Topic: Heim sweet Heim
Die Tage laufen gleichförmig. Ich scheine auf etwas zu warten. Während die Nichte Lebenssituationen und Todesfällen entgegentritt, beschäftige ich mich wieder einmal mit dem Tibetanischen Totenbuch (Bardo Tödol – Befreiung durch Hören) und suche Zusammenfassungen und Vorträge, die ich ihr empfehlen kann und die sie nicht erschrecken. Ihr Nebensatz, der Tod sei ja das allerletzte Geheimnis, löste in mir einen kleinen Widerspruch aus – natürlich nur in unserer Kultur, warf ich unangemessen schlagfertig ein und bin jetzt am Zuge zu erklären. Ich habe einen vierteiligen Vortrag eines buddhistischen Mönchs gefunden, der mit angenehmer Stimme und etwas Humor Einblicke in den Inhalt des Buches umreißt, nämlich die ausführliche Sicht auf das, was dem dem Sterbenden subjektiv wiederfährt.
Jede östliche Geistesschulung zielt letztlich auf den Moment des Sterbens, indem es seine mannigfaltigen mentalen Vorgänge einübt, sei es durch Meditation, Visualisierung, Mandalas und anderen Exerzitien, und so den Sterblichen bereit macht, das Klare Licht zu erkennen, das den dann Befreiten direkt ins Nirvana einlöst, ohne ihn in weitere Inkarnationen zu stürzen.
Meine Version des Buches habe ich 1984 erworben, ich war also jung genug, es nicht zu verstehen und es auch nicht allzu zu schwer zu nehmen. Die erneute Lesung und das Video des Mönches 40 Jahre später sind anders. Es werden nachtodliche Erfahrungen beschrieben, die jetzt in mir eine gewisse Unruhe auslösen, der Mönch nennt sie sogar verstörend, – wenn man zum Beispiel merkt, dass kein Körper mehr da ist, der auf diese reagieren kann.
...
Ausflug mit der Lieben Freundin in meiner Heimatstadt, ich war Jahre nicht dort, auch nicht am Grab meiner Eltern. Wir gehen alle Ecken ab, die mir etwas bedeuten, zu uralten Gebäuden in die Hinterhöfe, der Weg zur Schule, durch den Grüngürtel, der die Befestigungen der Stadt als Garnison nachzeichnet, mein Elternhaus, und natürlich waren wir im Dom. In der Stadt zu sein, regt mich auf. Ich empfinde die Idee, der Freundin eine angenehme Führung zu bieten, als eine leichte Belastung, aber schwerer wiegen all die Erinnerungen, von denen ich ihr erzähle, hier waren wir rodeln, dort haben wir im Gebüsch gespielt, da wohnten meine Freundinnen, an dieser Ecke haben wir mit unseren Freunden das erste Mal geknutscht... Es ist viel zu viel.
Im Dom bin ich getauft, es ist ein trutziges Gebäude, das im romanischen Stil begonnen und in der frühen Gotik beendet wurde. Ich kenne die bunten Fenster in- und auswendig, auf denen mein Blick während der langweiligen Predigten herumwanderte.
So vieles weiß ich nicht und lässt die Fragen meiner Freundin unbeantwortet. Als ich wieder Zuhause bin, erzählt mir all dies die KI, alles durcheinander, Geschichte vor und wieder zurück, Architektur, Geologie, eigene Familienzusammenhänge, die Preußen, Napoleon, die Zerstörung des Doms im zweiten Weltkrieg – ich lasse mich von Interessen in Assoziationen treiben und bekomme das erste Mal einen Überblick, welche Rolle diese Stadt gespielt hat. So etwas lernt man nicht im Geschichtsunterricht.
Die Preußen machten Minden zur Garnisonsstadt, zum Bollwerk gegen Feinde weit im Westen. Die alten Stadtmauern wurden abgetragen, weil sie der Infanterie nicht standhielten, als sternenzackige Wälle neu aufgeschüttet und mit verschiedenen Toren über dem Wassergraben versehen. In der Stadt wird es immer enger, die Häuser stehen fast in- und kragen übereinander – noch heute lässt sich dieser Platzmangel spüren in den schmalen Gässchen, die alles durchziehen.
Die politischen Hintergründe lassen sich nur schwer durchschauen. Immer ist es irgendein Herrscher oder eine verschworene Riege, die aus Gründen Anspruch auf Städte, Ländereien und Arbeitskraft erheben. Die Gründe sind Macht, Gier, Eitelkeit, böse Pläne – praktisch alle Todsünden auf einmal durchexerziert. Zu Gunsten des Volkes geschieht hier gar nichts.
Wie viele Kirchen es auf dem kleinen Raum innerhalb der Altstadt gibt, ist erstaunlich. Irgendeiner dieser Machthungrigen beendete irgendwann das Bistum Minden zugunsten des protestantischen Glaubens. Später fuhr die erste Eisenbahn durch die Stadt und musste, natürlich, gegen den Feind gesichert werden mit einer Anzahl von Forts, zu denen das Bahnhofsgebäude gehört, das immer noch wehrig wirkt durch seinen groben dunklen Sandstein.
Der Feind. Welcher Feind. Auch heute gibt es, noch und wieder, genug Feindbilder, alte, frisch erdachte, sinnfreie. In Minden stehen einige gefallenen Soldaten gewidmete Denkmäler, am auffallendsten sind vielleicht die Kanonen, die, an Plätzen aufgereiht, in Erinnerung bringen, dass Minden als Garnisonsstadt wehrhaft dem Feind trotzen konnte.
