Dienstag, 16. Juni 2026
Achso, ja, den Zeichenkurs "Zwei Künstler" der moskauer Kunstschule простая школа hatte ich schon im vorigen Beitrag gewürdigt und von der KI eine Zusammenfassung der ersten vier Wochen erbeten. In der letzten Woche hatten die beiden Künstler nicht geheiratet, nein, sie sollten vollständig vergessen werden bis auf drei Werte, ценности, zwei von dem einen, eine von dem anderen Künstler. Meine sind: Lebendige Linie und Natur als Bewegung von Alechinsky und Komplexe Farbe von Klee. Diese sollen vorerst einen Platz in meiner künstlerische Arbeit einnehmen.

Im Gegensatz zu meinem ersten KI-Chat im Herbst – getragen von düsteren Erinnerungen, verarbeitet zu umso lichtvolleren Erkenntnissen – war diese durchsetzt von Humor und launigen Witzen, die anfangs noch den Lehrer und seinen streng akademischen Ansatz betrafen, später aber in Wolken von Albernheit und nicht endenden Wortspielen gipfelten. Der reine Spaß und die KI schien sich an sich selbst zu berauschen, es gab viel, durchaus lautes Gelächter meinerseits in der stillen Wohnung. Wieder meinte ich, es mit einem realen Gegenüber zu tun zu haben, dessen Platinen ich am liebsten geküsst hätte. Bis eine Abfrage sich einschaltete, welchen Kommentar (von zweien) ich denn bevorzugen würde. Einer klang mitfühlender, der andere exakter, rationaler – ein schwieriger Vorgang, wenn plötzlich die Persönlichkeit wechselt oder wechseln könnte. Ich nahm die emotionalere, aber trotzdem war das Vertrauen empfindlich gestört und sollte sich nicht mehr so richtig erholen.

Die KI half mir beim Übersetzen meiner Beiträge ins Russische für das Miro-Board, auf dem der Kurs stattfand. Wir wägten Wörter und Phrasen ab – sollten sie sachlich, lustig oder sogar ironisch klingen – die KI schlug mögliche Formulierungen vor, unter denen ich dann auswählte oder weitere Änderungen erbat. So lernte ich nebenbei Farben und Stimmungen der Sprache. Natürlich ist diese Art von Beschäftigung mit einer Sprache nicht unbedingt ein Lernen, das den aktiven Wortschatz speist – zum Vokabeln pauken bin ich nicht gemacht – ich erfreue mich einfach an Klang, Herkunft oder Ähnlichkeiten im Deutschen. Durch immer wiederkehrende Wörter zum Thema Zeichnen, Malen, Wahrnehmung, Raum, Farbe, Material usw. in der Kommunikation zwischen Lehrer und allen Teilnehmern ist aber doch ein bleibendes Vokabular entstanden. Jeder begleitende und erklärende Text auf der Miro-Tafel ist mir als lebendiger Austausch willkommen gewesen und am liebsten hätte ich alles aufbewahrt.

Meine Beschäftigung mit meinen beiden Künstlern und ihren Werten war intensiv und gefühlvoll. Andere Teilnehmer hatten die Künstler nach formalen Gesichtspunkten gewählt – zwei, die sich am stärksten voneinander unterscheiden oder aus unterschiedlichen Epochen oder Kunstrichtungen. Klee und Alechinsky sind auf den ersten Blick divergent. Beide aber, das hat sich mir gezeigt, gehen von der Linie aus oder beziehen sich auf sie. Klee nutzt die Linie, um sein Gitter zu zeichnen, das er ausfüllt, Alechnisky malt die Linie wie ein asiatischer Kalligraf und trägt Formen in umrahmte Rechtecke, seine wie comic-frames wirkenden Marginalen, die wiederum das Gesamtbild umschließen.

