Montag, 16. März 2026
Nun ist fast schon wieder Tag/Nachtgleiche. In Sichtnähe baut ein Elsternpaar sein Nest. Dort oben stehen die dünnen Äste dicht und auf einem zu landen, wirkt schwierig. Ein guter Ort für den Nachwuchs. Auch andere Teile des Hinterhofs erregen Aufmerksamkeit. Die Knospen des Ahorns brechen grün auf und das wird der Moment des Erwachens der weiblichen Roten Mauerbienen. Die weißbärtigen Männchen sind schon seit zwei Wochen in der Luft und warten aufgeregt. Ab und zu fliegen die ansässigen Tauben, es mögen fast hundert sein, elegante Runden, es hat nichts von ihrem sonstigen Getue, hilflos und plump, oder der flatterigen Nervosität der Balzzeit.

Der politische Frühling hingegen bleibt unübersichtlich. Hier und da und dort fallen Bomben, sterben Menschen, große und kleine, gute und böse. Wieder die Frage, ob man selbst glücklich sein darf, wenn andere Menschen klagen. Ja. Wir müssen. Woher soll sonst uns die Kraft kommen jemandem beizustehen, der Leid erfährt? Woher die geistige Klarheit, die schwelenden Ereignisse zu durchschauen?

Ein weiterer Online-Zeichenkurs der moskauer Kunstschule wartet auf mich Anfang April, arbeiten mit Filzstiften. Jetzt schon habe ich alle Filzer bereitgelegt und ausprobiert, von Stabilo und Faber Castell, das Arbeitszimmer umgeräumt – der große Arbeitstisch steht nun direkt vor dem Fenster. Der kleine, eigentlich der Näh- oder Lerntisch, wird der zukünftige digitale Arbeitsplatz links unter der Schräge, und falls es überhaupt mal wieder Aufträge geben sollte, hat hier eigentlich nur die Tastatur Platz und das Pad für die Maus. Unterm großen Tisch, noch von den Ahnen und einst Hort meines ehemaligen Fotolabors im Keller des Elternhauses, dort liegt der schwarz-weiße Webteppich, der Dunkelblaue im Eingangsbereich. Es sieht mehr nach Arbeit aus als in den Monaten zuvor, als sich dort eine ordentliche Unberührtheit auf den Flächen ausbreitete. Die angelesenen Bücher, für die ich im Regal keinen Platz habe, Russische und Lyrik, müssen sich erstmal auf dem Schubladenschrank stapeln.

Ich sammele Inspirationen, was ich denn überhaupt zeichnen möchte. Es hat sich herausgestellt, dass meine Fähigkeit, ein ansprechendes Sujet zu finden, noch etwas der Umsicht bedarf. Abzeichnen ist wohl nicht so mein Ding. Es ist ja schon da, wieso nicht gleich fotografieren. Die neue Sicht könnte innere Bilder zeigen, Phantasielandschaften, abstrakte Farbspielereien oder Geschichten von Sitar- oder Ukulelespielerinnen, die auf Lostusblüten sitzen, von zartem Wasser umspült, im Hintergrund ein russischer Birkenwald, dazu Notizen wie ну что – Sinnbilder sozusagen, Symbole. Vielleicht so wie auf den Tarotkarten, die ich mir nun regelmäßig lege.

Tod und Teufel erschienenvor ein paar Tagen zusammen in einer Legung, der Teufel als Erläuterung dessen, was endgültig tot ist und vorbei. Das nehm' ich gern und beobachte seitdem, ob es stimmt und wie es sich anfühlt.