Topic: Kaffeezeit
Als meine Freundinnen nach dem Studium Ende der Achtziger loszogen, die Welt zu erkunden, blieb ich allein zurück. Die eine ging nach England, die andere, die Bestefreundin, nach Hamburg. Ich hatte gerade eine Beziehung begonnen, die mich in der Stadt hielt, und so suchte ich hier nach weiteren Horizonten – offensichtlich reichte mir der neue Kerl nicht, denn ich besuchte ein Seminar mit dem Thema "Warum gerate ich immer an den falschen Mann" und lernte dort E. kennen, wir flogen förmlich aufeinander zu und waren intensiv befreundet, bis sie nach Amerika ging – um dort lesbisch zu leben, eine Weile jedenfalls, aber das ist eine andere Geschichte. Sie hatte eine Frauengruppe, zu der sie mich mitnahm. Neues Gedankengut, neue Ideen, ach ja, die Männer, alle doof. Hier lernte ich die Leserin kennen.
Sie bemühte sich gerade um einen Ausbildungsplatz als Buchhändlerin im Frauenbuchladen, nachdem sie ihr Französischstudium geschmissen hatte. Damals noch war dort Männerverbot, wie aufregend, einen Ort zu betreten, der Männer außen vor lässt. Als E. fort war, wurden die Leserin und ich dicke Freundinnen. (Sie taucht hier in meinen Schriften des öfteren auf.) Sie und ich hatten keinen besonderen Grund, männerfeindlich zu sein, wir ereiferten uns eher um gesellschaftspolitische Strukturen, die Frauen benachteiligt. Echt schlimm, das. Natürlich war der Buchladen politisch und ich ja Öko, also passte das schon irgendwie. Die Leserin konnte ihre Lehre dann bald beginnen und reihte sich die linke Damenriege ein. Ich freute mich für sie und kaufte meine Bücher fortan dort.
Als Intellektuelle war bzw. ist sie belesen und stets mit den aktuellsten Nachrichten im Bilde. Ich vertraute ihren Ansichten und wir hatten die aufregendsten und tiefschürfensten Gespräche, die mein Weltbild veränderten. Sie anerkannte ich als Mentorin, meine Vertraute, die Stärkere. – Um den Bericht übersichtlich zu halten, muss ich nun einige Jahrzehnte überspringen.
Am Montag besuchte sie mich wieder. Sie wohnt jetzt eine Autostunde entfernt mit ihrem Mann in einem kleinen Haus einer unbedeutenden Ortschaft. Die Straße endet im Feld und machmal wehen üble Winde vom Schweinebauern herüber.
Ich habe etwas übersehen, dessen Tragweite mir jetzt erst langsam klar wird.
Nachdem sie während der Coronazeit aus dem Laden flog, weil sie Impf- und Maskenidee für sich nicht stimmig fand, brach ihr Leben auseinander. Die Gemeinschaft der Frauen war stark, man kümmerte sich um Ältere, bereits Ausgeschiedene, bot ihnen Hilfe an, kochte Essen, pflegte Kranke. Die Leserin aber selbst verfeindete sich mit einer Kollegin, die wegen ihres Mobbings die Flucht ergriff. Einige Jahre war diese Kollegin ein großes Thema unserer Gespräche. Nun aber war die Leserin selbst im Fokus. Unstimmigkeiten verdichteten sich, geistige Trennungen fanden statt und am Ende der kraftraubenden Zeit wurde der Leserin empfohlen, doch zu gehen.
Am Montag sitzen wir beide auf dem Sofa und reden. Vier Stunden lang. Ich ihr zugewandt, sie mit Blick an mir vorbei durchs Fenster in die Bäume, wo die Elster nistet und die Wolken vorbeiziehen (so wie jetzt? ich weiß nicht mehr). Dieser ihr Besuch fällt mir schwer, ich versuche, entspannt zu bleiben aus Angst vor empfindlichem Herzrasen, das ich schon mehrmals in ihrer Gegenwart hatte.