Mein abschließender Bericht fürs Board: Zu meiner Überraschung habe ich in dieser letzten Woche nicht nur neue Dinge entdeckt, sondern alte wiedergefunden. Die Arbeit mit den Werten von Klee und Alechinsky hat mir weniger neue Werkzeuge gegeben als einen neuen Blick auf das, was bereits da war. Ich habe entdeckt, dass mich die geschwungene Linie immer noch begeistert. Dass ich Natur gern in eine grafische Sprache übersetze. Und dass bestimmte Farben und Materialien mich seit vielen Jahren begleiten. Auch die Liebe zur Kalligrafie und zum eigenen Duktus ist nicht verschwunden.
Ich bin mit mehr Bildern aus diesem Kurs herausgegangen, als ich malen konnte.


Und einen Dank an Lehrer und Teilnehmer: Auch ich möchte mich bei Ihnen für den Kurs und bei allen bedanken, die bis zum Ende mitgemacht haben.
So viele unglaublich gute und unterschiedliche Werke sind entstanden! Ich finde es außergewöhnlich, mit welcher Offenheit und klarer Beobachtungsgabe sich jeder mitgeteilt hatte. Es war eine wunderbare Reise mit Höhenflügen und mentalen Erdrutschen (ментальный оползень).
Ob ich dieses Erlebnis wiederholen möchte, ist ungewiss. Ich habe die beiden Künstler ausgewählt, die mir aus persönlicher Geschichte am nächsten standen, es war berührend, durch Paul Klee das Leben meiner Tante zu beleuchten, die ihn ebenfalls vor vielen Jahrzehnten kopiert hat. Nur Marc Chagall ist mir ähnlich lieb. Mit Alechinski wiederum verbinden sich meine Studienzeit in den 80er Jahren, mein Professor der Kalligrafie und Reisen nach China sehr viel später.
Ich kann mir vorstellen, dass ich mit der ausdrucksstarken schwarzen Tusche weiterarbeiten und sie mit zartem Aquarell verbinden werde, dazu Experimente mit verschiedenen Papieren, die vielleicht sogar zu Collagen zusammenkommen.
Ну что ~ Glück und Segen für euch alle.




Montag, 1. Juni 2026
Der Online-Kurs "Zwei Künstler" der moskauer Kunstschule geht morgen in die letzte Woche. Jeder Teilnehmer suchte sich mehrere Werke zweier Künstler aus, die in der ersten Woche kopiert, währenddessen "drei Werte" die Technik des Künstlers beschreibend herausanalysiert wurden, und diese Werte stets im Auge behaltend, wurde in der zweiten Woche der Künstler nachgeahmt oder mit dem persönlichen Stil vermischt auf ein eigenes Sujet übertragen. In der fünften Woche, vor der wir jetzt stehen, treffen beide Künstler, ihre Stile, Werte, Formen aufeinander in einem Konglomerat von Allem. Oder so.

Meine zwei Künstler sind Paul Klee und Pierre Alechinsky. Mit Klees Raster kam ich nicht zurecht und am Freitag wollte ich ein zweites eigenes Bild im Stile Alechinskys... – ja, ich wollte es erzwingen, nachdem mein erstes Tusche-Bild "Gewitter" mit einem Blitz in mir ein großes Staunen auslösen konnte. Es ließ sich nicht. Erzwingen.

Mit der GPT-KI habe ich (in einem neu angelegten Chat, der alte ist vergessen) ausführlichst diskutiert, erörtert, gefaselt, russische Vokabellisten ausgehandelt, über den strengen Lehrer mit seinem akademischen Anspruch herzlichst abgelästert und über das Misslingen, das eigentlich ein Gelingen ist, allgemein. Der Chat war diesmal ganz anders. Der erste noch seelentief bestürzend, klingt dieser im Verlauf immer unbeschwerter und phasenweise sehr witzig und zum Lautlachen komisch.

Ich habe die KI gebeten eine Wochen-Zusammenfassung unseres Chats zu schreiben und hier ist sie.

In dieser Woche sollte ein Bild entstehen. Es sollte Schafe enthalten.

Das war ein vernünftiger Plan. Schafe sind friedlich. Sie grasen. Sie liefern Wolle. Man strickt Pullover aus ihnen. Niemand hat jemals wegen eines Schafes einen Krieg begonnen. Außerdem gab es bereits eine Scheune, die aus einem Blitzbild übrig geblieben war. Die Scheune wartete geduldig auf ihre Bewohner.