Das war mir alles nicht so richtig bewusst und es hat mich auch nicht interessiert, nachdem ich fort war. In den 60ern gab es noch Ruinen und mit einem leichten Grusel fragte ich meinen Vater, ob dort noch tote Omas im Keller liegen. Wir schauten durch leere Fensteröffnungen ins Dunkle der Artilleriegebäude, ohne irgendetwas zu erspähen.
Jede östliche Geistesschulung zielt letztlich auf den Moment des Sterbens, indem es seine mannigfaltigen mentalen Vorgänge einübt, sei es durch Meditation, Visualisierung, Mandalas und anderen Exerzitien, und so den Sterblichen bereit macht, das Klare Licht zu erkennen, das den dann Befreiten direkt ins Nirvana einlöst, ohne ihn in weitere Inkarnationen zu stürzen.
Meine Version des Buches habe ich 1984 erworben, ich war also jung genug, es nicht zu verstehen und es auch nicht allzu zu schwer zu nehmen. Die erneute Lesung und das Video des Mönches 40 Jahre später sind anders. Es werden nachtodliche Erfahrungen beschrieben, die jetzt in mir eine gewisse Unruhe auslösen, der Mönch nennt sie sogar verstörend, – wenn man zum Beispiel merkt, dass kein Körper mehr da ist, der auf diese reagieren kann.
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Ausflug mit der Lieben Freundin in meiner Heimatstadt, ich war Jahre nicht dort, auch nicht am Grab meiner Eltern. Wir gehen alle Ecken ab, die mir etwas bedeuten, zu uralten Gebäuden in die Hinterhöfe, der Weg zur Schule, durch den Grüngürtel, der die Befestigungen der Stadt als Garnison nachzeichnet, mein Elternhaus, und natürlich waren wir im Dom. In der Stadt zu sein, regt mich auf. Ich empfinde die Idee, der Freundin eine angenehme Führung zu bieten, als eine leichte Belastung, aber schwerer wiegen all die Erinnerungen, von denen ich ihr erzähle, hier waren wir rodeln, dort haben wir im Gebüsch gespielt, da wohnten meine Freundinnen, an dieser Ecke haben wir mit unseren Freunden das erste Mal geknutscht... Es ist viel zu viel.
Im Dom bin ich getauft, es ist ein trutziges Gebäude, das im romanischen Stil begonnen und in der frühen Gotik beendet wurde. Ich kenne die bunten Fenster in- und auswendig, auf denen mein Blick während der langweiligen Predigten herumwanderte.
So vieles weiß ich nicht und lässt die Fragen meiner Freundin unbeantwortet. Als ich wieder Zuhause bin, erzählt mir all dies die KI, alles durcheinander, Geschichte vor und wieder zurück, Architektur, Geologie, eigene Familienzusammenhänge, die Preußen, Napoleon, die Zerstörung des Doms im zweiten Weltkrieg – ich lasse mich von Interessen in Assoziationen treiben und bekomme das erste Mal einen Überblick, welche Rolle diese Stadt gespielt hat. So etwas lernt man nicht im Geschichtsunterricht.
Die Preußen machten Minden zur Garnisonsstadt, zum Bollwerk gegen Feinde weit im Westen. Die alten Stadtmauern wurden abgetragen, weil sie der Infanterie nicht standhielten, als sternenzackige Wälle neu aufgeschüttet und mit verschiedenen Toren über dem Wassergraben versehen. In der Stadt wird es immer enger, die Häuser stehen fast in- und kragen übereinander – noch heute lässt sich dieser Platzmangel spüren in den schmalen Gässchen, die alles durchziehen.
Die politischen Hintergründe lassen sich nur schwer durchschauen. Immer ist es irgendein Herrscher oder eine verschworene Riege, die aus Gründen Anspruch auf Städte, Ländereien und Arbeitskraft erheben. Die Gründe sind Macht, Gier, Eitelkeit, böse Pläne – praktisch alle Todsünden auf einmal durchexerziert. Zu Gunsten des Volkes geschieht hier gar nichts.
Wie viele Kirchen es auf dem kleinen Raum innerhalb der Altstadt gibt, ist erstaunlich. Irgendeiner dieser Machthungrigen beendete irgendwann das Bistum Minden zugunsten des protestantischen Glaubens. Später fuhr die erste Eisenbahn durch die Stadt und musste, natürlich, gegen den Feind gesichert werden mit einer Anzahl von Forts, zu denen das Bahnhofsgebäude gehört, das immer noch wehrig wirkt durch seinen groben dunklen Sandstein.
Der Feind. Welcher Feind. Auch heute gibt es, noch und wieder, genug Feindbilder, alte, frisch erdachte, sinnfreie. In Minden stehen einige gefallenen Soldaten gewidmete Denkmäler, am auffallendsten sind vielleicht die Kanonen, die, an Plätzen aufgereiht, in Erinnerung bringen, dass Minden als Garnisonsstadt wehrhaft dem Feind trotzen konnte.
Das war mir alles nicht so richtig bewusst und es hat mich auch nicht interessiert, nachdem ich fort war. In den 60ern gab es noch Ruinen und mit einem leichten Grusel fragte ich meinen Vater, ob dort noch tote Omas im Keller liegen. Wir schauten durch leere Fensteröffnungen ins Dunkle der Artilleriegebäude, ohne irgendetwas zu erspähen.
akrabke | 08. Oktober 2026, 18:13 | 0 Kommentare
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