meine Sachen raus, wie Mama mir abhanden kommt und wie sehr ich sie vermisse, ihre Anteilnahme an meinen Geschichten und trotz des Weinens habe ich doch meine Stimme unter Kontrolle und kann alles sagen bis zur Neige –

Danach kommen gerade die drei Frauen, die mit dem Mann, der Schwester und der Mutter auf mich zu und trösten mich, das ist so süß wie Honig, die mit der Mutter weint nun auch wieder, und es werden Hände gehalten und Schultern berührt und es wird alles gut gesagt. Und es tröstet wirklich.




Dienstag, 23. Oktober 2018
Das Heim der Busenfreundin ist bekanntlich eine Müllhalde. Ich bot an, ihr beim Aufräumen, Sortieren und Wegwerfen zu helfen. Balkon, Küche und Schlafzimmer hat sie selbst bearbeitet. Gestern begannen wir mit dem Wohnzimmer, das zu durchschreiten kaum noch möglich ist. Wir beide haben unterschiedliche Sortierideen, aber sie ist froh, dass wir überhaupt anfangen, und so schaffen wir es über Stunden, uns nicht zu zanken – nur ab und zu heben wir leicht die Stimmen.


Es ist einiges in den Ecken zu finden. Zwischen Staub und Ausgeschüttetem, fest oder flüssig, entdecken wir Stapel von Papieren, die lt. Datum seit 2013 genau da so liegen. Rechnungen, ungeöffnete Briefe, Notizen. Außerdem bringt sie von ausnahmslos jedem Ereignis, das sie besucht, Flyer oder Kataloge mit, und wie nach und nach deutlich wird, hat sie eigentlich alles seit fünf Jahren einfach ins Zimmer geworfen, oder gelegt, manches ist hinters Sofa gerutscht, Geschirr unter Schichten zerbrochen, Bücher und Fotos verknickt und zerfleddert.

Ich weiß nicht genau, warum ich mir das antue, aber irgendwie habe ich Bock. Sie hatte neulich eine feng shui-Praktizierende zu Rate gezogen und danach kam einiges in Bewegung. Vielleicht ist es so eine Art Leben retten, obwohl ich das ja nicht mehr mache. Leben retten.

Wo sie chinesische Beraterinnen beauftragt, mache ich allerdings Ähnliches. Meine Nichte (2. Grades) hatte eine Art Heilerin, so nenne ich sie für mich, M., zu einem Problem befragt, und die Antworten des Seelenlesens hatten mich von Wahrhaftigem überzeugt. Die Heilerin sieht und kommuniziert auf einer Ebene, wo Lebewesen (Mensch und Tier) nicht selbst sprechen können.

Meiner Mutter ginge es gut, sie würde nicht unter ihrer Situation leiden. Mama hätte wohl aber noch Dinge zu bearbeiten und Sterben sei für sie keine Option, in unserer Familie würde man sich eben irgendwie durchbeißen, anstatt sich zu verabschieden. Es wären einige Wesen um sie, devas, Engel, wie auch immer, die sie einladen würden hinüberzukommen, aber sie kann noch nicht (loslassen). Es wären noch viele lose Enden unbearbeiteter Sachen (wie soll man sowas nur nennen), die sie nicht zur Ruhe kommen lassen. Diese losen Enden versucht M. zu ordnen in einem Prozess, der noch andauert, immer wieder wendet sie sich der Seelenebene zu und klärt und reinigt. Ich selbst muss dabei nichts tun. Vielleicht sitze in zur gleichen Zeit in Meditation und konzentriere mich, und beim letzten Mal bin ich nach einer Stunde fast wütend aufgesprungen und habe mich gefragt, was ich da eigentlich tue. Hinter der Mutter aufräumen. Ihr Leben retten. Mache ich nur schon so lange, wahrscheinlich mein ganzes Leben.

Wo immer ich versuche, ganz bei mir zu sein, in der Meditation, bei der Gestaltungsarbeit oder beim Verfolgen von künstlerischen, literarischen oder anderen Interessen, bin ich wirklich glücklich. Es ist Zeit.




Sonntag, 3. Dezember 2017
„Kommt L. auch noch?“ fragt Mama. Welche L., frage ich zur Sicherheit, vielleicht meint sie ja wen anders. Na, du weißt doch! Deine Schwester? Sie lächelt milde, als wäre ich blöd. Meine immer gleiche Antwort nimmt sie gelassen, alle schon gestorben vor langer Zeit (und hoffentlich im Himmel). Niemand mehr da. Ihre Traurigkeit darüber gelangt nicht mal mehr zum Entsetzen und dauert ungefähr fünf Sekunden, dann greift sie zum Dominostein auf dem Keksteller. Alfons setzt sich zu uns an den Kaffeetisch und erzählt aus seinem Leben, Werkzeugmacher und 30 Jahre bei VW mit guter Rente, in der Nähe von Breslau geboren, jetzt 90 Jahre alt und schon zwei Jahre im Heim. Er ist noch gut beieinander und hat hier eine Bekannte gefunden. Als er aber über seine Frau spricht, mit der er 60 Jahre zusammen war, vier Jahre im Demenzheim in der Kleingruppe, zweimal die Woche hat er sie besucht, sie hat ihn nicht mehr erkannt und sagte gemeine Sachen — da füllen sich seine Augen mit Tränen und sein Kinn zittert. Kennen Sie Demenz? Ja, antworte ich, während sich mein Herz zusammenzieht, wir beide nun mit tränenbeschwerten Lidern. Mama bekommt nichts mit und lacht über irgendwas anderes. Sie ist fröhlich und futtert sich durch den Nachmittag. Später finden wir uns spontan mit einigen anderen Angehörigen beim Gartenhäuschen in der Kälte ein und singen Weihnachtslieder. Es ist richtig schön.
Die Puschen, die ich Mama, zurück im Zimmer, überziehen will, erkennt sie nicht mehr als die ihren.