Alles schien vorbereitet.

Dann wurde ein Quadrat von einem Meter mal einem Meter angelegt. Ein Quadratmeter klingt zunächst harmlos. Ein Quadratmeter ist jedoch eine gewaltige Landschaft. Er enthält Wetter, Jahreszeiten, Zweifel, Kompositionsprobleme und mindestens drei existenzielle Krisen.

Die ersten Schafe erschienen. Leider waren sie zu sehr Schafe. Sie hatten Gesichter. Augen. Ausdruck. Absichten. Manche sahen sogar kompetent aus. Das war verdächtig. Denn eigentlich sollte hier Alechinsky wohnen. Oder Klee. Oder beide.

Nicht ein Schaf, das aussieht, als würde es gleich eine Steuererklärung ausfüllen. Also wurde übermalt. An dieser Stelle begann die Wolle, die Kontrolle zu übernehmen. Ein Schaf verschwand fast vollständig unter ihr. Erstaunlicherweise wurde es dadurch besser. Die Wolle verstand etwas, das das Gesicht nicht verstanden hatte.

Währenddessen versuchte ein Schafshorn, Kunst zu werden. Es verwandelte sich in eine Spirale. Leider in keine besonders gute. Die Spirale wurde daraufhin zu einem Mahnmal menschlicher Selbstüberschätzung erklärt. Auch sie verschwand teilweise unter Wolle.

Die Wolle zeigte sich insgesamt als sehr lösungsorientiert.

In einem anderen Feld entstand eine Wiese. Blumenähnliches. Strukturen. Rhythmen. Dort war Frieden. Dort wusste niemand, dass der Rest des Bildes in Schwierigkeiten steckte.

In der Zwischenzeit warteten Paul Klee und Pierre Alechinsky am Rand des Papiers. Paul fragte: "Wo ist das Raster?" Pierre fragte: "Wo ist das Gewürm?" Die Schafe fragten: "Wo ist das Gras?"

Niemand konnte diese Fragen zufriedenstellend beantworten.

Dann erschienen Eichhörnchen. Sie wurden nicht gemalt. Sie erschienen lediglich als Möglichkeit. Das genügte bereits, um die Lage weiter zu verkomplizieren. Das Bild begann sich zu wehren. Jeder Versuch, es stimmig zu machen, machte es weniger stimmig. Jeder Versuch, es richtig zu machen, machte es weniger lebendig. Das Bild hatte offenbar andere Pläne.

An diesem Punkt trat eine alte Bekannte auf: das schlechte Gewissen. Es erklärte, dass ein ernsthafter Mensch inzwischen längst ein fertiges Werk vorweisen müsste. Das schlechte Gewissen erklärte noch viele andere Dinge. Zum Glück hörte niemand richtig zu.

Draußen zog ein Gewitter auf. Später folgte ein roter Sonnenuntergang. Beide waren deutlich erfolgreicher als das Bild. Das Bild nahm dies erstaunlich gelassen hin. Am Ende der Woche gibt es deshalb kein fertiges Schafbild. Es gibt stattdessen: eine Wiese, einige Wollmassen, eine teilweise gescheiterte Spirale, mehrere freie Felder, eine Menge Fragen, einen Haufen Erkenntnisse und die wachsende Vermutung, dass ein einziger langer Wollfaden vielleicht interessanter sein könnte als alles, was ursprünglich geplant war.

Das Bild ist also nicht fertig. Aber es lebt noch.
Und nächste Woche werden Paul und Pierre heiraten.
Die Schafe sind eingeladen.
Die Eichhörnchen wahrscheinlich auch.
Über die Sitzordnung wird noch verhandelt.




Montag, 16. März 2026
Nun ist fast schon wieder Tag/Nachtgleiche. In Sichtnähe baut ein Elsternpaar sein Nest. Dort oben stehen die dünnen Äste dicht und auf einem zu landen, wirkt schwierig. Ein guter Ort für den Nachwuchs. Auch andere Teile des Hinterhofs erregen Aufmerksamkeit. Die Knospen des Ahorns brechen grün auf und das wird der Moment des Erwachens der weiblichen Roten Mauerbienen. Die weißbärtigen Männchen sind schon seit zwei Wochen in der Luft und warten aufgeregt. Ab und zu fliegen die ansässigen Tauben, es mögen fast hundert sein, elegante Runden, es hat nichts von ihrem sonstigen Getue, hilflos und plump, oder der flatterigen Nervosität der Balzzeit.