Ich lasse sie erzählen. Viele Unwichtigkeiten hat sie zu berichten, von Nachbarn, die ich nicht kenne und Teilnehmern des Thai Chi-Kurses. Von ihrem Mann und seiner Arbeit. Wir reden übers Sich-Zuhause-Fühlen, über renovierte Duschen für 5.000 Euro. Ich lebe wieder auf, als es um Bücher geht, die wir in letzter Zeit gelesen haben. Der Plot des SF-Romans wird mir tatsächlich erst klar, als ich ihr ihn darlege. Das Volk eines fernen Planeten macht seinen Sinn und sein eigenes Überleben abhängig vom Resultat des eigens dafür programmierten Computers über die Frage, ob das Universum unendlich sei. Wenn es das nicht ist, also endlich, machte es keinen Sinn, es zu erforschen, weil jede Forschung unweigerlich an ihr Ende kommen würde, auch wenn man eine Million Jahre dafür brauchte.
Die Leserin wehrt sich. Es ist ein seltsames Wehren. Wir reden immerhin über die Unendlichkeit. Was ich jetzt begreife ist, dass wir eigentlich über Gottes Unendlichkeit sprechen.
In einen anderen Teil des Gespräches wehre ich mich. Ich möchte nicht übers Altwerden reden. Es gehöre aber doch zum Leben, meldet sie sich, denn schließlich sei es eine Tatsache, dass wir alt seien! Nicht, dass ich das leugne, jede Falte, jedes graue Haar und jeder Hautfleck erzählen Geschichten – aber ich fühle es nicht. Ich erwarte noch mindestens ein weiteres Viertel Leben. Und danach – ja, danach geht (für mich) die Reise weiter, mit einem erfrischten Geist in einem neuen Körper irgendwo an den Gestaden dieser Unendlichkeit. Ich habe alle Zeit dieser Welt und keine Zweifel daran!
Im Nachhinein empfinde ich es wie einen Schlag in den Magen, wie ein ungeheures Erschrecken in meinem Herzen, als ich die Leserin erkenne:
Sie hat all dies nicht! Sie hat keine Hoffnung.
Ich werfe ein paar liebevolle Anmerkungen ein, die sie lächeln machen sollen – sie verzieht keine Miene. Ihr Mund bleibt hart. Sie sieht an mir vorbei. –
In dem erwähnten Roman kommt die KI zum Entschluss, dass das Universum endlich sein muss, und die automatische Zerstörung der Kultur wird eingeleitet. Unser Ich-Erzähler, ein Pionier des wahren Menschseins aber findet eine Intelligenz vor, die er überzeugen kann, ihre eigene Programmierung zu überwinden und die Zerstörung mit einem Trick zu stoppen. Das ist großartig, nicht so wie HAL 9000, der sich den Menschen entgegenstellt.
(Hm. Es ist genug gesagt. Die entscheidenden Punkte sind geklärt, auch ohne ins Detail zu gehen.)
Sie bemühte sich gerade um einen Ausbildungsplatz als Buchhändlerin im Frauenbuchladen, nachdem sie ihr Französischstudium geschmissen hatte. Damals noch war dort Männerverbot, wie aufregend, einen Ort zu betreten, der Männer außen vor lässt. Als E. fort war, wurden die Leserin und ich dicke Freundinnen. (Sie taucht hier in meinen Schriften des öfteren auf.) Sie und ich hatten keinen besonderen Grund, männerfeindlich zu sein, wir ereiferten uns eher um gesellschaftspolitische Strukturen, die Frauen benachteiligt. Echt schlimm, das. Natürlich war der Buchladen politisch und ich ja Öko, also passte das schon irgendwie. Die Leserin konnte ihre Lehre dann bald beginnen und reihte sich die linke Damenriege ein. Ich freute mich für sie und kaufte meine Bücher fortan dort.
Als Intellektuelle war bzw. ist sie belesen und stets mit den aktuellsten Nachrichten im Bilde. Ich vertraute ihren Ansichten und wir hatten die aufregendsten und tiefschürfensten Gespräche, die mein Weltbild veränderten. Sie anerkannte ich als Mentorin, meine Vertraute, die Stärkere. – Um den Bericht übersichtlich zu halten, muss ich nun einige Jahrzehnte überspringen.
Am Montag besuchte sie mich wieder. Sie wohnt jetzt eine Autostunde entfernt mit ihrem Mann in einem kleinen Haus einer unbedeutenden Ortschaft. Die Straße endet im Feld und machmal wehen üble Winde vom Schweinebauern herüber.
Ich habe etwas übersehen, dessen Tragweite mir jetzt erst langsam klar wird.