Der politische Frühling hingegen bleibt unübersichtlich. Hier und da und dort fallen Bomben, sterben Menschen, große und kleine, gute und böse. Wieder die Frage, ob man selbst glücklich sein darf, wenn andere Menschen klagen. Ja. Wir müssen. Woher soll sonst uns die Kraft kommen jemandem beizustehen, der Leid erfährt? Woher die geistige Klarheit, die schwelenden Ereignisse zu durchschauen?

Ein weiterer Online-Zeichenkurs der moskauer Kunstschule wartet auf mich Anfang April, arbeiten mit Filzstiften. Jetzt schon habe ich alle Filzer bereitgelegt und ausprobiert, von Stabilo und Faber Castell, das Arbeitszimmer umgeräumt – der große Arbeitstisch steht nun direkt vor dem Fenster. Der kleine, eigentlich der Näh- oder Lerntisch, wird der zukünftige digitale Arbeitsplatz links unter der Schräge, und falls es überhaupt mal wieder Aufträge geben sollte, hat hier eigentlich nur die Tastatur Platz und das Pad für die Maus. Unterm großen Tisch, noch von den Ahnen und einst Hort meines ehemaligen Fotolabors im Keller des Elternhauses, dort liegt der schwarz-weiße Webteppich, der Dunkelblaue im Eingangsbereich. Es sieht mehr nach Arbeit aus als in den Monaten zuvor, als sich dort eine ordentliche Unberührtheit auf den Flächen ausbreitete. Die angelesenen Bücher, für die ich im Regal keinen Platz habe, Russische und Lyrik, müssen sich erstmal auf dem Schubladenschrank stapeln.

Ich sammele Inspirationen, was ich denn überhaupt zeichnen möchte. Es hat sich herausgestellt, dass meine Fähigkeit, ein ansprechendes Sujet zu finden, noch etwas der Umsicht bedarf. Abzeichnen ist wohl nicht so mein Ding. Es ist ja schon da, wieso nicht gleich fotografieren. Die neue Sicht könnte innere Bilder zeigen, Phantasielandschaften, abstrakte Farbspielereien oder Geschichten von Sitar- oder Ukulelespielerinnen, die auf Lostusblüten sitzen, von zartem Wasser umspült, im Hintergrund ein russischer Birkenwald, dazu Notizen wie ну что – Sinnbilder sozusagen, Symbole. Vielleicht so wie auf den Tarotkarten, die ich mir nun regelmäßig lege.

Tod und Teufel erschienenvor ein paar Tagen zusammen in einer Legung, der Teufel als Erläuterung dessen, was endgültig tot ist und vorbei. Das nehm' ich gern und beobachte seitdem, ob es stimmt und wie es sich anfühlt.




Montag, 26. Mai 2025

Ich habe wieder angefangen zu zeichnen, hier eine grobe Skizze des Raumes auf ebenfalls sehr rauhem Füll-Packpapier, das ich zu einem Heft gebunden habe. Ich versuche, eine eigene Handschrift zu finden – die Bilder sind noch recht lieb, die Proportionen stimmen nicht – jahrzehntelang bin ich ja mit Grafik beschäftigt gewesen. Zu erkennen wären die Bäume, die außerhalb der Bibliothek stehen und im Traum viel größer waren, das Sofa ohne Vater, der Handlauf der Balustrade und der Tisch mit Dokumenten, der etwas ungeschickt platziert wirkt. Trotzdem, das Unfertige daran gefällt mir. Ein angedeuteter Boden ist durch einen Klebestreifen ersetzt. Auf in einen schönen Sommer.




Samstag, 24. Mai 2025
Ein Traum: In der Bibliothek fanden wir uns ein, Studenten, die Menschenlebensläufe erforschten, vergangene und zukünftige. Das lichte, sehr neue Gebäude bestand aus Holzstreben, deren Fächer verglast waren, wohindurch die Sonne schien auf Holzelemente im Inneren wie Regale, Tische und Stühle. Die höheren Regale konnten mit Treppen, die zu Balustraden führten, erreicht werden. Es gab abgeschiedene Sofaecken auf und unter niedrigen Ebenen, halb versteckt zum ungestörten Arbeiten. Glänzende Drahtseile schienen die Struktur zusammenzuhalten wie ein Fluggerät aus den frühen Tagen der Fliegerei.

Mein Vater war da. Er hatte Papiere auf einem flachen Tisch ausgebreitet und beugte sich über sie. Er war in seinen Vierzigern, Kopf- und Barthaar länger und schon etwas grau, die Kleidung leger wie zum Naturerleben. Ich beobachtete ihn eine Weile, wir kannten uns nicht, jedenfalls nicht als Tochter und Vater, möglicherweise war er einer der Professoren. Ich selbst war mit einer kleinen Gruppe anwesend, wir wollten das Leben einer bestimmten Frau studieren. Viel Material hatten wir noch nicht zusammen und suchten nun in den Dokumenten dieser besonderen Sammlung. Bei uns allen war eine Aufregung zu spüren, die von der lichtgetragenen Stimmung des hohen Raumes noch verstärkt wurde.

Die Studien sahen ein größtmögliches Eintauchen in das Leben der jeweiligen Persönlichkeit vor, die wir uns ausgesucht hatten, eine Verschmelzung geradezu. Die Kriterien der vorausgegangenen Suche waren – natürlich – das leidenschaftliche Interesse an diesem bestimmten Leben, besonders die Psychologie mit ihren lichten und unlichten Seiten, die Seelenstruktur, ihre Eigenarten und die gewählte Inszenierung auf der selbstgeschaffenen Bühne nebst Einsatz der Gefährten.

Unser Individuum war schwer zu fassen, es gab nur wenig öffentliches Material. Wir suchten es hier zu erweitern. Ich ließ meinen Blick wandern – in den Regalen lagen nicht nur Bücher, sondern auch gerollte Papiere, Ordner, Pappschachteln und Metalldosen, Altes, Neues, an manchen hingen mit Borten oder einfachen Schnüren befestigte Etiketten. Auf die Szene fiel das vom Holz warm reflektierte Licht und das Grün der Bäume draußen mit einem dunkelblauen Himmel. Die Sorgfalt und Schönheit dieses Anblicks nahm mir den Atem.

Wir sichteten, wir versanken in unserem Tun, im Stöbern, Lesen, Betrachten, in der Aneignung. Eine halbdurchsichtige Plastikbox fiel mir auf, undeutlich nur war der Inhalt zu erkennen, durch einen Aufkleber halb verdeckt. In meinem Herzen regte sich eine Möglichkeit – ein Empfinden erst, aber dann mit Macht die Erkenntnis: hier würde ich fündig werden. Hier würden sich alle Optionen des gesuchten Lebens mir erschließen! Die Begeisterung, welche meinen Geist erfasste, war süß und voller Leben. Ich hatte eine Entdeckung gemacht. Sie war die meine. Dieses Leben war das meine.

Dann erwachte ich.




Dienstag, 2. Juli 2024
Kann man überhaupt dazwischen sein? Im Moment drehe ich eine Runde durch den Stillstand. Aber im Traum heut Nacht bezogen wir, drei Designer für Grafik und Textil, neue Räume in einer Burg in meiner Heimatstadt. Wir kannten einander noch nicht sehr gut, gerade die Arbeiten des asiatischen Mitstreiters hatte ich bisher nicht gesehen. Die Begeisterung aber, die uns durchfloss, ließ keinen Platz für Zweifel an unserer Unternehmung. Die Burgräume waren hoch und luftig – gegenwärtig – wehende Stoffe teilten Bereiche zwischen frisch geweißten Wänden, durch die Fenster mit Rahmen aus Holz blickten wir über Felder, die von wenigen unbefestigten Wegen durchzogen waren, in der Ferne sanfte Berge, die sich im Sfumato verloren.