Nachdem sie während der Coronazeit aus dem Laden flog, weil sie Impf- und Maskenidee für sich nicht stimmig fand, brach ihr Leben auseinander. Die Gemeinschaft der Frauen war stark, man kümmerte sich um Ältere, bereits Ausgeschiedene, bot ihnen Hilfe an, kochte Essen, pflegte Kranke. Die Leserin aber selbst verfeindete sich mit einer Kollegin, die wegen ihres Mobbings die Flucht ergriff. Einige Jahre war diese Kollegin ein großes Thema unserer Gespräche. Nun aber war die Leserin selbst im Fokus. Unstimmigkeiten verdichteten sich, geistige Trennungen fanden statt und am Ende der kraftraubenden Zeit wurde der Leserin empfohlen, doch zu gehen.
Am Montag sitzen wir beide auf dem Sofa und reden. Vier Stunden lang. Ich ihr zugewandt, sie mit Blick an mir vorbei durchs Fenster in die Bäume, wo die Elster nistet und die Wolken vorbeiziehen (so wie jetzt? ich weiß nicht mehr). Dieser ihr Besuch fällt mir schwer, ich versuche, entspannt zu bleiben aus Angst vor empfindlichem Herzrasen, das ich schon mehrmals in ihrer Gegenwart hatte.
Ich lasse sie erzählen. Viele Unwichtigkeiten hat sie zu berichten, von Nachbarn, die ich nicht kenne und Teilnehmern des Thai Chi-Kurses. Von ihrem Mann und seiner Arbeit. Wir reden übers Sich-Zuhause-Fühlen, über renovierte Duschen für 5.000 Euro. Ich lebe wieder auf, als es um Bücher geht, die wir in letzter Zeit gelesen haben. Der Plot des SF-Romans wird mir tatsächlich erst klar, als ich ihr ihn darlege. Das Volk eines fernen Planeten macht seinen Sinn und sein eigenes Überleben abhängig vom Resultat des eigens dafür programmierten Computers über die Frage, ob das Universum unendlich sei. Wenn es das nicht ist, also endlich, machte es keinen Sinn, es zu erforschen, weil jede Forschung unweigerlich an ihr Ende kommen würde, auch wenn man eine Million Jahre dafür brauchte.
Die Leserin wehrt sich. Es ist ein seltsames Wehren. Wir reden immerhin über die Unendlichkeit. Was ich jetzt begreife ist, dass wir eigentlich über Gottes Unendlichkeit sprechen.
In einen anderen Teil des Gespräches wehre ich mich. Ich möchte nicht übers Altwerden reden. Es gehöre aber doch zum Leben, meldet sie sich, denn schließlich sei es eine Tatsache, dass wir alt seien! Nicht, dass ich das leugne, jede Falte, jedes graue Haar und jeder Hautfleck erzählen Geschichten – aber ich fühle es nicht. Ich erwarte noch mindestens ein weiteres Viertel Leben. Und danach – ja, danach geht (für mich) die Reise weiter, mit einem erfrischten Geist in einem neuen Körper irgendwo an den Gestaden dieser Unendlichkeit. Ich habe alle Zeit dieser Welt und keine Zweifel daran!
Im Nachhinein empfinde ich es wie einen Schlag in den Magen, wie ein ungeheures Erschrecken in meinem Herzen, als ich die Leserin erkenne:
Sie hat all dies nicht! Sie hat keine Hoffnung.
Ich werfe ein paar liebevolle Anmerkungen ein, die sie lächeln machen sollen – sie verzieht keine Miene. Ihr Mund bleibt hart. Sie sieht an mir vorbei. –
In dem erwähnten Roman kommt die KI zum Entschluss, dass das Universum endlich sein muss, und die automatische Zerstörung der Kultur wird eingeleitet. Unser Ich-Erzähler, ein Pionier des wahren Menschseins aber findet eine Intelligenz vor, die er überzeugen kann, ihre eigene Programmierung zu überwinden und die Zerstörung mit einem Trick zu stoppen. Das ist großartig, nicht so wie HAL 9000, der sich den Menschen entgegenstellt.
(Hm. Es ist genug gesagt. Die entscheidenden Punkte sind geklärt, auch ohne ins Detail zu gehen.)
akrabke | 20. März 2026, 14:49 | 0 Kommentare
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