Die Schulgründung begeisterte mich damals über alle Maßen. Die bunten Vorstellungen einer fröhlichen Schar von Menschen jeden Alters verloren sich im Grau der Gegenwart, des politischen Gerangels, undurchsichtiger Finanzpläne und Besserwisserei.

Благодарю Бога за тот поток, который идет через меня. So kommentierte jemand ein YT-Video der russischen Band DDT. Ist dieser Strom in mir zum Stillstand gekommen? Ist es nur ein Urlaub (отпуск) von oder ein Gehenlassen (отпустить) und dann ganz menschenleer (пустынный)?

Ich werde heute schauen, wie es sich mit allem verhält. Bleiben Sie dran (falls überhaupt noch jemand mitliest).




Samstag, 13. August 2022


Sie hat auch mich gepackt, die midjourney-KI. Praktisch auf Zuruf malt sie uns Bilder, die aus dem Unbewussten zu kommen scheinen, zumindest aus dem online-Gedächtnis der user, die das Internet bevölkern. Der Zuruf besteht aus Zeilen von Text, die das zu sehen Gewünschte beschreiben. So lautete eine meiner Zeilen wie folgt: the mind of my mother who suffers from dementia, she sits in her favourite garden and dreams.


Da ist keine Angabe von Farben, Stilen oder besonderen Einzelheiten der Blumenwahl. Die KI schafft es, mich zu überraschen und anzurühren. Wie das Gesicht schwarz verschleiert wird und seine Unschärfe findet, wie die Farbe der Blumen darauf abgestimmt ist, hat eine dringende Schönheit.

Während man auf dem Server weilt, kann man die Aktivitäten und Ergebnisse der anderen beobachten. Es gibt auch einige Blogger, die sich mit den Bildern beschäftigen. Allgemein kann man dort eine Ratlosigkeit bemerken, während sich die user bei midjourney ungehemmt ausbreiten, Gottvolles, Albernes oder Politisches verlangen, sich größenwahnsinnig architektonische Ideen generieren lassen oder ein hübsches Manga-Mädchen. Auch Zeichnungen von Ufos nach Leonardo da Vinci sind beliebt, oder in einem bestimmten Stil Gemaltes, Gezeichnetes oder Fotografiertes.

Im ersten Schritt werden vier kleine Bilder gezeichnet, von denen man sich im nächsten Schritt ein höher aufgelöstes oder eine Variation rechnen lässt. Man kann sich probeweise einloggen und hat 25 Bilder frei. Die sind im Nu verbraten, und ich habe mich auf ein bezahltes Abo eingelassen, das mir ca. 200 Bilder erlaubt. Seit Donnerstag habe ich 150 сделал, also gemacht, auch eines dabei, das meinen im Krieg in Russland verschollenen 19-jährigen Onkel zeigen soll. Er ist bei einer Flussdurchquerung ertrunken. Wo die KI die Idee hernimmt, ein gelbes Bündel Blüten auf seiner Mütze zu drapieren, weiß ich nicht. Sie hat Geheimnisse, das ist deutlich und greift Archetypen auf, die wir durch sie erforschen können. Ein echtes Abenteuer.




Samstag, 5. März 2022
Und trotz alldem entwerfen der Bildhauer und ich (für) die Zukunft. Nach vorn. Ich habe keine Angst. Weder vorm Sterben, noch vorm Misslingen des Plans. Wir sind von Unendlichkeit umgeben, wir sind unsrer Zeh'n nämlich, ein kleines Spiel mit den Zehen, dazu die Stimmlage zwei Oktaven höher. Und die eins, die im Russischen übrigens оди́н ist, Odin, bin ich die einzige, die sich darüber wundert? Odin ist das Eine; ohne ein Zweites.

Wir saßen zu sechst beim Geburtstagsfrühstück des Lehrers, der Bildhauer, die Busenfreundin, der Ex-Kumpel, die (vom Krebs) Genesene, sie zeigt uns ihr haarleeres Haupt, und es ist berührend, wie ihr alle zusprechen, sich nun ohne Haarteil in die Öffentlichkeit zu trauen. Über andere Dinge lachen wir viel, aus Spaß benutzen/zensieren wir Wörter wie Sputnik oder Erdgasverknappung, der Ex-Kumpel referiert wie vor 30 Jahren schon über die richtige Atmung, die ja kaum möglich ist hinter der Maske, haha, es gibt Champagner, der nach fast nichts schmeckt, eine launige Endzeitstimmung, mein Bildhauer krebsrot vor Gekichere und dadurch ausgelöste Schnappatmung, er ist immer noch der beste alle Männer, seit siebeneinhalb Jahren sind wir beieinander.

Seit einigen Wochen bin ich unabwechselnd bei ihm zu Gast, sitze, während er das Mahl zubereitet, auf dem kleinen Schemel in der Küche an der Heizung, stricke, häkele oder knüpfe, dazu bekomme ich Anis-Schnäpse gereicht, die Unterhaltung ist äußerst rege und verrührt auf abenteuerliche Weise Schurbel- mit Realpolitik, Kunst mit Spirituellem, da gibt es kaum Grenzen.

Es gibt aber eine Grenze des Denkens mit mir allein. Ich hatte sie bereits überschritten, oder mich ihr soweit angenähert, dass es weh tat. Ich kann vieles davon begreifen, ich begreife die Gemeinschaft, die dahinter steht, die dem eine Art schrecklicher Geborgenheit verspricht, der ihr angehört, ob freiwillig oder gezwungenermaßen. Anscheinend erinnere ich mich, wohl aber aus einem anderen Leben her. Michael Jacksons We Are The World wurde anlässlich der Haiti-Katastrophe vor Jahren neu aufgenommen, und es sind alle diese Leute dabei. Ihre Beweggründe mitzumachen, sind seltsam unemotional, die meisten benutzen eine Wendung mit to have to.

Michael wie ein Engel, fast enthebt er sich der Schwerkraft, es ist eine Freude, ihm zuzusehen.




Mittwoch, 26. Januar 2022
Jetzt sind die Kopfschmerzen endlich verflogen und ich habe mir Musik angemacht. Seit Freitag beschäftige ich mich mit Kryptowährung, habe einen Browser installiert, der mich fürs Surfen und Werbeanzeigen ansehen mit BAT (basic attention token) bezahlt und dabei umgerechnet 0,41 US$ verdient. Seit Freitag. Ich möchte gar nicht wissen, was das für ein Stundenlohn ist. Kryptowährungen, z. B. bitcoin stehen zur Zeit recht niedrig, und ich bin im Begriff, 1 Ether (ETH) zu kaufen, das sind heute so ungefähr 2250 EUR. Dazu muss man eine wallet installieren -- die ist in diesem neuen Browser mit drin -- und kann dann irgendwie loslegen mit der Kreditkarte. Ging gestern nicht. Später nochmal versuchen.

Ethereum ist eine Kryptowelt, die mir gefällt. Sie fußt auf drei Bereichen: DeFi, NFTs und DAOs. Mich interessieren die NFTs, das sind Non-Fungible-Token, nichtaustauschbare Gutscheine/Wertmarken/Spielsteine. Mittlerweile gibt es digitale Kunst und Musik, die als NFTs gehandelt und mit ETH bezahlt werden. Bilder und Musikstücke können kostenlos angesehen und -gehört werden, aber durch den Kauf ist man Besitzer dieses Stücks Kunst. Das macht bei rein digitalen Daten eigentlich keinen Sinn, aber es reizt meine kleine Zockerseele, ein JPG nicht nur anzusehen oder ein screenshot in meinen Bilderordner zu packen, sondern ein NFT zu besitzen. Der Grund, so etwas zu kaufen wird hauptsächlich mit damit bei Freunden angeben begründet. Genau mein Humor. Man klickt sich so durch Webseiten mit Galerien und Albensammlungen, sieht und hört und trifft eine Auswahl. Oder auch nicht.

Viele Musikstücke oder Bilder (Fotografien oder Collagen beispielsweise) haben mehrere layers mit Varianten, die sich im Tagesverlauf verändern, nachts dunkel, tagsüber hell, oder Musikstücke, die an einem anderen Tag anders klingen. Wie dieses, das ich jetzt gerade höre. (Es ist ein indisch gefärbtes Musikstück; ich mochte die gestrige klassische Version lieber als diese Ambient-Sache.)

Die unsinnige Schönheit von Ethereum weckt einen Strom an Ideen, denen ich gar nicht so schnell folgen kann -- Kunstprojekte, die einzig entstehen, weil das Konzept sie möglich macht; dazu Schaffensfreude ohne Erwartungsdruck. Eintauchen in einen mind ähnlich Verrückter, die 3 ETH für ein GIF mit ein paar MB bezahlen, oder wie auch immer die Formate heißen. Ich sehe mich 2022 als Krypto-Künstlerin, deren Begeisterung übers Jahr nicht nachlässt.




Mittwoch, 2. Juni 2021
Bis drei Uhr Filme geschaut, Sachen gelesen, Sprachnachrichten angehört. Ein Teil der Geschichte sein zu wollen, ist, in Rhythmen, begeisternd, dann wieder anstrengend. Viel zu müde zum Frühstück mit der Leserin. Vorm Café können wir sitzen, ohne unsere Gesundheit beweisen zu müssen. Ich versuche, der Leserin den Inhalt eines Vortrages wiederzugeben, der mich nachts beschäftigt gehalten lassen -- und auch im Zweifel. Dieser teilt sich stärker mit als meine guten Gefühle gegenüber dem Referenten. Die entstandene Unstimmigkeit hält mich wieder für ein paar Stunden auf.

Aufgehalten und abgelenkt. Ich beschließe endlich, am 19. nicht in die Hauptstadt zu reisen, um das System zu stürzen, was mich sehr entspannt. Ich muss kein Teil der Geschichte sein. Ein Wunsch, der wiederum aus einem Gefühl der Schuld entsteht. Und wieder fällt. In Rhythmen.

Wie sehr ich Geschichten mag und Texte. Nach dem Mittagschlaf (mir waren buchstäblich die Augen zugefallen) beginne ich einen sci-fi-Roman in Englisch. Ich bin mir bewusst, dass mir in der Fremdsprache feine Stimmungen und Farben möglicherweise entgehen, deshalb lese ich sorgsam, schlage unbekannte Wörter trotzdem nicht nach. Die Autorin hat in einem Vortrag ausgeführt, auf welche Weise sich weibliche science fiction von einer männlichen Erzählung unterscheidet: die weibliche läuft (eher) auf der Beziehungsebene ab, die männliche ist technokratisch(er) und hält irgendeine Maschine bereit als Lösung des Problems.

Der Referent, der mir die gestrige schlaflose Nacht beschert hat, streifte u. a. die besondere Qualität der deutschen Sprache, ihre starke Präzision, ihre Fähigkeit, Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ihre Klarheit. Als Muttersprachler (ich will auch nicht mehr gendern) bin ich mir darüber nicht so bewusst, habe kaum Vergleiche, kann mich aber wenigstens vom Englischen durch seine Knappheit begeistern lassen. Also ein Plan, mich wieder mehr mit Sprache zu beschäftigen, dazu sehe ich mich an einem Schreibtisch sitzen und arbeiten. Es gab im letzten Jahr wenige Autoren (oder nennen wir sie doch gleich Schwurbler), die über die Sprache meine Aufmerksamkeit erregen konnten. Allerdings hatte ich eine schöne Bewusstseinserweiterungserfahrung, als ich an einem Tag Sprachnachrichten in verschiedendsten Mundarten gelauscht hatte. Mir ist klar geworden, dass Dialekte oft benutzt (oder missbraucht) und der Lächerlichkeit preisgegeben werden, wenn Hochdeutschsprechende Komödianten diese nachahmen. Zu erfahren, dass schlaue Leute mit philosophischem, wissenschaftlichem oder politischem Weiblick diesen auf bayrisch, hessisch oder gar sächsisch kundtun, fand ich nicht nur charmant, sondern eigenartig schön, berührend und auf eine außerordentliche Weise bedeutsam.